Schwul, na und?

Schwul, na und?

Homosexuelle Managerinnen und Manager reden über das letzte Tabu: Welche Rolle die sexuelle Orientierung für die Karriere spielt und in welchen Branchen noch diskriminiert wird.

Apple -Chef Tim Cook hat sich erstmals öffentlich zu seiner Homosexualität bekannt. "Ich bin stolz darauf, schwul zu sein", schrieb der 53-Jährige Top-Manager in einem am Donnerstag veröffentlichten Artikel für die "Bloomberg Businessweek". "Und ich denke, dass Schwulsein eines der größten Geschenke ist, die mir Gott gegeben hat." Cook ist seit August 2011 Apple-Chef. Er trat die Nachfolge des gestorbenen Firmengründers Steve Jobs an. Aus diesem Anlass die FORMAT-Story vom Jänner 2014 von Martina Bachler und Miriam Koch zur Nachlese.

Die Fans von Aston Villa tauften ihn "Hitz, the Hammer“, mit dem VfB Stuttgart wurde er 2007 Deutscher Meister, in 52 Länderspielen für die deutsche Nationalmannschaft erzielte er sechs Tore. Und als im Juli 2006 eine halbe Million Deutsche in Berlin den dritten Platz bei ihrer Heim-WM feierten, zählte auch er zu den "Weltmeistern der Herzen“: Thomas Hitzlsperger. Im Sommer beendete der 31-Jährige seine Karriere. Vor wenigen Tagen hat er zu all den Dingen, die man über ihn im Laufe der Jahre erfuhr, noch eine weitere Information hinzugefügt: Hitzlsperger hat seine Homosexualität öffentlich gemacht .

Von der "Bild“-Zeitung bis zum "Spiegel“, vom Fußballbund bis zur Kanzlerin wurde Hitzlspergers Schritt mit großen Respekt bedacht. Auch in Österreich gab es Sympathiebekundungen. Über Homosexualität im Profifußball wurde im deutschsprachigen Raum bisher in erster Linie spekuliert, in zweiter: geschwiegen. Hitzlsperger hat das Tabu gebrochen. Sein Coming-out wird es anderen Spielern vielleicht leichter machen, ihre Partnerschaften in Zukunft nicht mehr zu verstecken.

Noch ist Profifußball eine spezielle Welt, geprägt von traditionellen Männlichkeitsbildern, wo Schwule als zu schwach für Härte, Ausdauer und Leistung gelten. Daher ist die Reaktion auf ein Coming-out deshalb noch nicht wie in Kultur- und Kunstkreisen automatisch: Na und? Auch in der Wirtschaft ist Homosexualität oft ein Thema, das verklemmt behandelt wird. Nach schwulen Handwerkern, Managern und Führungskräften muss man gezielt suchen - und wird nur wenige finden. Warum ist das so?

Vorurteile, Versteckspiel

Im deutschen DAX ist das bisher erste und einzige Coming-out schon wieder zehn Jahre her, kein ATX-Manager hat sich je geoutet und auch aus der Führungsebene anderer heimischer Unternehmen sind nur wenige Menschen bekannt, die ihre gleichgeschlechtlichen Partnerschaften offiziell gemacht haben. Offen lesbisch lebende Managerinnen oder bisexuelle Führungskräfte gibt es so gut wie gar nicht. "Homosexualität ist noch ein gewisses Tabu, auch wenn sich das langsam ändert“, sagt Markus Knopp. Der Unternehmensberater ist Präsident der Agpro, der "Austrian Gay Professionals“, einem Netzwerk, das sich für die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung Homosexueller stark macht und Vorbilder abseits der Regenbogenparade bieten will. "Wir sind noch nicht so weit, dass homosexuelle Menschen in der Arbeit genauso über ihre Familie oder Partner reden können wie heterosexuelle“, urteilt Knopp.

Natürlich können Unternehmen sagen: Die sexuelle Orientierung der Mitarbeiter geht niemanden etwas an und braucht daher nicht besprochen zu werden. Doch es ist nachgewiesen, dass ein Arbeitsklima voller Ressentiments weder Kreativität noch Produktivität steigert: Bis zu 20 Prozent ihrer Arbeitskraft sollen Schwule und Lesben Studien zufolge dafür verwenden, ihre Neigung zu verschleiern. Auch auf der Führungsebene werden Scheinwelten aufgebaut. Für öffentliche Veranstaltungen wird eine Begleitung organisiert, um Gerüchten vorzubeugen. Oder Berufliches und Privates wird total getrennt. "Dabei sollte das alles kein Thema sein, und wenn man selbst mit sich klar kommt, dann tut es auch die Gesellschaft“, sagt Bernd Schlacher. Beginnend mit dem Restaurant Motto hat er in Wien ein Gastronomie-Imperium aufgebaut und seine Homosexualität dabei nie verschwiegen.

