Serie: "Mit unseren Bossen im Osten"
Teil Zwei: Mit Herbert Stepic in Albanien

Der Adria-Staat ist heuer das einzige Land in Europa, in dem die Wirtschaft nicht schrumpft. FORMAT besuchte mit Raiffeisen-International-Chef Herbert Stepic das lange Jahre abgekapselte Albanien, das 2013 EU-Mitglied werden will.

Die Börse in Tirana kann derzeit eine erstaunliche Bilanz vorweisen: Trotz weltweiter Finanzkrise ist in Albanien keine einzige Aktie gefallen. Das wäre allerdings auch nicht möglich. An der 1996 gegründeten Börse notiert bis jetzt kein einziger Titel. Im Internet steht unter dem Punkt „Gelistete Gesellschaften“ lapidar: „under construction“. Dies könnte auch ein Motto für den Balkanstaat sein, in dem Karl Mays Buch „Durch das Land der Skipetaren“ spielt. Überall sind heute Kräne am Werk, der Bausektor war 2008 mit einem Wachstum von fast 20 Prozent der Motor der albanischen Wirtschaft.

Geringe Exportquote
Heuer nimmt die Dynamik zwar deutlich ab; trotzdem bleibt Albanien auf der Überholspur. Raiffeisen-International-Boss Herbert Stepic: „Al­banien ist ein Sonderfall. Es ist heuer das einzige Land in Europa, in dem die Wirtschaft nicht schrumpft“ (siehe Interview ) . Die Hauptursache dafür ist die geringe Abhängigkeit vom Ausland: Bei einer Exportquote von nur zehn Prozent kann naturgemäß wenig verloren gehen. Stattdessen lebt der Adriastaat von den vielen Überweisungen von Auslandsalbanern, vor allem aus Italien und Griechenland. Im Land gab es lange Zeit für sie keine Perspektive. Fast ein halbes Jahrhundert regierte der Kommunist Enver Hoxha. Der unter Verfolgungswahn leidende Diktator überwarf sich sogar mit China, dem einzigen verbliebenen Verbündeten, und führte das Land bis zu seinem Tod im Jahr 1985 in die völlige Isolation.

Girokonto statt Bargeld
Als Raiffeisen International (RI) 2004 die staatliche Sparkasse kaufte, gab es im Land kein einziges Gehaltskonto. RI-Chef Stepic: „Es gab damals fast nur Bargeldwirtschaft. Am Hauptplatz von Tirana standen 60 Männer mit Lederwes­ten, die Geld wechselten, es herrschte eine Atmosphäre wie in einem Agentenfilm. Es gab riesige Geldwäscheaktionen durch die Mafia. Wir haben es aber gemeinsam mit der Regierung geschafft, das Wechselgeschäft zu lizenzieren und so den Schwarzgeldverkehr einzudämmen.“ Heute ist Raiffeisen, die gerade das fünfjährige Jubiläum in Anwesenheit von Ministerpräsident Sali Berisha feierte, die größte Bank des Landes. An unzähligen Plakatwänden hängt als Werbung das Bild von Schwimmstar Markus Rogan. Das neueste Projekt ist der Start des Private Bankings. Die Hürde, um sich für den speziellen Service zu qualifizieren, ist moderat. Bei einem Durchschnittseinkommen von umgerechnet 300 Euro im Monat erwartet Raiffeisen Albanien bei der Private-Banking-Klientel ein Monatseinkommen von 800 Euro. Stepic: „Damit wollen wir verhindern, dass Geld unter dem Kopfpols­ter ruht oder ins Ausland geschafft wird.“

Arm, jung und optimistisch
Noch ist Albanien nach Moldawien der zweitärmste Staat in Europa. Dafür hat das Land aber die zweitjüngste Bevölkerung – nach dem Bruderstaat Kosovo. In Tirana, das nach jahrhundertelanger Türkenherrschaft erst 1920 zur Hauptstadt gewählt wurde, gibt es fast keine historischen Bauten. Dafür sind die zahllosen schicken Straßencafés voller junger Menschen. Sie können mit einem stark steigenden Lebensstandard rechnen. Ihre Fremdsprachenkenntnisse sind besser als in den meisten Staaten Osteuropas, das generelle Interesse an neuem Wissen und einer beruflichen Karriere beeindruckt selbst Manager, die schon in vielen Reformstaaten tätig waren. Die Aufbruchmentalität bemerkt auch Mario Holzner, Experte des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW): „Im krassen Gegensatz zu einigen Staaten in Ex-Jugoslawien, in denen unter den Jungen derzeit eine depressive Stimmung herrscht, ist in Albanien der Optimismus weit verbreitet.“

Austro-Geschäfte
Davon profitieren einige österreichische Unternehmen wie Wiener Städtische und Uniqa. Uniqa-Chef Konstantin Klien: „Albanien ist eines unserer besten Länder. Unsere Tochter Sigal ist dort mit 28 Prozent Marktführer und erfreut sich seit zwei Jahren einer ungebrochenen Profitabilität.“ Auch im Tourismus bieten sich noch viele Chancen – im Süden des Landes gibt es eine kaum entwickelte Mittelmeerküste. Klien: „Die Strände sind trotz ihres Karibik-Flairs noch menschenleer.“ Zum Ausgleich für die ausbaufähige Infrastruktur ist Albanien ein sehr gastfreundliches Land – und entgegen vielen Vorurteilen spielt die Alltagskriminalität keine große Rolle. Touristen und Geschäftsleute berichten unisono, dass man sich durchaus sicher fühlen kann. Neben Bodenschätzen wie Chrom, das unter anderem durch ein österreichisch-russisches Konsortium abgebaut wird, könnte Strom für Exporteinnahmen sorgen. Der Verbund setzte Ende Mai den Spatenstich für das 48-Megawatt-Wasserkraftwerk Ashta. Für RI-Chef Stepic könnte der für 2015 geplante EU-Beitritt des frischgebackenen Nato-Mitglieds Albanien den wirtschaftlichen Transformationsprozess weiter beschleunigen. Albanien wäre das ers­te EU-Mitglied mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung. Im Alltagsleben spielt die Religion aber keine große Rolle. Es gibt keine verschleierten Frauen – und die jeweiligen Feste feiern Muslime, Katholiken und Orthodoxe gerne gemeinsam.

Von Martin Kwauka

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