Roland Berger: "Die Fed-Gouverneure lieferten billiges Spielgeld für die Banker"

Consulting-Altmeister Roland Berger über Wege aus der Krise, die Zukunft der Industrie, seine Kindheit in Wien und sein Leben unter arabischen Nomaden.

FORMAT: Herr Berger, Sie haben eine besondere Beziehung zu Österreich ...
Berger: Das stimmt. Ich bin zwar 1937 in Berlin geboren, von 1940 bis 1944 hat meine Familie aber in Wien gelebt. Mein Vater war Generaldirektor der Ankerbrot-Werke, bis ihn die Nazis im August 1944 eingesperrt haben.
FORMAT: Erinnern Sie sich daran?
Berger: Ja, schließlich lebte ich bis zur ersten Klasse Volksschule in Wien. Wir hatten damals leider alle vier Wochen Besuch von der Gestapo. Meinen Vater haben die Nazis 1942 zum ersten Mal verhaftet. Als Kind kriegt man das ja alles mit. Man weiß zwar nicht genau, was „verhaften“ bedeutet, spürt aber die Angst, die da in der Familie herrscht, und fühlt sie mit.
FORMAT: Haben Sie dadurch eine eher schlechte Beziehung zur Alpenrepublik?
Berger: Nein, als Kind habe ich das Nazidrama ja auch nicht mit Österreich verbunden. Meine Beziehung zu Österreich hat sich später entwickelt, und zwar äußerst positiv: durch Ferien, Radtouren, Skifahren, Bergsteigen, Musik, Theater und Kunst in Wien oder die Salzburger Festspiele. Außerdem habe ich Freunde hier und habe für viele österreichische Klienten gearbeitet.

"Österreichs Wirtschaft war lange politisiert"
FORMAT: Worin unterscheiden sich die österreichische und die deutsche Wirtschaft?
Berger: Das Wirtschaftsleben Österreichs war lange Zeit stark politisiert. Im Gegensatz zu Deutschland, wo große Koalitionen die Ausnahme bilden, waren sie in Österreich jahrzehntelang die Regel. Die Folgen: Konsens, Proporz und Stagnation. Heute ist Österreichs Wirtschaft aber mindestens so gut wie die deutsche. Es ist letztlich vor allem dem Wahlsieg Jörg Haiders 1999 zu verdanken, dass der Spuk der großen Koalition ein Ende fand. Für Haider hege ich keine Sympathien. Aber erst seit seinem Wahlsieg gab es Reformen, die Österreichs Unternehmen nach vorn gebracht haben.
FORMAT: Deutschland hat sich gerade für eine schwarz-gelbe Koalition entschieden. Wie bewerten Sie die?
Berger: Das ist sicher gut für Deutschland. Die Kanzlerin kann sich so zurückbesinnen auf ihre ordnungspolitischen Prinzipien wie Freiheit, Eigenverantwortung und soziale Marktwirtschaft. Deutschland ist in der letzten Zeit zu stark in Richtung Wohlfahrtsstaat abgedriftet. So kann nicht genügend Wachstum entstehen, um aus der Krise zu kommen. Es gilt, wieder die richtige Balance zu finden zwischen Freiheit und Fortschritt auf der einen und Solidarität und Gerechtigkeit auf der anderen Seite.
FORMAT: Und das Koalitionsteam?
Berger: Bei der Mannschaft sehe ich Schwachpunkte bei den Liberalen. Das Problem der FDP ist, dass einige Minister und Staatssekretäre noch aus der Ära Kohl kommen. Das klingt weniger nach Aufbruch. Neben der Wiedervereinigung und dem Aufbruch nach Europa erinnert uns diese Zeit ja auch als eine des Reformstaus.

