Sammeln für die Banken

Österreichs Banken fehlen 3,6 Milliarden Euro Kapital. Mit Bilanztricks, Kapitalerhöhungen, Verkäufen und weniger Kreditvergaben soll das Loch gestopft werden.

Eigentlich war man ja gekommen, um zu feiern. Ein kleines Gläschen Sekt hier, ein kurzer Plausch mit Kunden da – der Weltspartag geht in der Raiffeisen Zentralbank (RZB) am Wiener Stadtpark in der Regel heiter vonstatten. Sekt und gutes Essen gab es auch heuer, die gute Laune war einigen Giebelkreuzern aber vergangen. RZB-Chef Walter Rothensteiner, ansonsten leutselig, blieb wortkarg. Wie sein Institut die Kapitalbasis stärken wird, wolle er lieber mit den Eigentümern erörtern, jedenfalls nicht mit der Presse. Einige Hundert Meter Luftlinie weiter, am Wiener Graben, ein ähnliches Bild: Erste-Chef Andreas Treichl machte einen gedämpften Eindruck, ausgelassenes Feiern fand zum Weltspartag auch hier nicht statt.

Die Bedrücktheit der Banker hat ihren Grund. Neun Prozent hartes Kernkapital müssen die systemrelevanten Banken aufweisen, und das bis Mitte 2012, lautet eine neue Forderung der EU; bisher waren es acht Prozent. Damit fehlen den heimischen Instituten insgesamt 3,6 Milliarden Euro, um den erhöhten Kapitalerfordernissen gerecht zu werden. Verglichen mit einem Land wie Deutschland, wo 5,2 Milliarden Euro fehlen, kann das schon nachdenklich stimmen.

Kapitalwandlung

Allerdings bleibt zum Nachdenken nicht viel Zeit. Bis Ende des Jahres müssen jene Institute, bei denen eine Lücke ausgemacht wurde, der Finanzaufsicht einen Plan präsentieren, wie diese gestopft werden soll. Also ist hektisches Geldsammeln angesagt. Am herausforderndsten ist die Aufgabe für die RZB, die mit 1,9 Milliarden Euro den mit Abstand größten Bedarf hat. Auch wenn sich die Giebelkreuzer nach außen hin bedeckt halten, wird hinter den Kulissen schon eifrig gerechnet.

Und es gibt auch schon einen Plan: Privates Partizipationskapital in Höhe von einer Milliarde Euro, das die Aufsicht nicht als Kernkapital anerkennt, weil sie nur staatliches PS-Kapital anrechnet, soll bald in Aktien umgewandelt werden. Ein diesbezüglicher Grundsatzbeschluss der Raiffeisenlandesbanken sei bereits gefasst, bestätigt der General der RLB Niederösterreich-Wien, Erwin Hameseder.

Damit allein wird man aber nicht das Auslangen finden. Huw Van Steenis, Morgan-Stanley-Chefanalyst, ist überzeugt davon, dass Raiffeisen nicht ohne Kapitalerhöhung auskommen wird: „Wir glauben nicht, dass Gewinnrücklagen und die Optimierung risikogewichteter Aktiva genügend einbringen, um die 9-Prozent-Quote zu erreichen.“ Laut seinen Berechnungen würden der RZB, als deren Problemzonen er die Uniqa Versicherung und den kürzlich verkauften Volksbanken-Anteil ausmacht, danach immer noch 850 Millionen Euro fehlen. Auch Raiffeisen-Banker Ludwig Scharinger schließt im FORMAT-Interview eine Kapitalaufstockung nicht aus.

Eine andere Maßnahme wird von allen Raiffeisen-Bankern dezidiert ausgeschlossen: weiteres Staatskapital. Raiffeisen-Generalanwalt Christian Konrad versicherte diese Woche, dass die RZB das Problem ohne Staatshilfe lösen werde. Hier stehen die Giebelkreuzer nicht alleine da: Auch Erste-Chef Treichl will weitere Staatshilfe um jeden Preis vermeiden. Das ist nicht weiter verwunderlich: Denn Geld vom Staat würde es nur noch gegen weitreichende Mitspracherechte geben.

Auch deswegen nehmen die Befürchtungen zu, dass nun die Bankkunden verstärkt zur Kasse gebeten werden könnten. So hat unlängst der Tiroler Banken-Obmann Gerhard Schwaiger Gebührenerhöhungen bei Girokonten und der Bankomat-Nutzung in Aussicht gestellt. Die Großbanken dementieren dies allerdings – noch zumindest. Ganz im Gegenteil, so wird versichert, sollen die Sparkunden sogar mit attraktiveren Angeboten gelockt werden. Was auch WIFO-Bankenexperte Franz Hahn glaubt: „Der Wettbewerb wird zugunsten der Sparer sicher zunehmen.“ Denn das Einlagengeschäft werde für die Liquiditätssicherung der Banken jetzt umso wichtiger.

