Rohstoffspekulation

Das Geschäft mit Nahrungsmitteln hat einen unappetitlichen Beigeschmack bekommen. Doch sind Rohstofffonds wirklich die Schuldigen am Preisanstieg bei Weizen und Mais?

Rohstoffspekulation

Selten zuvor gaben Banken so rasch auf Kritik an ihren Geschäftspraktiken nach. Mit Nahrungsmitteln spielt man nicht, und schon gar nicht an der Börse, lautete der Vorwurf von Verbraucherschutzorganisationen in Deutschland und Österreich. Die Zocker an den Börsen treiben mit ihren Wetten auf Weizen-, Mais- oder Sojapreise die Preise für Agrarrohstoffe weltweit noch weiter in die Höhe – und die Hungernden damit noch weiter ins Elend, lautet die Anschuldigung.

Und flugs gab hierzulande zunächst die ÖVAG das Aus für ihren Rohstofffonds „Agrar Rohstoff Garant 2“ bekannt. Die Raiffeisen Centrobank wird ihre zwölf Agrarfonds ebenfalls auslaufen lassen. Und in Deutschland nahm die Commerzbank, immerhin die zweitgrößte Geschäftsbank des Landes, ebenfalls ihren Rohstofffonds „ComStage ETF CB Commodity Index“ vom Verkaufstisch. Ein voller Erfolg der NGOs und Umweltschutzorganisationen?

„Das Volumen der Rohstofffonds ist in Österreich verschwindend gering“, sagt Michael Zillner, Geschäftsführer der Merit Group, eines auf Rohstoff-Hedging spezialisierten Unternehmens. Selbst in Deutschland waren nach Angaben des Deutschen Derivate Verbands zuletzt nur 65 Millionen Euro in Agrarrohstoff-Zertifikaten investiert – aber an den amerikanischen Terminbörsen werden Agrarrohstoff-Futures im Volumen von mehreren Milliarden Dollar gehandelt. Damit bewegt man den Preis wohl nicht einmal hinter der achten Kommastelle. Björn Döhrer, Chef des auf Derivat-Produkte spezialisierten deutschen Analysehauses EDG, bestätigt: „Im Vergleich zu anderen Basiswerten wird so wenig in Agrarrohstoff-Zertifikate investiert, dass es unwahrscheinlich ist, dass damit Preise beeinflusst werden können.“

Doch zweifellos wächst die Bedeutung von Rohstofffonds weltweit. 600 Milliarden Dollar (483 Milliarden Euro) sind in Papiere investiert, die auf die Preisentwicklung von Rohöl, Gold, Kupfer, aber auch Weizen, Mais, Soja und anderen Grundnahrungsmitteln spekulieren. Doch auch die weltweite Spekulation mit Rohstoffpreisen hat nicht jene Auswirkung auf ihre Höhe, wie es von NGOs und Umweltschutzorganisationen oft dramatisierend dargestellt wird.

Selbst Thilo Bode , Geschäftsführer von Foodwatch, einer anerkannten deutschen Organisation, die sich des Themas Nahrungsmittel angenommen hat, meint: „In der derzeitigen Situation ist die Dürre der Auslöser für die Preissteigerungen.

Die Spekulation auf sich ändernde Preise bei Rohstoffen hat einen höchst nützlichen Hintergrund. Landwirte schließen an Rohstoffbörsen Verträge ab, die ihnen den Verkauf einer bestimmten Menge Weizen oder Mais zu einem vorher vereinbarten Preis zu einem bestimmten Zeitpunkt absichern. Liegt der Preis, beispielsweise im Herbst, unter dem vereinbarten Wert, muss der Landwirt seinen Weizen billiger verkaufen, erhält aber von der Börse die Differenz zu dem im Frühjahr fixierten Preis. Dazu muss er aber vorher seine Position „glatt stellen“. Das heißt, der Bauer muss ebenso viele Kaufaufträge zu niedrigeren Preisen für seinen Weizen an der Börse kaufen, wie er ursprünglich Verkaufsverträge erworben hatte. So heben sich die „Long“ und „Short“ genannten Positionen auf. Dieses „Versicherungssystem“ funktioniert aber nur, wenn es eine ausreichend große Zahl von Marktteilnehmern gibt, die Kauf- oder Verkaufskontrakte zu verschiedenen Preisen und für verschiedene Zeiträume abschließen.

