Serie: "Mit unseren Bossen im Osten"
Teil Drei: Mit Christian Rosner in Kiew

Ein Land zwischen Gas-Krieg und Krisen-Krediten. Keine Region im ehemaligen Osten leidet schwerer unter der Krise als die Ukraine. FORMAT auf einem Lokalaugenschein mit dem Chef von S&T.

Christian Rosner ist angeschlagen. Trotz einer hartnäckigen Verkühlung ist der S&T-Vorstand zum Strategiemeeting in die lokale Niederlassung nach Kiew gekommen. „Den Wodka lass ich diesmal aber aus“, meint er lachend. Mitgekommen ist auch der für Infrastruktur zuständige Vorstand Peter Sturz, der FORMAT auf einem abendlichen Stadtrundgang begleitet. Das Leben in der City pulsiert, die Straßencafés sind voll mit Menschen, und wer sich das Bier in den Lokalen nicht leisten kann, feiert auf den zehn Meter breiten Gehsteigen der Prachtboulevards. In der lauen Vorsommernacht ist wenig zu spüren von dem im Westen omnipräsenten „Gas-Krieg“ mit Russland und dem harten Alltag in der Finanzkrise, die die Ukrainer am härtesten getroffen hat.

Gespaltenes Land
Präsident Viktor Juschtschenko musste vor wenigen Wochen einräumen, dass das BIP im ersten Quartal des Jahres um 23 Prozent eingebrochen ist und die Wirtschaftsleistung im Jahresverlauf um zehn Prozent schrumpfen wird. Die Fassaden der Amtsgebäude sind bunt-pompös ausgeleuchtet. Dass hinter diesen Mauern eine am Rande des Staatsbankrotts stehende Regierung um die internationalen Kreditlinien fürchten und mit Russland um die nächsten Gas-Ratenzahlungen streiten muss, ist erst am nächsten Tag wieder Thema. Es sind demütigende Prozesse für ein Land, das auch in der Bevölkerung tief gespalten ist und mit sich ringt, ob es sich zum Westen oder zum ehemaligen kommunistischen Mutterland orientieren soll. Manifest werden solche Brüche auch im „Sprachstreit“, der Frage ob Russisch neben Ukrainisch zur zweiten Amtssprache werden soll. Der Osten und Süden des Landes ist dafür, im Westen ist man eher dagegen.

Auch die Elite kennt Alltagsnöte
Diese Zerrissenheit spiegelt sich auch in den Biografien wider, etwa der von Oleg Starovoytenko. Der 32-jährige Sohn einer russischen Mutter und eines ukrainischen Vaters gehört als Marketingleiter von S&T zur gut ausgebildeten und gut verdienenden jungen Elite. Die Nöte des Alltags mit Inflationsraten von zuletzt um 20 Prozent sind ihm nicht fremd. „Der ukrainische Durchschnittsverdiener muss einen halben Monatslohn für das Konzert hinblättern“, sagt Starovoytenko, als das Plakat der US-Band Limp Bizkit an der Autobahn vorbeizieht. Die jungen Ukrainer sind in ihrem Lebensstil sehr westlich orientiert, aber auch die Politikverdrossenheit ist ähnlich hoch ausgeprägt – was nicht verwundert.

S&T-Entscheidung für Private
Mit den Wirrungen der ukrainischen Politik hat S&T nichts am Hut. Schon beim Markteintritt im Jahr 2000 entschied S&T-Chef Rosner, keine Geschäfte mit dem Staat zu machen: „Bei diesen Geschäftspraktiken wollten wir nicht anstreifen. Für uns war das eine klare strategische Entscheidung.“ Der österreichische Dienstleister bevorzugt Geschäfte mit privaten Unternehmen. Die 200 Mann starke Truppe von S&T Ukraine hat gut zu tun. Mit technischen Dienstleistungen für Banken, Mobilfunker, Stahl- und Lebensmittelkonzerne machte sie in den letzten Jahren glänzende Geschäfte und legte – bis zur Krise – jährlich um fünf bis zehn Prozent an Umsatz zu. Der ukrainische S&T-Ableger war in den vergangenen Jahren wiederholt der Musterschüler unter den 21 S&T-Ländern.

