Schleckers Überlebenskampf

Die Zukunft der deutschen Diskonthandelskette steht jetzt auch in Österreich auf der Kippe. Große Markenartikler wollen nicht mehr liefern. Sie fürchten, auf den Forderungen sitzen zu bleiben.

Seit Bekanntwerden der Schlecker-Pleite in der Vorwoche wird Optimismus versprüht – ob von Branchenkennern, der Gewerkschaft oder von Schlecker selbst. „Das Geschäft in Österreich läuft nach wie vor gut, Schlecker wird es überstehen“, lautet einer der vielen Mutmacher-Sprüche, auf die man sich offenbar ge­einigt hat, um Panik zu verhindern. Doch allmählich wird immer klarer, dass dies Wunschdenken ist. Denn der Überlebenskampf des insolventen deutschen Unternehmens wird auch in Österreich immer verzweifelter – und auswegloser.

Markenartikler springen ab. Wie ­FORMAT in Erfahrung brachte, hat die deutsche Markant Handels- und Industriewaren-Vermittlungs AG ihr Geschäfts­verhältnis mit Schlecker beendet – und das auch in Österreich. „Wir mussten aus kaufmännischen Interessen die Reißleine ziehen“, bestätigt Österreich-Chef Erwin Wichtl. Markant zeichnete für Schleckers Zentralverrechnung verantwortlich, also für den Zahlungsverkehr zwischen dem Diskontriesen und der Industrie. In Summe soll Schlecker der deutschen Markant AG schon 150 Millionen Euro schulden.

Der Industrie ist das zu heikel

Sie fürchtet, auf ihren Forderungen sitzenzubleiben. Markenartikler planen deshalb den Absprung, sogar um Nestlé gibt es diesbezügliche Gerüchte. Der Lebensmittelriese will den Diskonter angeblich nicht mehr mit der wichtigen Tierfuttermarke Purina beliefern, andere Nestlé-Produkte aus dem Bereich Babynahrung könnten folgen. Auf Anfrage sagt Österreich-­Sprecherin Angela Teml: „Wir hatten mit Markant einen Vertrag für die Lieferung an Schlecker. Da Markant und Schlecker nicht mehr kooperieren, haben auch wir keine Verpflichtung mehr gegenüber Schlecker. Derzeit gibt es also keine Lieferungen, und wir prüfen gerade, wie es mit Schlecker weitergeht.“

Für die 3.000 österreichischen Mit­arbeiter in den 970 Filialen der Droge­rie­kette hätte der Ausstieg der Markenartikler fatale Folgen: Gut zwei Drittel der Produkte sind Markenware. Fehlen sie in den Regalen, ist endgültig Schluss. Auch Henkel Austria lässt gegenüber FORMAT offen, ob man Schlecker noch beliefern will.

„Schlecker hat auch in Österreich keine Überlebenschancen, wenn die Eigentümer nicht schnell viel Eigenkapital investieren“, sagt Branchenprofi Hanspeter Madlberger, Herausgeber des Fachblatts „Key Account“. Auch WU-Handelsprofessor Peter Schnedlitz ist skeptisch: „Das Schicksal von Schlecker Österreich steht und fällt mit der Entwicklung in Deutschland.“ Und die sieht nicht gerade rosig aus.

Insolvenz beantragt

Schlecker strebt nun eine sogenannte Planinsolvenz an. ­Anders als bei gewöhnlichen Insolvenzen könnte das Unternehmen so vom Management und dem Eigentümer, also der Familie Schlecker, saniert werden. Realistisch betrachtet bleibt das Risiko damit hoch. In Österreich versuchte etwa im Vorjahr das A-Tec-Management, den Industriekonzern selbst zu sanieren, scheiterte aber, und zum Ärger der Gläubiger läuft nun die Verscherbelung aller Assets.

Voraussetzung bei Planinsolvenzen in Deutschland ist, dass ein Sanierungsexperte im Management sitzt, als Aufpasser und Ratgeber. Bei Schlecker ist ein solcher bereits an Bord. Um wen es sich handelt, will man aber nicht sagen. Ob die Planinsolvenz überhaupt genehmigt wird, entscheidet ein Richter. Wenn er dagegen befindet, kommt es zur „normalen“ Insolvenz, was die Wahrscheinlichkeit einer Zerschlagung von Schlecker erhöht. Die alles entscheidende Frage ist, ob und wie viel Geld die Familie zuschießen will.

„In einer Schlecker-Filiale sieht es noch so aus wie in den Siebzigerjahren oder zu DDR-Zeiten“, spricht WU-Mann Schnedlitz eines der Hauptprobleme an. In Österreich mussten schon in den letzten Jahren mehr als 200 Filialen dichtmachen. Schleckers Probleme scheinen zu vielschichtig, um sie rechtzeitig lösen zu ­können. Der Überlebenskampf steht damit an der Kippe.

Silvia Jelincic

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