Zu einem Bilanzkniff will man bei der Erste Group greifen: Die Sparkassen sollen aus dem Konsolidierungskreis herausgenommen werden. Das könnte 0,4 Prozentpunkte für das harte Kernkapital bringen. Auch Dividendenzahlungen für das heurige Jahr wurden bereits gestrichen. Eine andere Maßnahme zur Kapitalstärkung ist schon so gut wie abgeschlossen: Das umstrittene CDS-Portfolio in Höhe von mehr als fünf Milliarden Euro wurde nahezu zur Gänze verkauft. Der Abbau solcher Risiken findet nicht nur in der Erste Bank statt. „Im Vorjahr wollten die Politiker, dass wir unsere Griechenland-Anleihen behalten. Ich habe mich nicht daran gehalten. Das war gut so, sonst hätte ich jetzt ein Riesenproblem“, gesteht RLB-Boss Hameseder.

Dem Volksbanken-Sektor bringt die höhere Kapital-Hürde einen gröberen Umbau. Der ÖVAG fehlen nach EU-Berechnung 972 Millionen Euro. Durch den Umbau, der sich an der niederländischen Rabobank orientiert, geben die 62 regionalen Volksbanken, die Eigentümer der ÖVAG sind, teilweise Souveränitätsrechte ab. Außerdem soll es Überkreuzgarantien geben, die bewirken, dass alle Mitglieder des Verbunds gegenseitig für Schulden haften. Der erwünschte Effekt: Die Eigenkapitalquoten erhöhen sich.

Ein Plan, der auch für andere Sektoren denkbar wäre, wie Nationalbank-Direktor Andreas Ittner bestätigt: „Das Modell muss auch für andere offen sein.“ Allerdings wehrt man sich beim ebenfalls genossenschaftlich organisierten Raiffeisenverband heftig dagegen. Hameseder pocht auf seine Selbständigkeit: „Solange es Christian Konrad und mich gibt, wird es das nicht spielen.“

Osteuropa zittert

Abgesehen von der ÖVAG, die ihr Auslandsgeschäft ganz abstoßen will, werden Beteiligungsverkäufe von den heimischen Banken weitgehend abgelehnt. „Wir haben nichts zu verschenken, wir sind ja nicht der Feind unseres Geschäfts“, sagt Konrad. Auch in der Bank Austria, wo noch unklar ist, wie viel sie zu den von der Mutter UniCredit benötigten 7,4 Milliarden Euro beitragen muss, dementiert man kolportierte Verkäufe. Dennoch geht in einigen osteuropäischen Ländern, wo heimische Banken besonders stark vertreten sind, die Angst um: „Die westlichen Banken durchforsten momentan ihre Bilanzen und könnten jetzt eher bereit sein, Assets in Osteuropa zu verkaufen bzw. Gelder von dort abzuziehen“, gibt Christian Keller, Analyst bei Barclays, zu bedenken.

Auch in der UniCredit denkt man über die Variante einer Kapitalerhöhung nach, letztendlich könnte sie aber am niedrigen Börsenkurs scheitern. Überhaupt hält IV-Experte Christian Helmenstein die Kapitalaufbringung für die Banken in der kurzen Zeit für nahezu unlösbar: „In Verbindung mit dem Mehr an Regulierung ist das für die Banken sehr schwer.“

Möglicher Ausweg: ein Runterfahren der Kredite. EU-weit ist eine Verschärfung der Kreditrichtlinien für Unternehmen laut jüngstem „Bank-Lending-Survey“ der EZB schon stark spürbar. Gegenüber dem zweiten Quartal haben die Institute in der Eurozone die Kreditschraube dramatisch festgezogen. Im vierten Quartal soll es in dieser Tonart weitergehen, lautet die Prognose. Helmenstein: „In einigen EU-Ländern wird es sicher zu einer Kreditklemme kommen. In Österreich gehe ich nicht davon aus.“ Hinter vorgehaltener Hand geben auch manche Banker zu: „Außerhalb unserer Kernmärkte werden wir sicher das Kreditgeschäft zurückfahren.“ Unangenehm nur, dass für manche Banken Österreich auch nicht mehr zum Kernmarkt zählt.

– Angelika Kramer, Ashwien Sankholkar

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