Serie: "Mit unseren Bossen im Osten"
Teil 6: Wolf Theiss ist Löwe in Sofia

Die Wiener Rechtsanwälte Wolf Theiss haben in Sofia als erste ausländische Kanzlei eine Zulassung erhalten. Jetzt winken Infrastruktur-Mandate.

Bulgarien ist für Westeuropäer kein leichtes Pflaster, und das, obwohl das Land seit zwei Jahren in der EU ist. Das bekam auch die Rechtsanwaltskanzlei Wolf Theiss leidvoll zu spüren. 2008 hat die Sozietät in Sofia ein Büro ­eröffnet, aber erst vor wenigen Tagen gelang nach zähem Ringen der große Durchbruch: Die bulgarische Anwaltskammer hat Wolf Theiss Bulgarien als erste große ausländische Kanzlei offiziell anerkannt. „Das war für uns alle eine bedeutende Errungenschaft“, freut sich Horst Ebhardt, Managing Partner von Wolf Theiss, bei seinem Besuch in Sofia.

Ende der Marktabschottung
Auch wenn die Freude über das Erreichte groß ist, an die große Glocke will man die Errungenschaft in Bulgarien dennoch nicht hängen. Der Umgang mit den Behörden sei nach wie vor nicht einfach, eine Aussendung über die Anerkennung könnte die Anwaltskammer vielleicht verärgern, fürchten die Anwälte. Und das, obwohl man sich eindeutig im Recht sieht. „Das war ein klarer Bruch von EU-Recht, eine eindeutige Marktabschottung“, ist Richard Clegg vom Wolf-Theiss-Büro in Sofia überzeugt. Dass er es mit seinem Team als Erster geschafft hat, die bulgarische Handelskammer zu erweichen, hat wohl auch ein bisschen mit Glück zu tun: Denn nur wenn die Namensgeber der Kanzlei, also in diesem Fall Richard Wolf und Andreas Theiss, in der EU als Anwälte zugelassen sind, ist eine Anerkennung möglich, lautet der Standpunkt der Kammer. Was für einige der ausländischen Konkurrenten von Wolf Theiss schwierig werden könnte. DLA Piper, CMS oder Schönherr dürften mit dieser Bedingung größere Probleme haben.

Wende zum Guten?  
Aber jetzt, mit der neuen Regierung, wird in Bulgarien ohnehin alles besser. Davon ist ein Großteil der Bevölkerung überzeugt, und auch bei Wolf Theiss ist das die vorherrschende Meinung. „Das, was der neue Regierungschef Bojko Borissow bislang von sich gegeben hat, stimmt uns sehr zuversichtlich“, meint ­Ebhardt. Vor allem die Ernennung des jungen Weltbank-Ökonomen Simeon Djankov zum Finanz­minister wird als positives und prowestliches Signal aufgefasst. Auch dem für Bulgarien imageschädlichen und die Wirtschaft hemmenden Thema Korruption hat Borissow den Kampf angesagt. 220 Millionen Euro Fördergelder wurden von der EU im vergangenen Jahr wegen mangelnder Korrup­tionsbekämpfung kurzerhand gekürzt. Weitere 825 Millionen Euro wurden eingefroren. Auf dem Korruptionsindex des Jahres 2008 belegte Bulgarien den für ein EU-Land beachtlichen 72. Rang. Ist Korruption also auch für die Anwälte von Wolf Theiss ein Problem in Bulgarien? Offiziell will sich dazu niemand äußern, was ja bereits viel aussagt. Inoffiziell geben die Anwälte aber zu, schon mehrfach damit in Berührung gekommen zu sein. Zwar gehe die Polizei jetzt restriktiver gegen „Low-Level-Korruption“, also Alltagskorruption, vor, „High-Level-Korruption“ sei aber noch immer ein Problem. Immerhin bringt das Thema den Anwälten auch Beratungsmandate ein: Häufig würden sie von internationalen Investoren konsultiert, die wissen möchten, wie sie damit umgehen ­sollen.

Infrastrukturprojekte in der Pipeline  
60 Prozent der Klientel von Wolf Theiss in Bulgarien sind internationale Kunden, der Rest stammt direkt aus Bulgarien. Dieser Teil ist auch im Wachsen begriffen, berichtet Clegg: „Immer öfter investieren bulgarische Unternehmen in Serbien oder Mazedonien, und wir helfen ihnen dabei.“ Überhaupt seien die Chancen von bulgarischen Firmen, bei Übernahmen zum Zug zu kommen, in der Krise erheblich gestiegen: Was jetzt zählt, ist gute Marktkenntnis. Kleinere Unternehmen, wie man sie in Bulgarien vorfindet, nützen jetzt ihre Chance, zuzu­kaufen. Und davon dürfte es in nächster Zeit einige geben, denn die Regierung von Borissow hat einige größere Infrastrukturprojekte in der Pipeline: die Hemus- und die Trakia-Autobahn sowie den Bau eines neuen Atomreaktors in Belene. Besondere Hoffnungen setzt Wolf Theiss auch auf den Ausbau erneuerbarer Energien in Bulgarien. „Dadurch, dass die Regierung jetzt eine starke Mehrheit hat, hoffen wir, dass diese Projekte schneller über die Bühne gehen“, meint Ebhardt. Denn die Vergangenheit hat gezeigt, dass Wolf Theiss – auch ohne Zulassung – bei einigen dieser Großprojekte als Berater mit an Bord war: kürzlich beim Kauf von AvtoUnion durch Equest Investments Balkans. Auch die Angebotslegung der Telekom Austria für die mazedonische Cosmofon wurde von Wolf Theiss Bulgarien betreut. Insgesamt hat das Büro Sofia in den letzten sechs Mo­naten sieben M&A-Transaktionen abgewickelt. „Alles in allem sind wir recht zufrieden“, resümiert auch Ebhardt und lobt die Mitarbeiter – mit Ausnahme von Clegg und einem weiteren Anwalt nur Damen – bei seinem Rundgang durch das kürzlich bezogene Büro in Sofia.

Neu gewonnene Freiheit  
Mit der frisch gewonnenen Freiheit, sprich: der Konzession, kehrt auch neue Betriebsamkeit in das Büro am Rande von Sofia ein. Zimmer­pflanzen wurden aufgestellt, vor wenigen Tagen wurde ein Round Table zum Thema „Renewable Energy“ mit rund hundert Besuchern in der Kanzlei abgehalten. Und auch die Medien dürfen nicht zu kurz kommen: Richard Clegg und Horst Ebhardt „füttern“ sie bereitwillig, auch für heute sind wieder zwei Interviews mit führenden Wirtschaftszeitungen des Landes angesetzt. „Ich habe eine etwas unangenehme Frage: Wie steht es denn mit Ihrer Lizenz?“, will einer der Journalisten wissen. Trotz des gewonnenen Kampfes kommt bei Ebhardt doch noch einmal der Rebell durch: „Die Klienten brauchen ­internationale Anwaltskanzleien, egal ob sie lizenziert sind oder nicht. Das Resultat wird also die Liberalisierung sein ­müssen.“

Angelika Kramer

Im Bild: Wolf-Theiss- Partner Ebhardt und Clegg vor dem Gericht in Sofia.

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