An der Chicago Board of Trade, der weltgrößten Rohstoffbörse, werden Millionen von Kontrakten gehandelt. An vielen Rohstoffbörsen kommt deshalb bereits der elektronische Hochfrequenzhandel zum Einsatz, bei dem Millisekunden darüber entscheiden, welche Kontrakte zustande kommen.

Österreichs Rohstoffspekulanten

In Österreich gibt es eine Hand voll Fonds, die sich an der Spekulation mit Rohstoffpreisen beteiligen. Der größte und bekannteste davon ist Superfund. Der Green Fund von Superfund ist neben Aktien und Anleihen auch in Rohstoffen investiert. Diese haben am Portfolio aber nur einen geringen Anteil. Futures-Fonds, die auf Rohstoffpreise spekulieren, haben weiters die Fondsgesellschaften SMN und FTC im Programm.

Es gibt sogar eine eigene Rohstoffbörse in Österreich. In der „Börse für agrarische Produkte“ werden einmal pro Woche die Preise für österreichischen Weizen oder Mais festgelegt.

Bernhard Scherer, Geschäftsführer bei der Fondsgesellschaft FTC, sieht sich naturgemäß nicht als Verursacher der hohen Preise von Weizen, Mais oder Soja. „Termingeschäfte an Rohstoffbörsen sind ein Nullsummenspiel. Es muss jedem Verkaufskontrakt ein Kaufkontrakt gegenüberstehen.“ Eine Argumentation, die im Übrigen auch der amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugman vertritt. Und Merit-Geschäftsführer Michael Zillner sieht die Gefahr für höhere Rohstoffpreise eher darin, wenn man die Börsen umgeht: „In den USA wurde ein Gesetz beschlossen, das Zwiebel vom Handel an den Börsen ausschließt. Seitdem ist der Preis für Zwiebel um das Fünffache gestiegen.“

Auch China exerziert vor, dass die Monopolisierung des Rohstoffvorkommens ein taugliches Instrument für steigende Preise sein kann. Das Land hortet strategisch wichtige Rohstoffe, um so den Preis diktieren zu können.

Monopolgewinner und wahre Preistreiber

Die Schaffung von Marktmacht, um bei agrarischen Rohstoffen die Preise zu diktieren, ist eine viel effizientere Methode als Börsenspekulation. Das US-Familienunternehmen Cargill ist mit einem Umsatz von 110 Milliarden Dollar und einem Nettogewinn von 2,6 Milliarden Dollar der zweitgrößte Agrarkonzern der Welt. Er kontrolliert Anbauflächen, Lagerhäuser und die Produktion. Noch größer ist nur Glencore (Umsatz: 145 Milliarden Dollar) mit Sitz in der Schweiz, der Cargill gerade um 90 Milliarden Dollar Kanadas größten Weizenproduzenten, Viterra, vor der Nase weggeschnappt hat. Auch Glencore kontrolliert die gesamte Nahrungskette von der Produktion bis zum Lieferanten. Und schreckt bei seinen Geschäftspraktiken vor nichts zurück. Glencore spekuliert nicht auf steigende oder fallende Lebensmittelpreise, sondern macht sie: Auf Intervention von Glencore verhängte Russland im Sommer 2010 einen Exportstopp für Getreide. Und Glencore konnte seine Lagerhäuser zu guten Preisen leeren.

Hauptgrund für die aktuelle Explosion der Rohstoffpreise ist die herrschende Dürre in Amerika und weiten Teilen Osteuropas. Die sinkenden Prognosen über die weltweiten monatlichen Weizenernten treiben den Preis in die Höhe. Auch der steigende Wohlstand in den Schwellenländern lässt die Preise klettern. Der wachsende Fleischkonsum treibt die Preise für Futtermittel in die Höhe. Die Auswirkungen der Beigabe von Ethanol zum Treibstoff sind umstritten. In den USA wandern 40 Prozent der Maisernte in den Tank. In Österreich wird dafür eigenes Getreide verarbeitet (siehe Interview mit Agrana-General Johann Marihart ).

Und die Spekulanten trifft keine Schuld? Foodwatch führt die Untersuchung des Ökonomen Christopher Gilbert an, wonach Index-Spekulanten mit rund zehn Prozent zum Preisauftrieb bei Weizen, Mais und Soja beitragen. Für Foodwatch-Gründer Thilo Bode Grund genug, zu handeln: „Die EU-Kommission sollte endlich eine vorab festgelegte Höchstgrenze für die Anzahl der Warentermingeschäfte festlegen. Das würde zu realistischeren Preisen führen. Schließlich geht es darum, dass Menschen nicht verhungern.“

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