Revolution der Brille

Eine Brille für drei Milliarden Menschen. Der Atomphysiker Josh Silver könnte mit seiner Erfindung die Welt verändern. Die Geschichte eines wahrhaft sturen Bocks.

Revolution der Brille

Trauen Sie nie den Zeitangaben eines Professors. Als Josh Silver seinen roten BMW vor seinem Reetdach-Cottage im südenglischen Bicester parkt, will seine Nachbarin gerade die Hecke schneiden. "Oh, Josh, Sie haben einen Gast und brauchen sicher Ruhe. Soll ich mit der Hecke noch etwas warten?“, fragt sie. Silver antwortet: "Das wäre nett, es dauert auch nicht lang.“

Über vier Stunden später ist es längst dunkel, und Silver erzählt immer noch. Die Hecke kann die Nachbarin für heute vergessen, aber es gibt Wichtigeres. Findet zumindest der Herr Professor: Er halte die "Revolution der Brille“ in den Händen, sagt Silver. "Meine Erfindung könnte technisch so bahnbrechend wie der Personal Computer sein.“ Große Worte für eine klobige, runde Plastikbrille, die selbst Harry Potters Sehgestell filigran erscheinen lässt.

Doch der 65-jährige Atomphysiker mit der Wollstrickweste könnte tatsächlich die Welt entscheidend verbessern. Silver hat eine Brille entwickelt, mit der Menschen selber ihre Sehstärke korrigieren können. Für Entwicklungsländer bieten seine Adspecs-Brillen ganz neue Möglichkeiten. "2,5 bis 3 Milliarden Menschen auf der Welt brauchen eine Brille, können sie sich jedoch nicht leisten“, sagt Silver. Neben den reinen Kosten für Gestell und Gläser sei vor allem auch der Mangel an Fachkräften ein Problem. "In Industrieländern gibt es durchschnittlich einen Optiker auf 10.000 Einwohner, in vielen afrikanischen Ländern ist es dagegen ein Optiker auf eine Million Einwohner.“ Es sei bislang also unmöglich, alle Menschen mit Sehproblemen in diesen Ländern zu versorgen.

Silvers Brille könnte das ändern. Der emeritierte Oxford-Professor hat es sich zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2020 insgesamt eine Milliarde Menschen in Entwicklungsländern mit Adspecs auszustatten. Allein 200 Millionen Kinder könnten dann mit der Silver-Brille durch die Welt laufen. Dem Bildungsniveau in diesen Ländern würde das einen enormen Schub geben. "Die meisten Kinder in armen Ländern scheiden aus dem Schulsystem aus, wenn sie die Schrift auf der Tafel nicht erkennen können.“ Selbst Turbokapitalisten sollte daran gelegen sein, die Ärmsten der Gesellschaft mit funktionierenden Sehhilfen auszustatten. Die Weltwirtschaft könnte so um 150 Milliarden Euro wachsen, schätzt die Weltgesundheitsorganisation WHO.

Der Prototyp funktioniert

So nah wie jetzt war Silver seinem Ziel noch nie. Vor zwei Wochen wurde sein neuer Prototyp vom Londoner Designmuseum zum Produkt des Jahres nominiert. Wichtiger noch: Nach jahrzehntelangen Misserfolgen hat er endlich einen Sponsor gefunden. Damit könnte Silvers Traum nach 28 Jahren endlich Wirklichkeit werden. Lange sah es so aus, als würde seine Vision das Hirngespinst eines bastelfreudigen Atomphysikers bleiben. Am 27. März 1985 saß der Professor in Oxford beim Lunch. "Ein Kollege fragte mich, ob ich in der Lage sei, eine verstellbare Linse zu erfinden“, erinnert sich Silver. Zurück in seinem Labor habe er sich an die Arbeit gemacht. "30 Minuten später hatte ich das Problem gelöst.“

Im Prinzip unterscheide sich der erste Entwurf nur minimal von jenem Prototypen, den Silver in seinen Händen hält. Ein Plastikgestell mit runden Fassungen, in denen jeweils zwei transparente Kunststoffblätter gespannt sind. Der Hohlraum zwischen den Blättchen ist mit durchsichtiger Silikonflüssigkeit gefüllt. An den beiden Brillenbügeln ist jeweils eine kleine Spritze befestigt. Dreht man an den Reglern der Spritzen nach rechts, wird Silikon aus den Brillengläsern gezogen. Dreht man nach links, drückt die Spritze zusätzliches Silikon in die Gläser.

