Rohstoffe: China hat 97% der Seltenen Erden

Eine Hand voll exotischer Metalle und „Seltene Erden“ machen die Hightech-Branche nervös: Ihre Preise erreichen immer neue Rekordhöhen. Rettung könnte jetzt aus Sachsen kommen.

Richard Zinnhofers Arbeitsplatz ist für einen Geologen ausgesprochen ungewöhnlich: Im Auftrag eines Thüringer Recycling-Unternehmens ist er seit Monaten in alten Plattenbauten unterwegs, die in den frühen 80er-Jahren in der damaligen DDR errichtet wurden. Er sucht jedoch nicht nach Immobilien oder Sanierungsprojekten, sondern nach ganz besonderen Metallen.

Indium und eine Reihe anderer sehr seltener Materialien wurden in dieser Zeit häufig als damals billiges Substitut für gängige Metalle verwendet. In Rohrleitungen, elektrischer Verkabelung und Sicherungskästen schlummern die metallurgischen Schätze, denen Zinnhofer auf der Spur ist. Vor 30 Jahren waren die meisten dieser Stoffe lediglich Nebenprodukte beim Abbau von Zinn oder Kupfer, wertloser Abfall, der nur in wenigen Spezialanwendungen zum Einsatz kam – heute sind sie lebenswichtige Bauelemente moderner Elektronik und Fahrzeugtechnik. Wird Zinnhofer fündig, kauft sein Unternehmen kurzerhand die leer stehende Plattenbausiedlung und schlachtet sie aus. Der Gewinn einer solchen montanen Architektur-Endverwertung: bis zu mehrere Millionen Euro pro Bauobjekt. „Das ist Wertschöpfung, die sich in Prozent schon gar nicht mehr ausdrücken lässt“, so Zinnhofer scherzhaft.

Selten und teuer

Der Grund für die ungewöhnliche Rohstoffgewinnung findet sich in der Preisexplosion sogenannter „strategischer Metalle“. Dazu zählen Elemente wie Indium und Gallium, aber auch der Teil des Periodensystems, dessen Elemente unter dem Begriff „Seltene Erden“ zusammengefasst sind.

Was sie gemeinsam haben: Sie kommen nur in sehr geringen Mengen vor, die Nachfrage übersteigt bereits jetzt die Verfügbarkeit, und China kontrolliert 97 Prozent des Weltmarktes. Die Folge: Die Preise der strategischen Metalle haben sich im Durchschnitt in den letzten zehn Jahren mehr als verzehnfacht.

Noch vor wenigen Jahren waren die meisten dieser Metalle eher unbedeutend. Große Mengen wurden nicht benötigt, der Preis war daher niedrig. Viele neue Technologien – vor allem aus dem Bereich der Automobil- und Umwelttechnik – sind heute jedoch auf genau diese Materialien angewiesen, was die Nachfrage massiv gesteigert hat. Elektro- und Hybridfahrzeuge benötigen in ihren Elektromotoren beispielsweise die Seltene Erde Neodym in signifikanten Mengen. Gleiches gilt für die Stromgeneratoren in Windkraftwerken. Terbium steht ebenfalls hoch im Kurs, wird es doch in den Halbleiter-Speicherbausteinen von Speichersticks und SSD-Festplatten benötigt.

Ende in Sicht

Zur gestiegenen Nachfrage kommt zunehmende Verknappung der Verfügbarkeit: Chinas Vorkommen von Seltenen Erden sollen beispielsweise bis zum Jahr 2022 erschöpft sein – und neue Schürfgebiete werden aller Voraussicht nach erst in einigen Jahren mit der Förderung beginnen können. Für Hafnium, Antimon, Indium und weitere Elemente sieht die Situation sogar noch schlechter aus.

