Schaeffler-Gruppe: Ziemlich blöd gelaufen

Schaeffler-Gruppe: Ziemlich blöd gelaufen

Maria-Elisabeth Schaeffler und ihr Sohn Georg haben Anfang Juli in letzter Sekunde dem designierten Vorstandsvorsitzenden ihres Automobilzulieferers wieder abgesagt. Eine ziemlich einzigartige Sache, die viel Staub aufwirbelte. Jetzt muss die neue alte Führung für Ruhe sorgen. Aber die Schaeffler Gruppe läuft trotz der Turbulenzen sehr gut.

Vielleicht hat sich Klaus Deller, 52, irgendwann gewünscht, dass er in die deutsche Wirtschaftsgeschichte eingeht. Vielleicht wollte er Erfolge feiern, Märkte erschließen, Erfindungen ermöglichen. Ziemlich sicher hat er nicht erwartet, dass ihm die Ehre öffentlicher Aufmerksamkeit für einen Job zuteil wird, den er keinen einzigen Tag lang ausüben sollte.

Aber genauso ist es gekommen. Er hatte sich für einen Managementjob bei der Schaeffler Gruppe beworben und wurde im Februar als deren Vorstandsvorsitzender designiert. Doch wenige Tage, bevor er am 1. Juli als solcher loslegen konnte, wurde er plötzlich abberufen. Sein Schmerzensgeld: elf Millionen Euro für keinen Tag Arbeit.

Ein designierter Chef, der in letzter Minute wieder abgelehnt wird? Das gab es in dieser Form kaum je. Die deutsche Premiere dürfen sich die aus Österreich stammende Milliardärin Maria-Elisabeth Schaeffler und ihr Familienkonzern auf die Fahne heften. Zum Feiern gibt es dabei jedoch nichts. Weil die Führungsentscheidung auch noch durchgezogen wurde, ohne dass der Aufsichtsrat ganz offiziell seine Zustimmung geben konnte, führte sie zum Rücktritt des langjährigen und angesehenen Kontrolleurs Eckhard Cordes. Und zu viel Aufregung.
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Großmacht aus Franken

Maria-Elisabeth und Georg Schaeffler gehört einer der erfolgreichsten Automobilzulieferer der Welt. Am riesigen Reifenhersteller Continental halten sie zusätzlich über die Schaeffler Gruppe und ihre Holding 46 Prozent. Beide Unternehmen stehen international gut da. Vor allem Märkte in Asien, aber auch die USA und, trotz aktueller Schwäche, Lateinamerika sollen weiteres Wachstum bringen. Die Schaefflers zählen zu den reichsten Deutschen - und Österreichern: In Wien aufgewachsen, hält Frau Schaeffler eine Doppelstaatsbürgerschaft.

Umsatz (2013)
Schaeffler: 11,2 Mrd. Euro
Continental: 33,3 Mrd. Euro

Umsatz Automobilbereich
Schaeffler: 8,2 Mrd. Euro
Continental: 29,6 Mrd. Euro

Umsatzrendite
Schaeffler: 12,6 Prozent
Continental: 11,3 Prozent

Mitarbeiter
Schaeffler: 79.000
Continental: 182.000

Privatvermögen
Maria-Elisabeth Schaeffler: 2,3 Mrd. Euro
Georg Schaeffler: 10,3 Mrd. Euro
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Von einer "Posse“ ist seither die Rede, von "familiärer Willkür“ und "Imageverlust für das Unternehmen Schaeffler“, einen der größten Automobilzulieferer weltweit. Die beiden Gesellschafter Maria-Elisabeth Schaeffler, 72, und ihr Sohn Georg, 49, stehen in der Kritik. Die Personalrochade ist die jüngste in einer Serie von Turbulenzen, mit denen das Unternehmen zu kämpfen hatte.

Gerade noch gut gegangen

Vor sechs Jahren hätte die Geschichte des Konzerns mit Sitz im fränkischen Herzogenaurach fast ein verfrühtes Ende gefunden. Mitten in der Finanzkrise versuchte Schaeffler die feindliche Übernahme des Reifenherstellers Continental (Conti). Der Konzern geriet in den Besitz von fast 90 Prozent der Aktien und sehr knapp an den Rand des finanziellen Ruins. Mit einem Schlag war das verschwiegene Unternehmen bekannt. Maria-Elisabeth und Georg Schaeffler, die das Magazin "Wirtschaftswoche“ unlängst als "das ungewöhnlichste Paar der deutschen Wirtschaft“ bezeichnete, waren nicht mehr nur einfach Gäste der Bayreuther und Salzburger Festspiele, sie standen im Rampenlicht. Als Milliardäre, die drauf und dran sind, ihr Unternehmen mit knapp 80.000 Arbeitsplätzen zu verspielen - und ihr gesamtes Privatvermögen. Die Banken verhinderten die Pleite.

