Schicksals-Jahr: 2012 wird ein schwieriges Jahr für die Weltwirtschaft

Vorschau. Schuldenprobleme, harte Sparprogramme und verunsicherte Finanzmärkte – 2012 droht nicht nur für Europa zum Krisenjahr zu werden. Die Wirtschaft schwächelt weltweit.

Christine Lagarde, zum Beispiel: „Der Ausblick für die Weltwirtschaft ist momentan nicht besonders rosig. Es ist ziemlich düster“, sagt die Französin, und sie sollte davon eigentlich eine Ahnung haben. Lagarde ist Chefin des Internationalen Währungsfonds. Und auch der jüngste Wirtschaftsbericht der OECD warnt: „Die Politiker müssen sich weltweit auf das Schlimmste vorbereiten.“

Wer auch immer also laut über 2012 nachdenkt, gibt im Moment düstere Sätze von sich. Und ja: Rezessionen, Sparpakete, Turbulenzen auf den Kapitalmärkten, Kreditklemmen und Rating-Herabstufungen – 2012 hat nicht die besten Startvoraussetzungen. Hinzu kommt, dass viele Prognosen momentan davon ausgehen, dass sich der Ölpreis auch im kommenden Jahr auf hohem Niveau halten wird – ein weiterer Dämpfer für die wirtschaftliche Entwicklung.

Lagardes IWF erwartet für 2012 ein Weltwirtschaftswachstum von vier Prozent, 2010 lag es bei über fünf Prozent. Für die Eurozone geht er sogar von nur 1,1 Prozent aus, noch geringere Erwartungen hat die Europäische Zentralbank: Sie hat ihre Prognose für die Eurozone Anfang Dezember von 1,3 Prozent auf 0,3 Prozent nach unten revidiert. Die wirtschaftlich schwache Entwicklung Europas und die anhaltende Unsicherheit an den Finanzmärkten überträgt sich auch auf andere Weltregionen. IWF-Direktorin Lagarde vergleicht deshalb die aktuelle Situation mit den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts – und warnt vor einer weiteren „großen Depression“.

Selbst wenn das vielleicht etwas überzogen ist: Wenn das Horrorszenario abgewendet werden soll, muss das in Europa passieren. Ein Vorhaben, an dem die europäische Politik bisher gescheitert ist, dessen Erfolg für das Jahr 2012 aber entscheidend ist. Können Italien, Spanien und Portugal ihre Sparpakete umsetzen und wieder Vertrauen an den Finanzmärkten gewinnen? Gelingt es, die weitere Ansteckung auf Kerneuropa zu verhindern? Und woher kommt, wenn alle sparen, noch Wachstum?

Krisenherd Europa

Seit mehr als einem Jahr ist Europa im Krisenmodus. Auch nach dem bisher letzten einer langen Reihe von Gipfeltreffen ist keine Entwarnung angesagt. Von den vier Krisenländern Griechenland, Portugal, Spanien und dem systemrelevanten Italien soll 2012, wenn überhaupt, nur Spanien zu einem leichten Wirtschaftswachstum finden. Für Konjunkturpakete besteht unter den angespannten finanziellen Umständen kaum Spielraum.

Entscheidend ist nach Expertenmeinung vor allem, wie es mit dem Riesenstaat Italien weitergeht. „Das Land wird in einer Rezession sein, aber wenn Premier Monti sein Sparpaket durchbringt, sieht es mittelfristig gut aus“, gibt sich der UniCredit-Ökonom Stefan Bruckbauer optimistisch. Auch Peter Mooslechner, Chefökonom der Oesterreichischen Nationalbank, sieht keinen Weg, der an Sparanstrengungen vorbeiführt. „Früher oder später wird es aber Wachstumsimpulse auf europäischer Ebene geben müssen, vor allem, um die Krisenländer zu unterstützen.“

In den ersten Monaten 2012 entscheidet sich, ob die Fortschritte ausreichen, um das Vertrauen der Finanzmärkte zurückzugewinnen, und die zuletzt stark gestiegenden Zinsen für Staatsanleihen nachgeben. Der Refinanzierungsbedarf der Krisenstaaten ist hoch. Allein Italien muss bis April rund 113 Milliarden Euro auf den Märkten auftreiben. Laut einer OECD-Studie liegt der Kapitalbedarf der 34 westlichen Industriestaaten 2012 bei 10,5 Billionen US-Dollar – doppelt so hoch wie noch 2005.

Eine wesentliche Rolle in der Krisenbewältigung wird auch 2012 die EZB spielen. Zwar hat sie in den vergangenen Wochen immer wieder betont, auch weiterhin nicht direkt in die Staatenfinanzierung eingreifen und Geld drucken zu wollen. Viele Experten gehen aber davon aus, dass sie im Falle des Falles davor nicht haltmachen würde. Denn momentan ist unklar, ob der aufgestockte Rettungsschirm die Mittel dazu hätte, etwa Italien aufzufangen.