Je nach Umfrage liegt der Anteil von Schwulen und Lesben zwischen fünf und zehn Prozent der Gesamtbevölkerung. Mit ihrer sexuellen Orientierung offen um gehen dabei die wenigsten. "Das Thema ist stark tabuisiert, es wird auch in Bewerbungsgesprächen nicht thematisiert“, beobachtet etwa Gundi Wentner, die bei Deloitte den Bereich Human Capital Consulting leitet. Laut einer Studie der EU-Grundrechtsagentur outen sich in Österreich nur 23 Prozent gegenüber ihren Arbeitskollegen. Rund ein Fünftel gibt an, im Berufsleben mit Ausgrenzung und Diffamierung zu kämpfen. „Das passiert kaum mehr offen - dafür ist der Compliance-Druck im Arbeitsleben zu groß geworden -, sondern subtiler“, sagt der deutsche Unternehmer und Diversity-Forscher Jens Schadendorf. Sein Buch „Der Regenbogen-Faktor. Schwule und Lesben in Wirtschaft und Gesellschaft. Von Außenseitern zu selbstbewussten Leistungsträgern“ erscheint im Mai, er hat dafür mit vielen Menschen gesprochen, auch in Österreich.

Über die eigene Sexualität zu reden, kann hierzulande immer noch Nachteile haben. "Viele fürchten, ein Coming-out würde ihnen schaden, weil sie dann von ihren Kollegen und Kolleginnen nicht mehr anerkannt werden und in Folge gemobbt, bei Beförderungen übergangen oder gar entlassen werden“, sagt auch Roswitha Hofmann, die an der Wirtschaftsuniversität Wien zu Gender und Diversität forscht. Die Vorurteile sind auch abseits der Fußballwelt groß: Schwule Männer gelten als schwach, lesbische Frauen nicht als "echte“ Frauen und werden oft auf ihre Sexualität reduziert.

Gesellschaftliche Toleranz steigt

Dabei bricht Österreichs Bild einer Republik mit starker katholisch-konservativer Prägung langsam, auch abseits des Life Balls. Die traditionelle Familie - Mann, Frau, verheiratet, zwei Kinder - gilt immer noch vielen als Ideal, aber die Akzeptanz für andere Formen ist deutlich gestiegen: Eben hat Hermann Maier angekündigt, nicht zu den Olympischen Winterspielen nach Sotschi zu fahren, weil er die Diskriminierung von Homosexuellen in Russland für falsch hält. Im Tiroler Sölden findet jährlich ein Gay-Snow-Happening statt. Zum Song Contest schicken wir heuer die Kunstfigur Conchita Wurst und in der nächsten Staffel der ORF-"Dancing Stars“ tritt Erik Schinegger an, der als Erika Schinegger 1966 die Abfahrts-Weltmeisterschaft gewonnen hat.

"Ich denke, dass in Österreich die Bevölkerung viel weiter und entspannter ist, als die zum Teil sehr hermetische Politik- und Funktionärsebene“, sagt Norbert Kettner, der Chef des Wien Tourismus im Interview . Dennoch scheint die Angst davor, den traditionell denkenden Wähler oder Kollegen vor den Kopf zu stoßen, immer noch so groß zu sein, dass man das mit dem Coming-out lieber lässt.

Vorbilder sind selten - auch in der Politik (siehe " Solange es Diskriminierung gibt, ist Homosexualität Thema "). Markus Knopp von der Agpro findet das schade: "Je mehr Menschen sich outen, desto mehr steigt die Akzeptanz, weil die Vorurteile quasi automatisch ausgeschaltet werden,“ hofft er. Allerdings sei jedes Outing eine sehr persönliche Entscheidung.