Vertrauen auf die lokalen Manager
Die maßgebliche Verantwortung dafür trägt Juri Lysetskyi, der die S&T-Geschäfte in der Ukraine seit 2002 führt. S&T hatte damals den von ihm gegründeten IT-Dienstleister Softronik gekauft, integriert und den ehemaligen Offizier verpflichtet, die Geschäfte weiterzuführen. Das hat der „Juri“, wie ihn seine S&T-Vorstandskollegen nennen, bislang äußerst erfolgreich getan. „Ohne Juri wäre das Geschäft in den letzten Jahren niemals so gut gelaufen“, sagt Rosner. Das betont er immer wieder und dazu sein persönliches Mantra zu den Ost-Märkten: „Man darf diese
Länder nicht über einen Kamm scheren. Das ist der falsche Blick aus dem Westen.“ Rosner führt den Management-Grundsatz auch konsequent weiter: „Das Vertrauen in das lokale Know-how geht über alles. Wien greift nur in beratender und führender Funktion ein. Damit sind wir gut gefahren, und keiner kennt die Märkte besser als die lokalen Manager.“

Großrechner statt Cloud Computing
Welche Technik die ukrainischen Unternehmen benötigen, braucht Juri Lysetskyi niemand zu erklären. Die Entscheidungen über die anzubietenden Services führten in den letzten Jahren immer wieder zu leidenschaftlichen Diskussionen mit Wien. Am Ende behielt Juri meistens Recht, vor allem aufgrund seiner Zahlen. S&T-Infrastruktur-Vorstand Peter Sturz erklärt, warum: „Mit westlichen Trendbegriffen wie Cloud Computing fängt man hier nichts an. In der Ukraine ist Infrastruktur, sind Großrechner und Netzwerke gefragt. Der Bedarf für SAP-Projekte und generell das Beratungsgeschäft ist noch nicht in dem Ausmaß vorhanden, wie wir es aus anderen Märkten kennen.“

30 Prozent Einbrüche
In der Wirtschaftskrise kann aber auch Juri Lysetskyi nicht zaubern, und so zeigen die Umsatzkurven seiner PowerPoint-Präsentation nach unten. Der ukrainische IT-Markt wird 2009 um 30 Prozent einbrechen, sagen IT-Marktforscher. Seine Umsätze weist er lieber in der lokalen Währung Griwna aus. Das sieht dann nicht ganz so schlimm aus, wie es sich im S&T-Geschäftsbericht in Euro darstellen wird. Denn die ukrainische Landeswährung Griwna wurde teilweise um 50 Prozent abgewertet. S&T-Mann Peter Sturz kommt dennoch mit guter Laune aus dem Strategie-Meeting: „Angesichts der wirtschaftlichen Lage hier ist die Leistung der ukrainischen Niederlassung extrem beachtlich. Wir sind zufrieden.“

Top 2 auch ohne Redaktionsspenden
Dass das lokale Team selbst dieser Tage profitable Projekte an Land zieht, hat wohl auch mit dem hervorragenden Ruf von Juri Lysetskyi zu tun. Beim jüngsten Top-100-Ranking der wichtigsten ukrainischen Manager landete Juri auf Platz 2. Sein Marketingleiter Oleg Starovoytenko sekundiert nicht ohne Genugtuung: „Das haben wir ganz ohne hilfreiche Spenden an die Redaktion geschafft.“ Neben seinem exzellenten Ruf als Techniker – Lysetskyi baute einst am ersten Großrechner-System der UdSSR mit – helfen ihm gerade in harten Zeiten auch seine Kontakte, die er über die Jahre zu Wirtschaftskapitänen aufgebaut hat. Mitte der 90er haben sie alle aus dem Nichts angefangen. Mit dem Handel von PCs, Fahrzeugen oder Handys. „So etwas verbindet“, sagt Lysetskyi, „auf diese Freundschaften kann ich heute zählen.“

