Scherbenhaufen Alpine Bau

Scherbenhaufen Alpine Bau

Die große nächster Woche wieder gebaut wird.

Die einen sind hektisch, die anderen wissen nicht, was tun. Hektisch: Die Politiker, die Betriebsräte, die Gläubigervertreter und der Masseverwalter. Sie versuchen in diesen Tagen zu retten, was nach der größten Pleite Österreichs noch zu retten ist. „Das ist das Ärgste, was ich in meiner Laufbahn als Betriebsrat bisher erleben musste“, sagt Alpine-Zentralbetriebsrat Hermann Haneder. „Ich komme auf höchstens fünf Stunden Schlaf und der ist nicht gut.“ 4.900 andere sitzen in ihren Alpine-Büros oder bei den Baucontainern und warten. Sie müssen an ihrem Arbeitsplatz erscheinen, um ihre Ansprüche zu sichern. Es gibt Infoveranstaltungen von Arbeitsmarktservice und Arbeiterkammer. Aber alle Materiallieferungen sind eingestellt, die Baustellen stehen still. Tanken mit den firmeneigenen Routex-Karten geht nicht mehr. Die Firmen-Handys sollen demnächst auch nicht mehr funktionieren.

Pläne zur Fortführung der Alpine haben sich am Wochenende rasch zerschlagen, übrig bleibt nur ein großer Scherbenhaufen. Nun wird versucht, möglichst viele Einzelteile in neue Hände zu übergeben, damit die Arbeit auf den Baustellen ab nächster Woche wieder weitergeht.

Baustellen-Chaos

Doch noch herrscht das Chaos . Und mittendrin, zwischen den 1.200 Baustellen der Alpine und ihren 450 Projekten in Arbeitsgemeinschaften, zwischen den täglich eintrudelnden 400 Mails von Lieferanten und Auftraggebern, zwischen unzähligen Anrufen, Verhandlungen mit Interessenten, Gläubigerausschusssitzungen und Treffen in der Zentrale, versucht sich Masseverwalter Stephan Riel ein Bild zu machen und Stück für Stück Ordnung zu schaffen. In einer Österreich-Karte hat der Wiener die Alpine-Baustellen nach verschiedenen Themengebieten eingetragen. Nun sollen für regionale oder thematische zusammenpassende Blöcke andere Firmen gefunden werden, die die Baustellen weiterführen. 400 Firmen haben bereits Interesse angemeldet, Teile des früher zweitgrößten österreichischen Baukonzerns aufzusaugen.

„Zeit ist ein enorm wichtiger Faktor bei einer solchen Insolvenz“, sagt Hans-Georg Kantner vom KSV 1870. Er vergleicht die Arbeit des Masseverwalters mit der in einer Notfallaufnahme eines Spitals, wo nach einer Massenkarambolage zahlreiche Verletzte gleichzeitig eingeliefert werden. „Da geht es darum, Leben zu retten, zu wissen, welche Schnitte und Schritte sind am wichtigsten, wer braucht was“, so Kantner. Pragmatische Lösungen seien hier besser als wochenlanges genaues Rechnen.

Was im aktuellen Fall am wichtigsten ist: Dass wieder Leben in die Baustellen kommt. Die Alpine-Mitarbeiter erhalten nur noch für drei Wochen ihren Lohn, einige haben schon Angebote, zu anderen Firmen zu wechseln. Jeder Tag Stehzeit kostet Mieten für die Maschinen, werden sie abgebaut, würde der Wiederaufbau Zeit und Geld verschlingen. Darunter leiden würden vermutlich am meisten die Banken, denn sie haben Garantien und Haftungen für viele Bauvorhaben abgegeben.

Strabag will sämtliche Alpine-Teile

Aber ganz einfach ist der Übergang der Baustellen auf andere Firmen nicht. In Salzburg etwa könnte das Bauunternehmen G. Hinteregger & Söhne einspringen, in Tirol zeigt Bodner Interesse. In Oberösterreich und Teilen von Niederösterreich möchte die Habau zum Zug kommen. „Es zeichnet sich ab, dass wir 150 bis 200 Millionen Euro Bauvolumen und 800 Mitarbeiter dauerhaft von der Alpine übernehmen“, sagt ein Habau-Unternehmenssprecher. Allerdings seien die Verhandlungen noch nicht abgeschlossen.

Auch die Porr hat vor, einzelne Bauvorhaben zu übernehmen . Die Strabag will gar für sämtliche Teile der Alpine mitbieten . „Das teilen wir auch dem Masseverwalter mit, denn er kann ja nicht einfach über die Assets verfügen, ohne mit dem größten Player im Markt gesprochen zu haben“, sagt Strabag-Sprecherin Diana Klein.