Besonders schwierig hätten es Nicht-Heterosexuelle abseits der Ballungsräume und in „männlich-ingenieurlastigen“ Branchen wie Maschinen- und Anlagebau. „Es mag daher kein Zufall sein, dass Autohersteller wie VW oder BMW bei der Vermeidung von Diskriminierung oder der aktiven Nutzung der Potentiale von Schwulen und Lesben keine Vorreiterrolle einnehmen“, sagt Schadendorf. Deutlich progressiver sind etwa Töchter US-amerikanischer Konkurrenten, zum Beispiel Ford, oder Unternehmen, die auch am amerikanischen Markt aktiv sind. „Selbst in diesen Firmen gibt es nicht selten Unterschiede im deutsch- und im amerikanischen Raum betrachtet. Noch weniger - bis nichts - geschieht dann aber in Ländern wie Russland oder Saudi-Arabien, wo Homosexualität strafrechtlich verfolgt.“

Ausgehend von den USA gilt bei vielen Unternehmen Vielfalt mittlerweile als Wert, der am Ende zu besseren Ergebnissen führen soll. Um einen möglichst bunten Pool an Talenten zu haben, nimmt sich das "Diversity Management“ gezielt Minderheiten an. Egal ob das die Religion, den kulturellen Hintergrund oder die sexuelle Orientierung betrifft.

Vorteil durch Vielfalt

Zu den Vorreitern in Österreich zählt IBM. Schon seit 25 Jahren versuche man Arbeitsbedingungen zu schaffen, die "niemanden wegen seiner sexuellen Orientierung benachteiligen“, sagt die Diversity-Beauftragte Dagmar Gaugl. Offenheit gibt es auf den verschiedensten Ebenen: Initiativen zur Gleichstellung werden unterstützt, im Juni wird die Regenbogenflagge gehisst, bei der Regenbogenparade ist IBM dabei, es gibt firmeninterne LGBT (Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender)-Netzwerke, über die neue IBM-Mitarbeiter gleich zu Beginn informiert werden. Dem Unternehmen ist es egal, welches Geschlecht der Partner hat, wenn es um Pflegefreistellung, Zusatzversicherung, Hospizkarenz oder Pensionspläne geht. Führungskräfte werden extra geschult, seit kurzem werden im Unternehmen "Alliierte“ gesucht - Heterosexuelle, die offen für die Gleichbehandlung aller eintreten. Die Resonanz auf diese liberale Haltung sei durchwegs positiv, es gebe auch Top-Manager, die sich geoutet hätten, sagt Gaugl.

Andere Unternehmen gelten ebenfalls als Vorbilder, was die Gleichstellung betrifft, etwa die Versicherung Wiener Städtische oder Baxter. Der Pharmakonzern hat im vergangenen Jahr von den USA ausgehend damit begonnen, die Bedürfnisse von Homosexuellen aktiv zu berücksichtigen. Das wird vom Top-Management unterstützt, Plattformen wurden ins Leben gerufen. "Unser Ziel heuer ist es, das Thema noch stärker in den Vordergrund zu rücken“, sagt Alexandra Hilgers, Personalmanagerin bei Baxter. Geplant sind etwa Netzwerk-Frühstücke, zu denen Betroffene aus allen Abteilungen kommen können und auch Gespräche mit Lieferanten, die ebenfalls zu Offenheit eingeladen werden.

"Schwulsein ist für mich so normal wie Kaugummi-Kauen“, sagt Lukas Haider vom Beratungsunternehmen Boston Consulting Group. Bei BCG gibt es ebenfalls eigene Netzwerke für LGBT, die sowohl regional als auch weltweit organisiert sind. Es wird Wert darauf gelegt, Partner von Mitarbeitern unabhängig vom Geschlecht gleichzustellen - bei den Sommerfesten und Weihnachtsfeiern kommen seit einigen Jahren schon Männer mit ihrem Mann.

Baxter-Manager Albert Lauss, der sich selbst geoutet hat, freut sich, "dass das Baxter Equality Network von der Unternehmensleitung unterstützt wird. Natürlich gibt es auch wirtschaft-liche Hintergründe für diese Haltung: Mitarbeiter, die sich wohl fühlen, sind produktiver.“

Auch am Land und in kleinen Unternehmen kann Diversität gut gelebt werden. "Coming-out ist ein Prozess, den man mit sich selbst ausmachen muss“, betont ein 43-jähriger Tiroler, der in einer Kleinstadt einen Handwerksbetrieb führt und lieber anonym bleibt. Er will weiterhin an seiner Leistung gemessen werden und nicht an seiner sexuellen Orientierung, auch wenn die schon lange kein Geheimnis mehr ist. Sein Partner arbeitet mit ihm zusammen, das Geschäft läuft bestens. Wenn man offen damit umgehe, würden auch die Kunden und Mitarbeiter kein Problem damit haben, sagt der Unternehmer, und: "Die Gesellschaft ist da um Jahrzehnte weiter als die Politik.“

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