Serie "Mit unseren Bossen im Osten", Teil 9: Günter Geyer und Peter Hagen im Gespräch

Vienna-Insurance-Group-General Günter Geyer (im Bild links) und V.I.G.-Vorstand Peter Hagen (im Bild rechts) über verfrühte Jubelmeldungen und die Fähigkeit der Osteuropäer, Alltagsprobleme zu meistern.

Format: Thomas Mirow, der Chef der Osteuropabank EBRD, warnte kürzlich: Das Schlimmste steht uns in den Reformstaaten noch bevor. Ist das auch Ihr Eindruck?
Geyer: Ich persönlich glaube, dass 2010 ein schwierigeres Jahr wird als 2009, sogar viel schwieriger. Das gilt auch für unser Haus, obwohl wir gut vorbereitet sind.
Format: Sie trauen den Meldungen über eine Trendwende der Wirtschaft nicht?
Geyer: Die positiven Signale, die aus Westeuropa kommen, würde ich nicht überbewerten. Deutschland steht vor der Bundestagswahl – und in Wahlzeiten werden gerne positive Meldungen in den Vordergrund gerückt. Es gibt immer noch Entwicklungen, die sich gegenseitig verschärfen: Die Konsumenten kaufen weniger, die Staaten bekommen dadurch weniger Steuern. Dieser negative Kreislauf ist noch nicht durchbrochen. Bisher leben viele Unternehmen noch von Reserven des vergangenen Jahres und von Auftragspolstern, die jetzt abgearbeitet werden. Wenn nicht schnell neue Aufträge kommen, wird die Lage am Arbeitsmarkt noch deutlich härter.

"Wachsen in schwierigem Umfeld"
Format: Was bedeutet das für die Geschäfte der Vienna Insurance Group in den Reformstaaten?
Geyer: Wir wachsen trotz des schwierigen Umfeldes weiter. So sind die Prämieneinnahmen auf Lokalwährungsbasis im 1. Halbjahr 2009 gegenüber dem gleichen Zeitraum 2008 in Tschechien um 34 Prozent gestiegen, in Ungarn um 33 Prozent und in Rumänien um neun Prozent.
Format: Warum wirkt sich die Krise so wenig aus?
Geyer: In vielen Gesprächen sagen uns in Osteuropa die Menschen: Was heißt Krise? Dass es uns jetzt wieder so gut geht wie 2007? Die durchschnittliche Lebensdauer eines Autos ist in Rumänien 17 Jahre. Jetzt fährt er es eben noch ein 18. Jahr. Vielleicht fährt er auch weniger Kilometer, weil das Benzin teuer ist. Für uns als Versicherung heißt das: Es gibt weniger neue Kasko-Polizzen, aber die Zahl der Haftpflichtverträge bleibt konstant. Und durch den geringeren Verkehr passieren weniger Unfälle – das ist ja unter dem Strich nicht so schlecht. Auch bei Versicherungen für Häuser und Wohnungen merken wir keine Kündigungen, weil niemand sein Eigenheim riskieren will. Außerdem ist der Zusammenhalt im Osten deutlich enger als bei uns: In vielen Familien gibt es zum Beispiel Menschen, die aus dem Westen zurückkommen und Geld mitbringen, mit dem sie Verwandte mit finanziellen Problemen unterstützen.

"Für uns gelten andere Regeln als für Banken"
Format: Die Banken leiden derzeit unter einer stark steigenden Zahl von Insolvenzen in Osteuropa – ist das für Versicherungen kein Thema?
Hagen: Es gibt sehr unterschiedliche Auswirkungen: Die Banken spüren die Forderungsausfälle ganz direkt. In unserem Firmenkundengeschäft gelten andere Regeln. Das Letzte, woran ein Masseverwalter sparen würde, sind die Prämien für die Feuerversicherung. Wenn es brennen sollte, wäre er nämlich selber haftbar. Deshalb gehen die Prämien oft pünktlicher ein als kurz vor einer Insolvenz.
Format: Werden sich bei den Banken die Abschreibungen für Problemkredite noch lange hinziehen?
Geyer: Die Banken sind sehr gesprächsbereit, die Zahlungsfristen zu verlängern. Alle Banken wollen die Lasten auf mehrere Jahre verteilen. Trotzdem glaube ich, dass nicht so viel schlagend wird, wie manche Pessimisten befürchten. So gibt es zum Beispiel in Polen staatliche Hilfen direkt für Kreditnehmer – was natürlich indirekt auch den Banken hilft.

