Serie: "Mit unseren Bossen im Osten"
Teil Eins: Bei Boris Nemsic in Moskau

Bei Boris Nemsic in Moskau: Seit April dreht der 51-Jährige als Chef des Telekomriesen VimpelCom ein Milliardenrad. Wie Nemsic die Krise in Russland erlebt und wie er mit Oligarchen und Kreml umgeht.

Boris Nemsic, 51, Ex-Telekom-Austria-Generaldirektor, hat eine wunderbare Aussicht aus seinem neuen Büro in der Krasnoproletarskaya-Straße in Moskau. Das Ambiente der lichtdurch­fluteten Räume mit hellem Holzboden und stylishem Interior könnte der Pariser „Vogue“ entlehnt sein. Einziger Regiefehler: In der Manager-Etage des russischen Telekommunikations-Großkonzerns VimpelCom, bei dem Nemsic seit April als CEO agiert, sind bei allen Eingängen Securitys positioniert, die jeden Ankömmling auf Herz und Nieren prüfen. James Bond lässt grüßen.

Moskauer Knochenjob
Nemsic fühlt sich trotzdem pudelwohl: „Ich mag diese Stadt. Es gibt eine unglaubliche Auswahl an Restaurants in einer absolut hohen Qualität, und es wird viel Kulturelles geboten.“ Er selbst braucht keine Bodyguards, da er ohnehin wie ein Russe aussieht: „Ich bin unrasiert, null Prozent metrosexuell und habe schiefe Zähne“, scherzt er. Sein lockerer Plauderton kann aber dennoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Mann sich hier einen wahren Knochenjob ausgesucht hat. Ganz abgesehen davon, dass der Zeitpunkt seines Jobwechsels – am Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise – ziemlich mutig ist. „Ich bin ein realistischer Optimist. Vieles war bis vor kurzem überbewertet, jetzt gibt es eine gesunde Korrektur. Es wird sich alles auf einem gesunden Niveau einpendeln“, ist er überzeugt.

10 Millarden Dollar Umsatz
Die VimpelCom mit ihrer Marke „Bee Line“, hinter MTS zweitgrößter Mobilfunker Russlands, zählt jedenfalls weltweit zu den Big Playern der Branche. Der Job, den Nemsic in Österreich machte, war im Vergleich dazu ein Feldversuch. „Wir haben in Russland 500 aktive Tarife zu managen, alles in allem laufen 6.000 Tarife parallel. Wenn wir etwa unsere Tarife nur um einen Cent nach oben oder unten bewegen, tut sich einiges“, zeigt Nemsic die Relationen auf. Als erstes russisches Unternehmen wagte es die VimpelCom bereits 1996, an die New Yorker Börse zu gehen. Die Wachstums-Story ging auf. Im abgelaufenen Geschäftsjahr erzielte der Konzern ein Umsatzplus von 41,1 Prozent auf 10,1 Mrd. Dollar. Die Ergebnisse hinken aber ein wenig hinterher. Beim EBITA (Gewinn vor Steuern, Zinsen, Abschreibungen) verzeichneten die Russen ein Plus von 35,1 Prozent auf 4,86 Mrd. Dollar. Netto verblieb VimpelCom zwar noch ein Gewinn in Höhe von 524 Mio. Dollar, der lag jedoch 64,2 Prozent hinter dem Vorjahresgewinn. Grund für das geringe Ergebnis sind allerdings Währungsschwankungen aufgrund des Verfalls des Ölpreises und der Schwäche des Rubels.

Keine Scheinwettbewerb wie in Austria
Nemsic und sein Co-Vorstand, Generaldirektor Alexander Torbakhov, sind trotzdem guter Dinge. VimpelCom erobert gerade die Märkte in Vietnam und Kambodscha. In Kambodscha habe man bereits den Betrieb aufgenommen, in Vietnam will man im Sommer an den Start gehen, so Nemsic. Des Weiteren ist die Internetnutzung in Russland noch ziemlich schwach. Erst 25 Prozent der Bevölkerung surfen im Web. Aber auch im Festnetzbereich rechnet Nemsic mit entsprechendem Wachstum. „Wir besitzen das drittgrößte FTTB-Glasfaserkabelnetz der Welt (Fiber to the Building) und können 100 Megabit/Sekunde anbieten. Das gibt es in Österreich noch nicht. Außerdem kommt in Russland kein Regulator auf die Idee, Scheinmitbewerber zu unterstützen, die nichts investieren wollen“, kann sich Nemsic einen Seitenhieb auf österreichische Verhältnisse nicht verkneifen.

82 Regionen und 6.000 Tarife
Trotz einer Marktpenetration von 132 Prozent gibt es im russischen Handymarkt noch entsprechendes Potenzial. Nemsic: „Viele Menschen haben hier zwei SIM-Karten, da die Entfernungen so groß sind und ein Telefonat von Moskau nach Petersburg umgerechnet zwei Euro kostet, quasi wie ein Auslandsgespräch in Europa gerechnet wird. Bei den Tarifen müssen sich die Provider allerdings ein ­wenig zurückhalten. Denn der russische ­Vizepremier Sergei Ivanov ersuchte die Mobilfunker bereits, ihre Preise zu reduzieren, um den Bürgern in der Krise zu helfen. Nemsic: „Wir haben in 82 Regionen 6.000 verschiedene Tarife, da ist sicher für jeden Geschmack etwas dabei.“

