"RI hat über vier Milliarden Euro verdient. Ein Verlierer schaut doch anders aus."

Raiffeisen-International-Boss Herbert Stepic über den Fusionsplan mit der RZB und wieso ihm einige 100.000 Euro Kursverlust egal sind.

FORMAT: Herr Stepic, 50.000 Euro, 500.000 Euro oder mehr. Wie viel haben Sie als Chef der Raiffeisen International AG (RI) in der Vorwoche verloren?
Stepic: Gute Frage. Lassen Sie mich kurz nachrechnen. Die Aktie ist um acht Euro gefallen … Es werden sicher über 50.000, aber weniger als 500.000 Euro gewesen sein.
FORMAT: Also einige 100.000 Euro. Genauer wissen Sie es nicht?
Stepic: Meine Antwort zeigt Ihnen, dass ich mich in der vergangenen Woche überhaupt nicht mit meiner persönlichen Finanzsituation befasst habe.

"Heftigkeit der Reaktionen hat mich überrascht"
FORMAT: Nervöse RI-Investoren zu beruhigen stand wohl im Vordergrund. Erfolgreich waren Sie nicht: Eine Milliarde Euro Börsenwert wurden vernichtet.
Stepic: Das Entscheidende ist nicht, was der Börsenkurs innerhalb einer Woche tut, sondern wie sich ein Unternehmen weiterentwickelt. Das ist seit dem RI-Börsengang im Jahr 2005 mein Credo. Ich werde alle Gesetze und Usancen des Marktes erfüllen, aber mich nicht davon abhalten lassen, das Unternehmen so zu führen, dass es langfristig eine starke Position als Anbieter von Bankdienstleistungen in CEE erreicht. Das ist uns in 20 Jahren gelungen. Und an dieser Überzeugung ändert der Kursverfall nichts.
FORMAT: Können Sie die Aufregung nachvollziehen, die die RI-Meldung einer möglichen Fusion mit der Raiffeisen Zentralbank (RZB) verursacht hat?
Stepic: Dass ein interner Meinungsbildungsprozess derartige Reaktionen hervorruft, hat mich überrascht. Bei der Fusion von RZB und RI handelt es sich um eine strategische Option, um ungelegte Eier, die noch nicht zum Verzehr bestimmt sind. Es gibt keine Organbeschlüsse. Die meiste Unruhe ist aber anfänglich nicht vom Markt ausgegangen, sondern von Medienberichten. Die Botschaft war, der RI geht es so schlecht, dass sie von der RZB aufgefangen werden muss.

"Das Spiel der Interpretationen ging los"
FORMAT: Widerspruch: Wenn der Aktienkurs um zwölf Prozent einbricht, spricht das auch für unruhige Investoren.
Stepic: Sie haben Recht. Ich muss meine Äußerung relativieren. Wir haben mit unserer kurzen Ad-hoc-Meldung zwar korrekt reagiert, aber offensichtlich nicht ausreichend. Plötzlich war ein Vakuum an Information da. Das freie Spiel der Interpretationen ging los und war kaum unter Kontrolle zu bringen. Die RI ist schwach und muss zurück an die Mutterbrust, wurde zu Beginn kolportiert. Die Verluste seien riesig. Mühevoll mussten wir unsere Investoren vom Gegenteil überzeugen. Als wir das erledigt hatten, ging das Ganze von vorne los: Am nächsten Tag hieß es, weil die RZB nicht ertragsstark genug ist, braucht sie Kapital. Daher muss sie mit ihrer Tochter RI verschmolzen werden. Auch das konnten wir widerlegen. In 24 Stunden drehte sich die Argumentation um 180 Grad. Daran waren auch die Medien mit schuld.
FORMAT: Wie schlecht geht es RZB und RI eigentlich wirklich? Beide kämpfen mit Risikovorsorgen in Milliardenhöhe.
Stepic: Diesen Negativvorhalt weise ich zurück. Ich muss das objektivieren. Zum einen hat die RZB im größten Krisenjahr seit den 1930er-Jahren einen Jahresüberschuss vor Steuern von 824 Millionen erzielt. Gleichzeitig hat die RI 368 Millionen Euro Gewinn vor Steuern erwirtschaftet. Viele Konkurrenten mit besseren Ratings als die RZB mussten Verluste schreiben oder den Eigentümer wechseln. Die RI hat in fünf Jahren über vier Milliarden Euro verdient. Sie müssen zugeben, ein Verlierer schaut doch anders aus. Außerdem muss man nicht zwei Institutionen fusionieren, um Negatives zu übertünchen.

"Natürlich werden Doppelgleisigkeiten beseitigt"
FORMAT: Warum wollen Sie fusionieren?
Stepic: Organisations- und Ressourcensynergien stehen im Vordergrund. Die neue Einheit wird einen besseren Zugang zu Aktien- und Anleihenmärkten haben. Auch das Geschäft in Osteuropa hat sich gewandelt. In der Vergangenheit haben wir mit dem Brot-und-Butter-Geschäft ausreichend verdient. Das reicht nicht mehr aus. In der Zukunft werden höherwertige Produkte wie etwa Treasury-Lösungen gefragt sein. Die RZB hat dieses Know-how. Das wollen wir über unsere 3.000 Raiffeisenbanken in CEE stärker verkaufen.
FORMAT: Wie viele Beschäftigte arbeiten in der RI in Wien?
Stepic: Rund 350 Personen.
FORMAT: Wie viele davon müssen gehen? Fusionen sind oft Anlass für Personalabbau.
Stepic: Zahlen kann ich Ihnen keine nennen. Dafür ist es noch zu früh. Wie gesagt, es gibt noch keine Beschlüsse. Kostensynergien sind jedenfalls nicht der primäre Grund für diese Option. Natürlich werden Doppelgleisigkeiten beseitigt.
FORMAT: Es gab Gerüchte um Börsenrückzug, Einstieg eines strategischen Partners oder dass die RZB ihren Anteil an der RI verkaufen muss. Was steht noch zur Debatte?
Stepic: Ich bitte um Verständnis, dass ich strategische Optionen nicht in der Öffentlichkeit breittreten will. Dass die Fusions-Option bekannt wurde, war eine notwendige Reaktion, die uns der Markt vorgeschrieben hat. Ich werde eine Strategieentwicklung auch weiterhin dort belassen, wo sie hingehört: in den Board Room. Sobald Beschlüsse gefasst sind, gehen wir raus damit.

RZB-Assetsbewertung: "Sachverständiger entscheidet"
FORMAT: Haben Sie Ihr persönliches Dilemma schon gelöst?
Stepic: Welches?
FORMAT: Im Rahmen der Fusion werden Teile der RZB in die RI eingebracht. Als RZB-Vizechef müssen Sie interessiert sein, den Wert des RZB-Assets möglichst hoch zu bewerten, als RI-Boss müssen Sie das Gegenteil wollen. Wie gehen Sie mit diesem Interessenkonflikt um?
Stepic: Eine berechtigte Frage, die Sie für Tausende Kleinaktionäre stellen. Ich halte mich da raus. Es werden zwei Wirtschaftsprüfungskanzleien beauftragt, Gutachten über die Umtauschverhältnisse zu erstellen. Eine wird von der RZB, die andere von der RI bezahlt. Wenn die vorliegen, entscheidet dann ein vom Gericht bestellter Sachverständiger, ob alles formell in Ordnung war und welche Bewertung anzuwenden ist.

Interview: Ashwien Sankholkar

Über Stepics Replik auf das Ostbanken-Bashing und das Sorgenkind Ukraine lesen Sie in der aktuellen FORMAT-Ausgabe 09/10.

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