"Konsumnachfrage kaum gesunken"
Format: Polen gilt generell als Land, das relativ gut durch die Krise kommt und heuer sogar ein kleines Wachstum von 1,2 Prozent erzielen könnte. Warum?
Hagen: In den meisten Ländern ist die inländische Konsumnachfrage – wenn überhaupt – nicht dramatisch gesunken. Polen profitiert schon wegen seiner hohen Einwohnerzahl besonders vom großen Volumen der Inlandsnachfrage, die zum Beispiel viermal größer ist als in Tschechien, das mehr auf den Export angewiesen ist.
Format: Auf der anderen Seite stehen Länder wie die Ukraine, wo heuer die Wirtschaft 12 Prozent schrumpfen könnte. Wie dramatisch ist dort die Lage für österreichische Unternehmen?
Geyer: Es gibt Banken, die dort stärker betroffen sind. Die Vienna Insurance Group könnte im allerschlimmsten Szenario einen geringen zweistelligen Mio.-Euro-Betrag verlieren, das wäre durchaus verschmerzbar.

"Wie will der Staat die Verpflichtungen reduzieren?"
Format: Sollen die Staaten trotz der explodierenden Staatsschulden noch mehr Geld in die Hand nehmen, um die Wirtschaft zu stabilisieren?
Geyer: Firmen zu unterstützen, die so oder so kaputtgehen, ist wenig sinnvoll. Die aktuellen Überlegungen der österreichischen Regierung, für Verpflichtungen von Unternehmen Haftungen zu übernehmen, finde ich positiv. Die Frage bleibt aber: Wann befasst sich eigentlich eine Regierung mit der Frage, wie sie ihre Verpflichtungen wieder reduzieren wird? Für die Wirtschaft ist es sehr wichtig, bald zu wissen: Welche Maßnahmen kommen ab 2011 auf uns zu, um die Schulden zu reduzieren? Wird der Wiederaufschwung durch fiskalische Maßnahmen wieder deutlich gebremst, wäre das kontraproduktiv.
Format: In Österreich bewegt sich die Höhe der Staatsschulden auf 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu. Wie dramatisch ist die Lage in Osteuropa?
Geyer: Viele Staaten haben weit mehr Spielraum. In Rumänien erreichen zum Beispiel die Staatsschulden erst 40 Prozent.

"Österreich wird weiterhin von CEE profitieren"
Format: Ist die Gefahr, dass Österreich wirklich gravierende Probleme durch das große Osteuropa-Engagement der Banken und anderer Unternehmen bekommt, jetzt kleiner als vor ein paar Monaten?
Geyer: Diese Gefahr gab es nie. Österreich hat enorm von Zentral- und Osteuropa profitiert und wird auch weiterhin profitieren. In den alten 15 EU-Staaten belaufen sich zum Beispiel die Versicherungsausgaben pro Kopf auf 3.700 US-Dollar. Bei den neuen Mitgliedern liegt der Wert durchschnittlich bei einem Zehntel davon, in Rumänien sogar bei 165 Dollar. Diese Schere wird sich schließen.
Format: Wie lange wird das dauern?
Geyer: Vor der Krise sind wir von 15 bis 20 Jahren ausgegangen. Das gilt immer noch – aber ab dem Zeitpunkt, an dem die Krise zu Ende ist. Ich rechne damit, dass es ab 2011 wieder aufwärts geht. Wie stark, hängt ganz wesentlich von den politischen Maßnahmen ab.
Format: Also wurden im Aufholprozess vier Jahre verloren?
Geyer: Nicht überall. Viele Unternehmen ergreifen durch die Krise Strukturmaßnahmen, die man schon lange hätte machen sollen. Wer jetzt wie die voestalpine, Wienerberger oder wir die Chancen zu Einsparungen nützt, hat später eine viel bessere Startbasis.

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