Bergbau-Renaissance in Sachsen

Eines dieser bislang noch unerschlossenen Vorkommen für Seltene Erden befindet sich in Sachsen – was es zum einzigen bekannten Depot dieser Metalle in Westeuropa macht. Gefunden wurde dieses Vorkommen bereits in den 70er-Jahren, als die DDR auf der Suche nach Rohstoffen ihr Staatsgebiet systematisch mit Probebohrungen durchlöcherte.

Bis zu 120.000 Tonnen der begehrten Hightech-Metalle werden unter der sächsischen Erde vermutet. „Sollten sich die Vermutungen bestätigen, dass das Vorkommen noch weiter in die Tiefe reicht, könnten das auch mehrere Millionen Tonnen sein“, so Thomas Gutschlag, CFO der Deutsche Rohstoff AG, die sich die Abbaurechte dieses Vorkommens gesichert hat.

Warum dieses Vorkommen bislang noch nicht ausgebeutet wurde, liegt an einer einfachen Kosten-Nutzen-Rechnung: Bis jetzt waren die Metalle aus China schlichtweg deutlich billiger, als sie in Deutschland aus der Erde zu holen. Der Preisanstieg der letzten fünf Jahre, der den Kurs für Seltene Erden um ein Vielfaches nach oben schnellen ließ, macht den lokalen Abbau nun aber wirtschaftlich vertretbar.

Neben finanziellen Gesichtspunkten hätte ein Abbau in Deutschland für die europäische Hightech- und Automobilbranche noch einen weiteren Vorteil: Versorgungssicherheit. China hat bereits angekündigt, Exporte für Seltene Erden 2012 stark zu begrenzen – oder gar komplett einzustellen. Diese Ankündigung hat den Markt für Seltene Erden und strategische Metalle zusätzlich angeheizt und im Juni zu historischen Spitzenpreisen vieler Rohmaterialien geführt. Dass sich die Preise heute wieder ganz leicht entspannt haben, liegt nach Einschätzung von Thomas Gutschlag lediglich daran, dass viele Unternehmen große Vorräte der benötigten Materialien angelegt haben, von denen sie jetzt erst mal zehren. Eine wirkliche Trendwende der Preise für Neodym & Co sieht der Rohstoffexperte jedenfalls nicht.

Das Versorgungsproblem mit strategischen Metallen sieht Prof. Armin Reller vom Wissenschaftszentrum Umwelt der Uni Augsburg nicht auf Seltene Erden beschränkt. „Kurzfristige Engpässe mit unterschiedlichsten Metallrohstoffen werden in naher Zukunft noch zunehmen“, so Reller. Das Problem sieht der Experte in den immer kürzeren Innovationszyklen der Hightech-Industrie. Getrieben durch neue technologische Entwicklungen, brauchen die Unternehmen schnell große Mengen von Materialien, die bis dahin noch gar nicht in entsprechender Menge gewonnen wurden. Die weltweite Bergbauindustrie kann sich schließlich nicht auf Jahre im Voraus auf zukünftige, noch unbekannte Technologien einstellen.

Alternative aus dem Labor

Kein Wunder also, dass Elektronikkonzerne zunehmend versuchen, ihre Abhängigkeit von strategischen Metallen zu durchbrechen. Erste Erfolge konnten dahingehend von Samsung verlautbart werden: Im Labor konnte der koreanische Elektronikriese Indium erfolgreich durch Grapheen-Bausteine ersetzen. Bis zur Marktreife dürfte allerdings noch einige Zeit vergehen.

Vermeintliche Entspannung bei der Versorgung mit Seltenen Erden meldeten die Nachrichtenagenturen im Juli: Die Entdeckung eines gigantischen Vorkommens dieser Elemente, um ein Vielfaches größer als alle bekannten Rohstoffreserven zusammengenommen. Einziger Haken: Das Vorkommen liegt in knapp 6.000 Meter Tiefe auf dem Meeresgrund des Pazifiks. „Da hätte man genauso gut Seltene Erden auf dem Mond finden können“, meint Gutschlag.

– Jan Fischer

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