Bevor es aber so weit kommt, hilft die Zentralbank an anderer Front: dem Bankensektor, der mit dem nachlassenden Wirtschaftswachstum und mit massiv gestiegenen Eigenkapitalanforderungen zu kämpfen hat. Die europäischen Banken können sich über die Zentralbank unlimitiert Liquidität holen, die Sicherungsanforderungen dafür wurden gelockert. Die EZB versucht so, eine stärkere Kreditklemme zu verhindern. Diese würde nämlich nicht zuletzt die starken Eurostaaten wie Österreich und Deutschland treffen.

All diese Prognosen gehen aber davon aus, dass die Währungsunion hält und sich die Krise durch Extremeffekte nicht weiter zuspitzt. Gelingt das nicht, droht ein dramatisches Abwärtsszenario: eine lange und tiefe Rezession in Europa mit deutlich steigender Arbeitslosigkeit und weltweit negativen Auswirkungen.

Schwächelnde USA

Neben der Krise in Europa sehen die Experten der OECD als zweiten Risikofaktor für eine weltweite Rezession die USA. Mit einer Staatsschuldenquote von mittlerweile über 100 Prozent des BIP stehen die Vereinigten Staaten deutlich schlechter da als der Euroraum. Die Wirtschaft des Landes soll 2012, getrieben vom Binnenkonsum, laut IWF zwar um 1,8 Prozent wachsen. Die Sparanstrengungen, auf die sich die amerikanische Regierung geeinigt hat, könnten sich aber mittelfristig negativ auswirken:

Die USA wollen in den kommenden zehn Jahren 1,2 Billionen Dollar einsparen. Dass die Vereinigten Staaten 2012 eine weitere Krise erfasst, ist für viele Marktbeobachter allerdings unwahrscheinlich: „In den USA ist Wahlkampf, und deshalb ist davon auszugehen, dass die Regierung auf Konjunkturprogramme und die Schaffung von Arbeitsplätzen setzen wird“, sagt etwa Rupert Petry, Managing Partner beim Beratungsunternehmen Roland Berger. Die große Frage sei jedoch, ob es der nächsten Regierung gelingen wird, längst überfällige Strukturreformen durchzuführen.

Wachstumsdelle in Asien

Auch wenn die USA wirtschaftlich zulegen – die wichtigsten Impulse für die Weltwirtschaft kommen wie in den vergangenen Jahren aus den Schwellenländern in Asien und Lateinamerika. Aber auch in China, Indien, Brasilien und Russland zeichnet sich für 2012 eine Wachstumsdelle ab. Mit Wachstumsraten zwischen drei und neun Prozent wachsen allerdings gerade die asiatischen Volkswirtschaften in einer Geschwindigkeit, die für westliche Industriestaaten kaum mehr vorstellbar ist. Sogar Japan kehrt 2012 aufgrund der vielen Infrastrukturmaßnahmen zurück. Schon Mitte 2012 könnte sich das Wachstum zudem wieder beschleunigen – und sich positiv auf die europäischen Exportländer auswirken.

Allerdings drohen auch in Asien gewisse Risiken, die die Delle noch verstärken könnten: Nach wie vor drückt die hohe Inflation die Binnennachfrage. Außerdem ist nicht entschieden, ob der Bauboom in China zu einer Immobilienblase geführt hat, die bei schwächerem Wachstum zu platzen droht. Und auch die Zunahme an Schattenbanken in der wirtschaftlichen Supermacht könnte für negative Überraschungen sorgen.

Jahr der Weichenstellung

„Die größte Gefahr für die Weltwirtschaft besteht jedoch darin, dass sich Staaten aufgrund der hohen Unsicherheit wieder stärker abschotten“, analysiert Stefan Bruckbauer. Auch der IWF und die Welthandelsorganisation WTO haben zuletzt vor protektionistischen Strömungen gewarnt, die sich negativ auf das Weltwirtschaftswachstum auswirken würden.

Dennoch: Selbst wenn es gelingt, diese Gefahren zu bannen, und Europa wieder zu Stabilität findet – der große Boom wird auch Ende 2012 noch nicht in Sicht sein. Zumindest zeigt sich Licht am Horizont – die wirkliche konjunkturelle Erholung soll in Europa in den nächsten drei bis fünf Jahren eintreten.

Vorausgesetzt, dass 2012 die Währungsunion hält und mit den wesentlichen Reformen die Weichen für ihre Zukunft gestellt werden.

– Martina Bachler

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