Pionier-Tage schweißen zusammen
Solche Lebenläufe gibt es hier oft. Igor Lytovchenko hat früher mit Meeresfrüchten gehandelt, bis er in Skandinavien Mitte der 90er auf die ersten Handys stieß. Heute ist er Präsident von Kyivstar, dem größten ukrainischen Mobilfunker, und so etwas wie der ukrainische Boris Nemsic. Juri Lysetskyi ist sichtlich stolz, dass die österreichische Delegation einem seiner treuesten Kunden die Aufwartung macht. Kyivstar hat über die Jahre um zig Millionen Großrechner, hochmoderne Verrechnungssysteme und leistungsfähige Netzwerke bei S&T gekauft. „S&T bietet exzellente Qualität und ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis“, sagt der Mobilfunker. Das betont er, wohl um westliche Klischees über wilde Auftragsvergaben im Osten gleich aus dem Weg zu räumen. Im Tagesgeschäft plagen den hünenhaften Präsidenten dieselben Nöte, wie sie auch österreichische Mobilfunker haben: Er beklagt den beinharten Wettbewerb unter den Betreibern, Streitereien mit dem Regulator über Großhandelsgebühren und die „freihändige“ Vergabe von Lizenzen.

Urkunde für den besten Steuerzahler
Wie sich die Mobilfunk-Geschäfte in der Krise entwickeln, kommentiert er knapp: „Der Umsatz pro Kunde ist um zehn Prozent gesunken. Wir haben eine halbe Million Kunden verloren, aber glücklicherweise nur unprofitable.“ Seine ernste Miene erhellt sich schlagartig, als man ihn auf die zahlreichen Pokale und Urkunden in seinem Arbeitszimmer anspricht. Als er die „Urkunde für den besten ukrainischen Steuerzahler“ herzeigt, huscht gar ein Lächeln über sein Gesicht. Er erzählt, wie viel Kyivstar für das Gemeinwohl tut, von der Unterstützung des Song Contests, der Fußballmannschaft bis hin zu zahlreichen Waisenhäusern. In einem Land ohne staatliche Krankenversicherung und mit der höchsten Aids-Rate Europas bekommt das Wort „Corporate Social Responsibility“ eine Bedeutung im Wortsinn.

Gut informierte Optimisten
Zum Abschied überreicht er eine DVD vom 10-jährigen Firmenjubiläum. Darauf ist eine „Oper“, die mit Hunderten Schauspielern und Sängern den Segnungen der modernen Kommunikation huldigt. Für westliche Geschmäcker etwas barock-pompös, für die lokale Bevölkerung war es vermutlich ein ähnlich identitätsstiftender Event wie bei uns die Eröffnung der Wiener Festwochen. Dann ist aber Schluss mit lustig. Auf die Frage nach Zukunftsprognosen antwortet Lytovchenko zögerlich. S&T-Boss Juri Lysetskyi springt ihm mit einer lokalen Volksweisheit bei: „Was ist ein Pessimist? Einfach ein gut informierter Optimist.“

Kathartische Krisenmomente
Diesem pragmatischen Optimismus schließt sich Christian Rosner gerne an. Er sieht in der Krise kathartische Momente: „Diese Zäsur ist durchaus gesund. Zu viele im Osten dachten, dass es in dem atemberaubenden Tempo weitergeht. Aber: Mit niedrigen Steuersätzen lässt sich keine nachhaltige Infrastruktur aufbauen, und jährliche Lohnerhöhungen von zehn und zwanzig Prozent sind unmöglich.“ Für Rosner läuft in Kiew alles nach Plan, nur beim Wodka-Toast zum Mittagessen muss der Antibiotika-gedopte Firmenchef Konzessionen machen. Da kennt Juri Lysetskyi kein Pardon. Der lokalen Management-Kompetenz kann Rosner hier voll und ganz vertrauen.

Von Barbara Mayerl

Im Bild: Peter Sturz, Juri Lysetskyi, Barbara Mayerl und Christian Rosner (von links).

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