"Steuererhöhungen für Deutschland tabu"
FORMAT: Was muss sich in Deutschland am dringendsten ändern?
Berger: Wir sind in keiner normalen Lage. Wir müssen jetzt das Naheliegende tun, nämlich Wege aus der Krise finden. Die längerfristigen Strukturprobleme müssen wir notgedrungen bis 2011 schieben und zuerst das Wachstum ankurbeln. Also nicht konsolidieren – Steuererhöhungen sind tabu –, sondern die Konjunktur- und Bankenrettungsprogramme zu Ende führen. Dazu sollten wir noch die Steuern, vor allem die Unternehmenssteuern, senken. Die Finanzmärkte müssen wieder richtig laufen, denn die Wirtschaft braucht Kredite.
FORMAT: Die Wirtschaft wächst doch …
Berger: Das jetzige Wachstum ist vor allem durch den Lagerzyklus bedingt. Ob die Nachfrage wirklich nachhaltig steigt, national wie international, bleibt abzuwarten. Die Arbeitslosigkeit wird steigen. Und die Banken werden wie immer am Ende einer Rezession viele Kredite abschreiben müssen. Erst nach 2011 sind Haushaltskonsolidierung und strukturelle Probleme anzugehen wie die Bildungs- und Arbeitsmarktreform. Außerdem muss endlich die Steuerstruktur nach den Schlagworten „niedrig“, „transparent“ und „gerecht“ verbessert werden. Zwei Drittel aller Steuerliteratur ist deutschsprachig.

"Billiges Spielgeld für die Banker"
FORMAT: Ist die Finanzindustrie auf einem guten Weg, derart schwere Krisen künftig zu vermeiden?
Berger: Im Grundsatz ja, auch wenn die Krise noch nicht ausgestanden ist. Immer noch gibt es erheblichen Abschreibungsbedarf. Aber es wäre doch naiv, zu glauben, man könnte künftig auf Derivate und strukturierte Papiere verzichten – denn die braucht die Wirtschaft. Dass diese sich dann zu sehr verselbständigt haben, ist eine andere Sache. Die Ideen des letzten Weltfinanzgipfels gehen aber in die richtige Richtung: Die Eigenkapitalausstattung gehört verbessert und die Verschuldung zurückgefahren. Außerdem muss geprüft werden, ob Banken so groß sind, dass sie den Staat erpressen können. Das Thema überhöhter Boni ist aus meiner Sicht eher ein populistisches.
FORMAT: Sie glauben nicht, dass viele Banker für eine hohe Prämie ein zu großes Risiko eingegangen sind?
Berger: Sicher auch! Jedes System ist selbstverstärkend. Die Ursachen der Finanzkrise lagen aber vor allem in der massiven und zu billigen Liquiditätsversorgung durch die Fed-Gouverneure Greenspan und Bernanke. Das war billiges Spielgeld für die Banker. Das Volumen der Finanzgeschäfte hat sich dadurch von dem der Realwirtschaft entkoppelt. Der Finanzsektor muss schrumpfen, damit sein Verhältnis zur Realwirtschaft gesundet.
FORMAT: Sollte man dazu Banken zerschlagen wie in Großbritannien?
Berger: Das halte ich für fragwürdig. Diversifikation und kritische Größe macht die Institute stabiler und für eine globale Wirtschaft leistungsfähig.

"Magna hat eine gute Figur gemacht"
FORMAT: In der Causa Opel waren Sie Berater der deutschen Bundesregierung – Opel bleibt jetzt doch unter dem Dach von GM. Wie finden Sie das?
Berger: Wenn Magna Opel übernommen hätte, wäre GM mit 35 Prozent der größte Eigentümer des Unternehmens geblieben, mit Zugriff auf dessen Forschung und Entwicklung. Da darf man doch die Frage stellen, ob Magna nicht Interesse daran gehabt hätte, Opel irgendwann zurück an GM zu verkaufen. Magna allein wäre jedenfalls ein sehr hohes Risiko eingegangen. Heutzutage mit einem Volumenhersteller Geld zu verdienen, der 1,2 Millionen Fahrzeuge im Jahr produziert, ist schwierig. In den Verhandlungen hat Magna aber eine sehr gute Figur gemacht und nun ein Anrecht, sich von GM entschädigen zu lassen, ob monetär oder in Form zusätzlicher Aufträge.
FORMAT: Wie wird sich die Industrie in Zukunft entwickeln?
Berger: Viele gehen ja von der absurden Vorstellung aus, die traditionellen Industrien seien von vorgestern. Man wird sie weiter brauchen. Allerdings verlagert sich die Wertschöpfung in die Schwellen- und Entwicklungsländer. In Hochlohngebieten wie unseren gehen so auf Dauer Industriejobs verloren. Deshalb brauchen wir neue Industrien als Ergebnis technischer Innovationen. Hierzu zählt etwa die IKT-Branche, die in den entwickelten Ländern schon heute für 50 Prozent des Produktivitätswachstums und 40 Prozent des realen Wirtschaftswachstums verantwortlich ist. Hierzu gehören Bio-, Energie- und Umwelttechnologie und Materialwissenschaften. Hinzu kommt wachsende Nachfrage in vielen Dienstleistungsbereichen wie dem Gesundheitssektor, einer Wachstumsindustrie, die auch als solche behandelt werden sollte und nicht als lästige Sozialaufgabe des Staates.