Seither blieb in dem Konzern, an dem die Mutter 20 Prozent und der Sohn - seit 2008 ist er Aufsichtsratschef - 80 Prozent der Anteile halten, wenig beim Alten. Die Familie haftet nun nicht mehr direkt, sondern hält ihre Beteiligungen über eine Holding. Der Anteil an Conti wurde auf 46 Prozent gesenkt, Schaeffler erfing sich trotz massiver Schulden von immer noch neun Milliarden Euro. Regelmäßig steht die Gründung einer neuen Holding im Raum, wo Schaeffler Gruppe und die Conti-Anteile zusammengefasst und dann an die Börse gebracht werden. Das Unternehmen dementiert solche Überlegungen.

Bevor es soweit kommen kann, muss ohnehin erst wieder Ruhe einkehren. Dem Gesellschafterduo wird nachgesagt, nicht immer einer Meinung zu sein, wie es mit dem Konzern weitergehen soll. Die Mutter-Sohn-Führung gibt Anlass für viele Spekulationen über Bevorzugungen, verzögerte oder zu kurzfristig getroffene Entscheidungen - und darüber, wer hier überhaupt das Sagen hat. Die meisten tendieren zur Mutter.

Besonders das Umschwenken in der Führungsfrage hat kein gutes Licht auf die Eigentümer geworfen. "Bei einem börsennotierten Unternehmen hätte sich ein solches Vorgehen negativ auf den Kurs ausgewirkt“, sagt etwa Christoph Vahs, Analyst bei der Raiffeisen Bank International.

Macht des Faktischen

Die Wogen, die hochgingen, muss nun Klaus Rosenfeld glätten. Seit 2009 als Finanzvorstand im Unternehmen, sollte er eigentlich nur interimistisch die Konzernleitung übernehmen, nachdem sich die Familie im Herbst 2013 einvernehmlich vom allgegenwärtigen Vorstandsvorsitzenden Jürgen Geißinger getrennt hatte. Dass der Finanzer Rosenfeld längerfristig in die Fußstapfen Geißingers treten könne, hielt man bei Schaeffler offenbar nicht für möglich - bis er es tat.

In den vergangenen Monaten habe er mit Technikvorstand Peter Gutzmer die Strategie geschärft, eine Matrixstruktur eingeführt und die Abläufe verbessert, heißt es aus dem Unternehmen. Er habe für eine neue, offenere Führungskultur gesorgt, die auch bei den Mitarbeitern ankommt. Von außen wird Rosenfeld intrigantes Vorgehen vorgeworfen, im Unternehmen überwiegt aber die Überzeugung, dass man besser auf ihn setzen und auf Klaus Deller verzichten konnte. Trotz der hohen Abfindung, trotz der schiefen Optik. Im Aufsichtsrat sei von 20 Mitgliedern nur Cordes dagegen gewesen. Allerdings wurde die Personalie bekannt, noch bevor das Gremium den Beschluss dazu treffen konnte. Blöd gelaufen also.

Zukunftschancen

Und vielleicht auch verkraftbar, denn das Unternehmen steht trotz der Querelen gut da. Die Automobilsparte fängt Schwächen im Bereich Industrie auf und ist breit aufgestellt. Für 2014 wird ein Umsatzplus von sieben Prozent erwartet. Aufsichtsrat Cordes wurde mit einem österreichischen Topmanager, dem ehemaligen Magna-Chef Siegfried Wolf, nachbesetzt. Noch gesucht wird ein Finanzvorstand, der den Schuldenabbau voranbringt. Aber sollte es nicht wieder zu überraschenden Entscheidungen der Gesellschafter kommen, ist laut Branchenkennern jetzt personelle Kontinuität gegeben.

Auf Projektbasis soll außerdem die Zusammenarbeit mit Conti verstärkt werden, wovon beide Unternehmen profitieren könnten. Conti notiert bereits an der Börse, ist trotz momentaner Kursverluste ein Liebkind von Investoren - und hat den Schaefflers durch Anteilsverkäufe viel Geld gebracht. Ein wichtiger Finanzpolster für ihren Konzern, der den Einstieg externer Geldgeber bisher kategorisch ablehnte. "Conti hat seit dem Managementwechsel 2009 nahezu alles richtig gemacht. Das Unternehmen hat richtig zugekauft, seine Ebit-Marge liegt deutlich über dem Branchendurchschnitt,“ sagt RBI-Analyst Vahs.

2009 hat mit Elmar Degenhart ein "Schaeffler-Mann“ die Führung bei Conti übernommen, nachdem er zuvor die Automobilsparte bei Schaeffler leitete. In Personalentscheidungen lagen Mutter und Sohn mit ihren Beratern also oft gar nicht so falsch. Ob das auch für Klaus Rosenfeld gilt, muss der jetzt beweisen.

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