"Durch die Druckveränderung krümmen sich die Plastikgläser entweder nach innen oder außen“, erklärt Silver. Über 90 Prozent aller Sehschwächen - egal ob kurz- oder weitsichtig - könnten so korrigiert werden. "Lediglich Patienten mit einer schweren Hornhautverkrümmung kann ich nicht helfen.“ Sind die Linsen einmal richtig eingestellt, werden die Spritzen an den Bügeln mit einer Schere abgeknipst. Fertig ist die individuelle Brille.

Feldversuche in Ghana, Nicaragua, Südafrika und China haben ergeben, dass fast alle Menschen in der Lage sind, die Brille für ihre Augen selber einzustellen. "Man dreht einfach so lange, bis man gut sehen kann.“ Das sei kinderleicht, sagt Silver. Oft seien die Ergebnisse sogar besser, als wenn Optiker die Brille für einen Patienten angepasst hätten. "95 Prozent aller Testpersonen konnten im anschließenden Sehtest auch die kleinsten Zeichen erkennen.“ Die Reaktionen der Patienten hätten ihm den Mut gegeben, für seine Idee zu kämpfen. "Fast jeder hat diesen Wow-Effekt in den Augen.“

50.000 Menschen in 20 Ländern tragen heute Adspecs. 10.000 davon finanzierte die Regierung von Ghana, den Rest verteilte die US-Regierung in Afrika. Für 28 Jahre Arbeit ist das eher ein Achtungserfolg, aber nicht gerade ein Durchbruch. "Es ist vieles nicht so gelaufen, wie ich mir das vorgestellt habe“, gibt Silver zu. Er sei eben kein Geschäftsmann, sondern Atomphysiker. "Ich habe mehrere Versuche mit kommerziellen Partnern gestartet, die immer daran scheiterten, dass es den Investoren nur um Profit ging, während ich helfen wollte.“

Sponsor gefunden

Aufgeben war jedoch keine Option für Silver. "Sie müssen wissen, ich bin ein sturer Bock.“ 2009 gründete Silver in Oxford das Centre for Vision in the Developing World . Anders als die Firmen zuvor soll sich die gemeinnützige Organisation von Spenden finanzieren. Zunächst spendete aber nur einer: Silver. "Ich nenne das die Silver-Krankheit“, sagt der Professor. "In unserer Familie ist es genetisch vorbestimmt, dass wir mehr ausgeben, als wir auf dem Konto haben.“

Vor zwei Jahren fand Silver endlich den Geldgeber, den er so dringend brauchte. Genau genommen fand der Sponsor ihn. Der US-Chemiekonzern Dow Corning, dessen Silikon Silver seit Jahren für die Brillen verwendet, bot seine Hilfe an. Der Silikonproduzent und Silver einigten sich darauf, sich zunächst auf Kinder zu konzentrieren. Für drei Millionen Dollar setzten sie das Projekt " Child Vision “ auf. Mit dem Programm sollen in den kommenden eineinhalb Jahren 50.000 Teenager in Asien mit Silver-Brillen ausgestattet werden. Kommen sie bei den Jugendlichen an, will Silver in die Massenproduktion einsteigen. Der Start ist für Sommer geplant.

Dow Corning finanzierte die Entwicklung einer filigraneren Brille in verschiedenen, bunten Farben. "Seien wir ehrlich, die alten Brillen sind so hässlich, dass sie für Teenager nicht gerade attraktiv wirken“, sagt Silver. Die neuen Gestelle seien dagegen kaum von herkömmlichen Kinderbrillen zu unterscheiden.

Wichtiger noch, Silver konnte dank eines Massenherstellers in China endlich die Produktionskosten drücken. Statt 19 Dollar werden die Brillen "weniger als fünf Dollar“ kosten. "Das ist für Menschen in der Dritten Welt zwar immer noch zu teuer, aber wir stehen kurz vor dem Durchbruch.“

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