"Haben Nomaden sesshaft gemacht"
FORMAT: Wir stehen kurz vor dem Weltklimagipfel in Kopenhagen – wie werden sich „grüne“ Industrien entwickeln?
Berger: Roland Berger Strategy Consultants prognostizieren, dass diese Technologien im Jahr 2020 für 14 Prozent der Wertschöpfung verantwortlich und damit größer sein werden als die Autoindustrie. Politisch bedarf diese Entwicklung der Unterstützung. Von Kopenhagen erwarte ich mir nicht allzu viel, hoffe aber, dass es Schritte in die richtige Richtung geben wird.
FORMAT: Was war eigentlich Ihr außergewöhnlichster Beratungsauftrag?
Berger: Ziemlich kreativ war die Lösung für einen italienischen Wermutfabrikanten, der seine Bestände nicht an den Mann brachte. Für den haben wir „Rosso Antico“ erfunden, den ersten Aperitif auf Weinbasis. Der Trick war, dass wir dieses Produkt zu den beinahe zehnmal höheren Campari-Preisen verkaufen konnten, aber keine Alkoholsteuer zahlen mussten. Der Gewinn für meinen Kunden war enorm. Was man uns vielleicht auch nicht zutrauen würde, ist die Reorganisation von Greenpeace und diversen Parteien. Aber eigentlich gab es noch außergewöhnlichere Projekte.
FORMAT: Zum Beispiel?
Berger: Vor über 30 Jahren haben wir im Auftrag der saudi-arabischen Regierung Nomaden sesshaft gemacht. Ich bin damals in die Zelte gekrochen und habe deren Lebensumstände genau studiert. Die Lösung war trivial: Außen offene Dörfer mit einem Brunnen in der Mitte gaben den Nomaden das Gefühl, jederzeit umherziehen zu können. Irgendwann waren sie zu bequem und blieben einfach. Für das Land war das ein enormer Fortschritt, nämlich der Sprung von einer Jäger- und Sammlergesellschaft zu einer Agrargesellschaft. Eine Industrie-, Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft wäre dort sonst nicht entstanden.

"Ich habe den tollsten Beruf der Welt"
FORMAT: Gibt es eigentlich etwas, was Sie rückblickend anders machen würden?
Berger: Beruflich sicher nicht, ich habe den tollsten Beruf der Welt. Damit konnte ich immer aktiv zum Fortschritt der Gesellschaft beitragen und gleichzeitig ständig etwas dazulernen, ob über Unternehmen, Länder oder Menschen. Ich selbst habe bei Roland Berger wohl mit mehr als 20.000 Kollegen zusammengearbeitet und Tausende junger Leute ausgebildet. Glück ist am Ende, wenn man die Welt ein kleines bisschen besser und lebenswerter gemacht hat. Daneben zählen eigentlich nur noch Familie und Freunde. Für sie würde ich mir in einem neuen Leben mehr Zeit nehmen.

Interview: Arndt Müller

Zur Person
Roland Berger feiert an diesem Wochenende seinen 72. Geburtstag und gilt als Doyen der weltweiten Beratungsbranche. Bereits während des Studiums durch eine eigene Wäscherei und einen Spirituosendiskont zu viel Geld gekommen, gründete er nach ersten Beratungserfahrungen bei der Boston Consulting Group in München Berger Strategy Consultants. Das Unternehmen, in dessen Aufsichtsrat Berger 2003 gewechselt ist, beschäftigt 2.100 Berater in 25 Ländern und ist damit die Nummer vier unter den globalen Consultern. Außerdem ist der Wahlmünchner Mitglied verschiedener Aufsichts- und Beiräte in internationalen Unternehmen, etwa Fiat, Telecom Italia, Fresenius SE und FC Bayern München. Seine 2008 gegründete und mit 50 Millionen Euro dotierte Stiftung vergibt Stipendien für sozial benachteiligte Jugendliche.

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