"Schiefergas in Europa wird kommen"

"Schiefergas in Europa wird kommen"

FORMAT: Herr Roiss, heuer im September wurde Ihr Vertrag um weitere drei Jahre bis März 2017 verlängert. Sie sollen den Umbau der OMV vorantreiben. Wo soll denn der Energiekonzern 2017 stehen?

Gerhard Roiss: Wir haben im September 2011 die Strategie der OMV präsentiert, mit einem klaren Ziel bis 2016. Heuer haben wir die entscheidenden Schritte gemacht: von einem Downstream- zu einem Upstream-orientierten Unternehmen. In den nächsten drei Jahren folgt die konsequente Umsetzung.

Also mehr eigene Förderungen von Öl und Gas, weniger Raffineriegeschäft und Tankstellen …

Roiss: 2011 waren wir zu 66 Prozent downstream und zu 34 Prozent upstream. 2014 sind wir ein Unternehmen mit mehr als 50 Prozent Anteil aus Förderung. Das ist ein markanter Weg. Wir werden im nächsten Jahr 3,8 Milliarden Euro investieren, heuer haben wir fünf Milliarden großteils aus dem Cashflow heraus investiert. Es gab kein Jahr, wo so viel in dem Unternehmen passiert ist, wie 2013.

Mit einem Wermutstropfen: dem Aus für die Nabucco-Pipeline .

Roiss: Nabucco war ein Zehnjahresprojekt, das politisch nicht zu heben war. Ich habe schon ein Jahr vorher die Erfolgswahrscheinlichkeiten mit 20 bis 25 Prozent beziffert und wurde gefragt: "Warum tut ihr das dann?“ Ganz einfach: Wir machen viele Projekte, die Erfolgswahrscheinlichkeiten unter 50 Prozent haben.

Wie sehr wirft Sie die Nabucco-Entscheidung strategisch zurück?

Roiss: Überhaupt nicht. Unser Kerngeschäft ist das Gas, nicht die Pipeline. Die bringt fünf bis sechs Prozent Rendite, die Förderung zweistellige Renditen. Die Pipeline brauche ich, wenn ich genug Gas habe.

Die OMV hat im Schwarzen Meer ein sehr großes Gasfeld bereits lokalisiert.

Roiss: Ja, das Potenzial ist so interessant, dass sogar Exxon bereits vor dem Fund eingestiegen ist. In den nächsten Jahren werden wir wissen, wie viel Gas wir dort haben. Wenn es entsprechend viel ist, dann wird’s auch eine Pipeline dafür geben. Jetzt lassen wir einmal das modernste Bohrschiff in Korea bei Hyundai um ein paar Milliarden Euro bauen. Das ist Hightech, das ist die Umpositionierung des Unternehmens - und, was man nicht sieht: die geistige Umpositionierung. Wir brauchen 1.600 neue Leute, und zwar sehr gute.

Ist die OMV attraktiv genug, um für Topleute interessant zu sein?

Roiss: Wir haben einen Explorationserfolg von 60 Prozent, was weit über dem Marktschnitt liegt. Es fällt auf, dass wir gut sind, und darum kriegen wir gute Leute. Der Standort Wien ist vielleicht ein Problem, weil internationale Experten lieber nach London oder Houston gehen.

Die OMV macht sich jetzt in Madagaskar auf die Suche nach Öl. Warum das?

Roiss: Weil wir uns von Sub-Saharan Africa, dem Gebiet unterhalb der Sahara, viel erwarten. Wir haben jetzt mit Madagaskar begonnen, aber da wird noch einiges mehr kommen. Dort liegt einer unserer Schwerpunkte. Generell gilt: Wir machen weniger Projekte, die aber mit einer größeren Beteiligung.

Sie investieren viel, aber ziehen sich aus anderen Bereichen zurück. Bayernoil etwa steht zum Verkauf?

Roiss: Wo immer sich Divestment-Möglichkeiten ergeben, werden wir sie nutzen. Die Mobilität der Assets in unserer Branche ist massiv gestiegen.

Wie viel werden Sie denn in Österreich investieren?

Roiss: 450 Millionen in den kommenden beiden Jahren sind es allein für Exploration und Produktion. Wir investieren entsprechend den Möglichkeiten in unseren Feldern im Weinviertel und Gänserndorf.

Ist da überhaupt noch was drinnen?

Roiss: Durchaus, früher hatte man aus Feldern 30 Prozent Ausbeute, mit besserer Technologie bekommt man heute viel mehr aus den Vorkommen raus. Und das nützen wir.