Zudem sind auch noch zahlreiche rechtliche Hürden zu klären: Die Auftraggeber haben im Fall eines Konkurses die Möglichkeit, die Verträge zu kündigen und können sie dann auch neu ausschreiben, was viel Zeit kostet. „Doch die Vorteile einer raschen Lösung überwiegen ganz klar“, meint Kantner.

Das sehen auch die Arbeitnehmervertreter so. „Wir hoffen, dass wir bereits nächste Woche die Tätigkeit auf den Baustellen wieder aufnehmen können“, sagt Josef Muchitsch von der Gewerkschaft Bau-Holz. Das Beste aus seiner Sicht wäre, wenn die regionalen Baubüros samt Baustellen und Mitarbeiter in einem übernommen werden. „Ich glaube, auch die Auftraggeber wollen gerne die Baustellen mit der Mannschaft weiter abwickeln, die sich bereits eingearbeitet hat.“ Muchitsch hat viel zu tun derzeit, seit Sonntag hat er insgesamt nur acht Stunden geschlafen. „So wird das noch zwei, drei Wochen weitergehen“, glaubt er.

„Betrogene“ Alpine-Mitarbeiter

Durch das von der Regierung gezimmerte Bau-Konjunkturpaket werde in Zukunft weniger Preisdruck auf den Bauunternehmen lasten, ortet Muchitsch einen Hoffnungsstrahl. Weniger begeistert davon sind die Beschäftigten in der Zentrale der Alpine, die in einem „ Offenen Brief “ Kritik üben. Nicht die Alpine, sondern andere Baufirmen würden von den jetzigen Maßnahmen profitieren. Sie seien „wütend, enttäuscht, traurig und haben das Gefühl, als Spielball verschiedenster Interessen am Ende die Betrogenen zu sein“, heißt es in dem Schreiben. Für die rund 700 Mitarbeiter aus der Verwaltung stehen die Chancen schlecht, übernommen zu werden. Sie sollen in Arbeitsstiftungen die Möglichkeit haben, länger Arbeitslosengeld zu beziehen und Umschulungen zu machen.

Zu den Verlierern gehören aber auch die Gläubiger der Alpine. 2,6 Milliarden Euro machen die Passiva bei dieser Pleite aus. Besonders betroffen sind die Republik Österreich (wegen Haftungen für Bankkredite) und die Geldinstitute. Auf die Lieferanten entfallen zehn Prozent der Passiva. „Aber das teilt sich auf sehr viele Unternehmen auf“, sagt Kantner. Der KSV hat die 1.400 Alpine-Zulieferer und Subunternehmen unter die Lupe genommen, etwa 140 davon soll schon vor der Insolvenz des Baukonzerns das Wasser bis zum Hals gestanden sein. „Daher rechnen wir mit 50 bis 70 Folgepleiten“, so Kantner. Zwar sei das für jede betroffene Firma eine Katastrophe. Doch in Relation zu den 6.500 Insolvenzen, die jedes Jahr in Österreich gezählt werden, sei dies keine beunruhigende Zahl.

Pleite bringt Vergabe-Probleme

Die Alpine-Insolvenz hat auch in anderen Bereichen Folgewirkungen. Etwa bei erst kürzlich erfolgten öffentlichen Ausschreibungen, bei denen die Alpine in Arbeitsgemeinschaft mit anderen Bestbietern ist und eigentlich den Zuschlag erhalten sollte – wie dem Wiener Rahmenvertrag für die Verlegung und Sanierung der Wasserversorgungsleitungen. Nach dem Bundesvergabegesetz sind insolvente Unternehmen aus dem Bieterverfahren ausdrücklich auszuschließen, daher können nun Konkurrenten, die nicht zum Zug gekommen sind, die Entscheidungen anfechten. „Kann die Eignung der Bietergemeinschaft für den Auftrag durch die anderen Mitglieder alleine, also auch ohne die Alpine, dargestellt werden, würde das zeigen, dass sie die Alpine nicht gebraucht hätten, um den Auftrag abzuwicklen; in diesem Fall also wäre eine solche Bietergemeinschaft eigentlich kartellrechtlich verboten“, sagt der Wiener Anwalt Christian Nordberg. Er glaubt, dass die Auftragsvergaben anfechtbar sind oder man in diesen Fall um eine neuerliche Ausschreibung nicht herumkommt.

Auch mit diesen Problemen wird sich Masseverwalter Stephan Riel herumschlagen müssen. Betriebsrat Haneder rechnet ebenfalls damit, dass anstrengende, hektische Wochen auf ihn zu kommen: Mit 35 Betriebsversammlungen, vielen Verhandlungen und drängenden Fragen. Der ganze Stress in dem Wissen, „dass es uns als Betriebsräte danach dann auch nicht mehr gibt“, wie er sagt. Dann, in ein paar Wochen sind vielleicht die anderen hektisch und die einen wissen nicht genau, was tun.

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