"Schwulsein ist nicht abendfüllend“

"Schwulsein ist nicht abendfüllend“

FORMAT: Das Coming-out des deutschen Fußballers Hitzlsperger hat eine neue Liberalitäts-Diskussion ausgelöst. Eigentlich sollte Homosexualität gar kein Thema mehr sein.

Norbert Kettner: Das wäre der Idealzustand. Aber noch ist die gläserne Decke feinst poliert und es gibt eine Eleganz der Diskriminierung. Ich persönlich bin von zwei Aspekten geprägt: Von meiner Mutter, die mir immer gesagt hat: "Geh deiner Umwelt nicht mit deinen Befindlichkeiten auf die Nerven, aber lass dir auch nix gefallen.“ Und von meinem ehemaligen Chef Sepp Rieder, der in den 70er Jahren mit Christian Broda die große Strafrechtsreform durchgesetzt hat und damit Österreich juristisch erst ins 20. Jahrhundert katapultiert hat. Rieder hat Homosexualität von einer nüchternen juristischen Perspektive aus gesehen, mit einer positiven Wurstigkeit, aus dem Denken heraus, dass in einer zivilisierten Gesellschaft nicht Gruppenmerkmale eine Rolle spielen, sondern individuelles Verhalten. Das finde ich einen nüchternen und offenen Zugang. Insofern ist die ganze Diskussion keine Moraldiskussion sondern eine zivilisatorische.

Sie haben sich innerhalb Ihrer Karriere für ein Selbstouting entschieden.

Kettner: Irgendwann hat das böswillige Getuschel eine Dynamik genommen, wo ich für Klarheit sorgte und zu 99 Prozent positive Reaktionen bekommen habe. Die beste Immunisierung gegen Diskriminierung ist Transparenz. Aber das muss jeder mit sich selbst ausmachen. Ich will mich nicht über Gebühr erklären müssen. Frei nach Rosa von Praunheims "Schwulsein ist nicht abendfüllend.“

Ist die Basis in der österreichischen Politik und Wirtschaft dafür gegeben?

Kettner: Ich denke, dass in Österreich die Bevölkerung viel weiter und entspannter ist, als die zum Teil sehr hermetische Politik- und Funktionärsebene. Die meisten Menschen haben einen Laissez-faire-Zugang. Umso intensiver muss man an rechtlichen Rahmenbedingungen arbeiten.

Welche wären das für die Wirtschaft?

Kettner: Man muss Unternehmens- und Standortebene unterscheiden: Auf der Unternehmensebene will man, dass MitarbeiterInnen ihre Kreativität für das Unternehmen einsetzen und nicht dafür, Scheinwelten aufzubauen und Versteckspiele zu spielen. Alle großen globalen Konzerne haben dafür ein Diversity-Management.

Damit sind wir bei der Standortfrage.

Kettner: Österreich ist ein kleines Land mit nur geringer Marktmacht. Große Konzerne schauen sich heute innerhalb ihrer Ansiedlungspolitik genau an, wo ihre Mitarbeiter ein gutes Leben führen können und nicht behelligt werden. Jedes Signal der Provinzialisierung schädigt den Standort für den internationalen Wettbewerb. In Kroatien etwa ist das Referendum gegen gleichgeschlechtliche Ehe kein gutes Signal. Auffallend ist, dass immer dann, wenn ein Land wirtschaftlich kippt, die Moral- und Nationalfolklore besonders stark wird. Neben Gleichstellungsthemen wie Verpartnerung oder Adoption gehört auch die Trennung von Kirche und Staat zu den zentralen Punkten einer zivilisierten Gesellschaft.

Es macht sichtlich Unterschiede, in welchen Milieus man sich beruflich bewegt. Hatten Sie je mit Ressentiments zu kämpfen?

Kettner: Ich habe zumindest nie eine Diskriminierung gespürt. Natürlich gehen besonders konservative, männerdominierte und techniknahe Branchen mit dem Thema Homosexualität sehr zurückhaltend um. Wenn es männerbündisch wird, werden auch die Männlichkeitsstereotypen überkompensiert, oft bis zur Lächerlichkeit. Wahrscheinlich wird auch nicht jede Jagdgesellschaft in diesem Land automatisch ein schwul-lesbisches Chapter einführen. Da wird dann das Prinzip des hochenergetischen Verschweigens bis zum Exzess durchgezogen und das "Don’t ask, don’t tell“-Prinzip angewandt.

Auch in der Politik gibt es diverse Haltungen.

Kettner: Zum einen gibt es die Viktimisierung, also den "sozialarbeiterischen“ Zugang für einen schwul-lesbischen Streichelzoo, mit dem es alle gut meinen, dann gibt es die Ignoranten, und jene, die daraus eine Bedrohung für das christliche Abendland heraufbeschwören. Das eine, wie das andere stimmt nicht mehr. Ich fühle mich weder als Opfer noch als Pausenclown. Aber in der Politik hat man hierzulande immer noch sehr viel unbegründete Angst vor dem Wähler.

Im Rahmen Ihrer Marketing-Strategie wird Wien als Top-Destination für schwule und lesbische Reisende promotet.

Kettner: Wir bearbeiten die schwul-lesbischen Reisemärkte nicht, weil es ein persönliches Plaisir von mir ist, sondern ein Akt der wirtschaftlichen Vernunft. Wir arbeiten mit den Communities der jeweiligen Länder. In einem rigiden System wie Polen haben wir etwa zu einem Community-Event in das österreichische Kulturforum in Warschau geladen. Polens größte Tageszeitung berichtete am gleichen Tag über Wien als Stadt der Toleranz. Für das Thema gilt das Gleiche wie beim "Im-Kanu-gegen-den-Strom-paddeln“: In der Sekunde, wo man aufhört zu paddeln, treibt man sofort zurück.

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