Hat die eher zurückhaltende Investitionstätigkeit in Österreich auch etwas mit den politischen Rahmenbedingungen in unserem Land zu tun?

Roiss: Nein, das zu behaupten wäre unfair. Aber wir verdienen nun mal 90 Prozent unseres Geldes im Ausland.

Nochmals zum Gasgeschäft. Der Verbrauch geht im Moment zurück, Gaskraftwerke sind defizitär. Sorgen, dass die OMV keine Nachfrage für ihr Gas findet, gibt es nicht?

Roiss: Diese Einschätzung stimmt bis etwa 2020. Danach kommt auch in Europa wieder Wachstum bei Gas, weil es die sauberste Energie ist und man davon ausgehen kann, dass die CO2-Kosten steigen werden. Und genau zu diesem Zeitpunkt kommen wir mit unseren großen Mengen. Sie müssen wissen: Im Unterschied zu Öl sind Transportkosten bei Gas ein Faktor, sie machen zehn Prozent aus. Wer dann, so wie wir, kurze Wege hat, der hat einen Kostenvorteil.

Schiefergas gäbe es vor der Haustüre, da wäre der Transport besonders billig.

Roiss: Schiefergas in Europa wird kommen. Heute hat die EU einen Weltmarktanteil von 36 Prozent bei energieintensiven Industrien. Aber wenn Europa sich in der Energiepolitik nicht ändert, dann gehen der internationalen Energieagentur zufolge bis 2035 zehn Prozentpunkte von diesem Weltmarktanteil verloren. Diese Aussicht hat sehr viele in Brüssel wachgerüttelt. Die Engländer suchen bereits intensiv nach Schiefergas, die Polen und Rumänen wollen es tun. Auch Österreich hat große Reserven an Schiefergas.

Man kann das ohne Probebohrungen feststellen?

Roiss: Ich kann nicht feststellen, welches Gas das ist, ob es förderbar ist oder nicht. Ich weiß nur, dass es da ist. Derzeit sind Probebohrungen nicht erlaubt, das nehme ich zur Kenntnis. Weil wir immer gesagt haben, es muss ökologisch vertretbar und bei der Bevölkerung akzeptiert sein. Wir machen es auch nicht im Ausland, weil wir sowieso keine Manpower haben, das zu tun, so viele andere Projekte haben wir.

Könnte man heute schon ohne Verschmutzung der Umwelt Schiefergas fördern?

Roiss: Natürlich kann man es. Europa könnte einen eigenen Weg gehen, was den Einsatz von abbaubaren Chemikalien bei den Bohrungen betrifft. Aber wenn ich die Entwicklung nicht beginne, passiert nichts und es werden auch keine Arbeitsplätze geschaffen.

Bezüglich einer anderen Zukunftstechnologie haben Sie gesagt, Wasserstoff sei 2014 ein Thema für die OMV. Glauben Sie, im kommenden Jahr werden schon entsprechende Autos in Serie gehen?

Roiss: Die Koreaner sind in diesem Bereich weiter und werden 2015 die ersten Flotten herausbringen. Die Europäer sind Richtung 2016, 2017 unterwegs. Der Zeitpunkt ist nicht so wichtig. Ich sehe unseren Beitrag gesellschaftspolitisch - dass man Österreich an ein Wasserstoff-Tankstellennetz in Europa anbindet. Wir sind auch in Deutschland Teil eines Konsortiums, das insgesamt 400 Wasserstoff-Tankstellen bauen möchte.

Könnte neben der Verteilung auch die Produktion von Wasserstoff ein Geschäftszweig für die OMV werden?

Roiss: Ja. Wasserstoff wird aus Gas erzeugt. Daher hat Wasserstoff mit uns zu tun.

Zum Abschluss noch kurz zur Politik: Die Regierung plant einen Umbau Ihres Großaktionärs ÖIAG. Was würden Sie sich wünschen?

Roiss: Ich konzentriere mich auf das Unternehmen, das war immer meine Linie.

Aber zum Argument der Gewerkschaft, dass Tausende Arbeitsplätze durch die weitere Privatisierung der OMV verloren gingen, könnten Sie etwas sagen …

Roiss: Das ist historisch. Ich bin verantwortlich für die aktuelle Strategie. Ein großes Schiff wie die OMV ist herausfordernd genug, daher habe ich auch alle anderen Aufgaben wie Aufsichtsratsmandate abgegeben.

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