Kindergarten kostet 1.000 Euro
Das mag wohl stimmen. Die Einkommensbandbreite ist in Russland jedenfalls groß. Sascha, Nemsics Chauffeur, verdient umgerechnet netto 1.600 Euro im Monat, seine Assistentin Nataliya 2.500 Euro. Ein Salär, das so mancher Österreicher gerne kassieren würde. Doch für einen Kindergartenplatz, der in Moskau nur 50 Euro kosten würde, jedoch nicht wirklich verfügbar ist, muss man tief in die Tasche greifen: Umgerechnet satte 1.000 Euro muss Nataliya zahlen, um ihr Kind in Moskau in einem adäquaten privaten Kindergarten unterzubringen. Die Kosten für eine Wohnung sind nicht minder hoch. Nemsic wohnt in einer netten Gegend von Moskau, die ein bisschen wie ein Künstlerviertel in Paris anmutet. Seine Bleibe mit 130 Quadratmetern ist nicht ­berauschend groß. Immerhin müssen hier auch seine Frau und die beiden Kinder am Wochenende Platz finden. „Die Wohnungspreise sind hier ein Wahnsinn! Eine Bleibe in dieser Größe hat vor einem Jahr noch rund 20.000 Dollar ge­kostet. Jetzt zahlt man dafür ‚nur‘ noch die Hälfte“, entrüstet sich Nemsic.

24 Stunden Kulinarik
Doch in Russland gehen die Uhren eben anders, im Privatleben ebenso wie im Job. Ein positives Beispiel für Nemsic sind etwa die Öffnungszeiten von 4.000 Restaurants und Cafés allein in Moskau: „Die haben hier rund um die Uhr offen. Wenn ich um Mitternacht Hunger verspüre, bekomme ich alles frisch gekocht.“ Eines seiner Lieblingslokale ist das Café Puschkin. Hohe Kassettendecken, alte Bücherschränke und ein Globus von anno dazumal lassen das Gefühl aufkommen, in Puschkins Wohnzimmer zu sitzen. Das Café Puschkin ist allerdings kein Café nach unserem Verständnis, sondern ein Res­taurant. Geboten wird edelste russische Küche. Reduzierte asiatische Küche genießt Nemsic gerne am Dach des Hotel Ritz-Carlton mit Blick auf den Kreml. Weitere Tipps kann auch er nicht geben: „Dazu bin ich zu kurz hier.“

Netzwerken auf Russisch
Was in Moskau unerlässlich ist: gute Kontakte. Nemsic ist dank seiner Eigentümer gut verdrahtet. Dem russischen Oligarchen Mi­chail Fridman, Eigner der Alfa Bank, über die er bei der VimpelCom Hauptaktionär ist, werden ausgezeichnete Kontakte zu den Staats­bossen Wladimir Putin und Dimitri Medwedew zugeschrieben. Nemsic hält sich bei diesen Netzwerken jedoch lieber noch dezent im Hintergrund: „Für mich ist es ein großer Vorteil, dass mein Kollege Alexander Torbakhov hier aufgewachsen ist und die Leute sehr gut kennt. Er unterstützt mich dabei, ein gutes Netzwerk aufzubauen, und das funktioniert sehr gut“, erklärt er souverän. Das war in Österreich einst anders, als der studierte Techniker 1997 bei der Telekom Austria anheuerte. Bald hatte er einen großen Freundeskreis und beste Kontakte in die Wirtschaft. Nemsic begleitete den ehemaligen Monopolbetrieb von der ersten Stunde an und verzehnfachte dessen Wachstum. Mittlerweile setzt die Telekom 5,2 Milliarden Euro um.

"Nicht der Typ, der bei der Hälfte abbricht"
Trotzdem streuten ihm nicht alle Rosen, als er wegging. Kritiker warfen dem bosnischen Kroaten vor, dass er dem Unternehmen in einer schwierigen Phase den Rücken kehrt und sich seine zwölfjährige Dienstzeit vergolden ließ. Er kontert: „Ich bin nicht der Typ, der sich vor Aufgaben versteckt oder bei der Hälfte abbricht. Ich habe auch keine Abfertigung aus meiner Zeit als Telekom-Austria-Generaldirektor bekommen, weil ich selbst gegangen bin. Ich habe nie Aktienverkäufe mit TA-Aktien betrieben, das finde ich unmoralisch.“ Im Jänner standen seine 120.000 Optionen, die er zuletzt bekam, bei 11,06 Euro, am Tag seines Austritts bei 11,40. „Diese Optionen habe ich zeitaliquot für 2009 abgerechnet bekommen und dafür rund 10.000 Euro brutto erhalten. Damit kann man nun wirklich nicht reich werden.“ Seine restlichen 360.000 Optionen, die er im Zeitraum 2006 bis Jänner 2009 erhalten hat, sind einfach verfallen. Macht nichts: „Geld ist nicht alles“, meint Nemsic. Bleibt noch die Frage offen, ob der Mann nach Ablauf seines Dreijahresvertrags zu seiner geliebten Telekom zurückkehrt. „Nach menschlichem Ermessen gibt es kein Business-Comeback, aber never say never“, schickt Nemsic Grüße aus Moskau.

Von Gabriela Schnabel

Industrie 4.0 und das flexiblere Arbeiten: Die Vorzüge der Automatisierung kommen mit verbesserter Kommunikation zwischen Maschinen noch besser zum Einsatz.
 

Business

Wegbereiter einer neuen Industrie

Boom oder Crash? Unternehmen brechen durch die Kämpfe in der Ukraine und im Nahen Osten Exportmärkte weg. In Österreich macht sich die Sorge vor einer neuen Krise breit.
 

Business

Comeback der Krise?

Innovationskraft: Forschung und Entwicklung sind die Grundlage des Erfolgs der heimischen Industriebetriebe.
 

Business

Innovation - der wichtigste Rohstoff