Resteverwertung: Mit der Marke Jackson lässt sich nach wie vor viel verdienen

Michael Jackson starb hoch verschuldet. Aber an einem ­toten Superstar lässt sich noch immer gut verdienen. Vor allem im über(lebens)großen Pop-Biz.

Zynismus gehört zur Verwertungsindustrie im Pop- und Musikgeschäft dazu. Das ist kein Geheimnis. Man weiß üblicherweise, worauf man sich einlässt. Hoch fliegen, tief fallen, höher fliegen, an der Sonne verglühen – und so zum Mythos werden. Hoch geflogen ist Michael Jackson, der (selbst inthronisierte) König des Pop, immer. Vom knallharten Vater in die Luft geprügelt, ist er dann dorthin aufgestiegen, wo vor ihm noch keiner war. Dass Jackson, als er abdankte, beinahe 500 Millionen Dollar an Schulden angehäuft hatte, stört in ­dieser merkwürdig entrückten Story nicht weiter. Sein Königreich wird weiterbestehen und der Hofstaat sich damit sanieren.

Rubel, Trubel, Heiterkeit  
750 Millionen Platten verkaufte er im Laufe seiner Karriere. Kein Künstler schaffte bis dato mehr. Jacko, die Ikone der 80er-Jahre, verdiente in Spitzenjahren an die 50 Millionen Dollar und avancierte zudem zu einer globalen Marke. Der Marktwert bröckelte zwar ein wenig in den letzten Jahren. Dennoch: In der nächsten Zeit wird die Marke Michael Jackson wohl irgendwo zwischen Coca-Cola und Microsoft zu verorten sein. Denn, bewegt man sich ein Leben lang in Superlativen wie Jackson, ist man „tot wahrscheinlich mehr wert als lebendig“, wie der Jurist des New Yorker Aufnahmestudios „Hit Factory“ ­Jerry Reisman kurz nach Jacksons end­gültigem Verbleichen zu Protokoll gab. Dort im Studio sang der Amerikaner 1982 das durchgestylte Konzeptalbum „Thriller“ ein, das bis dato 104 Millionen Mal über die Ladentische wanderte. Und es werden wohl noch mehr werden. Ein Blick in die Online-Verkaufscharts gibt ersten Aufschluss darüber, was in nächster Zeit zu erwarten ist. So sind im iTunes-Store zurzeit sechs Alben des Amerikaners unter den Top Ten zu finden. Und auf Amazon.com ge­hören ihm gleich überhaupt die ersten zehn Plätze. Gleich ums 700-Fache stiegen in den letzten Tagen die MP3-Downloads, und CD-Regale in Plattenläden wurden förmlich leer gehamstert. Der Rubel rollt also wieder. Das ist allerdings nichts ­Ungewöhnliches. „Musik ist ein emotionales Gut, die Menschen wollen Michael Jackson nochmals ehren. Da macht es nichts, dass er die besten Tage weit hinter sich hatte“, analysiert Musikexperte Walter Gröbchen.

Minus 300 Mio. Dollar
Zudem hat Michael Jackson – dem 80er-Jahre-Revival-Hype sei Dank – wieder ein wenig mehr Star-Appeal als in den letzten Jahren. Dies zeigte der außergewöhnlich gut laufende Kartenvorverkauf für seine Comebackkonzerte, die im Juli in London über die Bühne gehen hätten sollen. 46 Konzerte waren geplant, 900.000 Tickets bereits verkauft. Eine halbe Milliarde Dollar hätten dem amerikanische Veranstalter AEG Live, der lediglich für 23 Konzertausfälle versichert war, die Jacko-Auftritte bringen sollen. Nun rechnen Branchenkenner wegen der Anlaufkosten mit einem satten Minus von 300 Millionen Dollar.

Mehr Ruhm posthum
Dass sich posthum mit Mythen aber gut verdienen lässt, listet jährlich das „Forbes“-Magazin auf. So durften sich etwa die Erben von Elvis Presley, der seit 30 Jahren fast ununterbrochen diese ominöse Liste der Finanznekrophilie anführt, 2008 über 52 Millionen Dollar Einkommen freuen. Im Übrigen mehr als Madonna oder Justin Timberlake lebend umsetzten. „Michael Jackson war noch größer als King Elvis, er wird immer der Größte sein“, ordnet der deutsche Konzertveranstalter Marcel Avram, der fünf Jackson-Welttourneen organisiert hatte, die Pop-Ikone im Heldenkatalog gleich richtig ein. So gesehen wird der King of Pop in Belangen posthumer Umsätze seinen quasi Ex-Schwiegervater Elvis vermutlich ebenfalls rasch übertreffen. Alleine schon da sich in Jacksons Erbmasse ein 50-prozentiger Firmenanteil an der Musikrechtefirma Sony/ATV (Wert: rund eine Milliarde Dollar) befindet, der die Verwertungsrechte an rund 750.000 Songs beinhaltet. Darunter fällt etwa der gesamte Beatles-Katalog, aber auch Liedgut von Lady Gaga bis zu den Teenie-Schwärmen Jonas Brothers. Alleine Tantiemen dieses sehr umfangreichen Song-Pools machten den Großteil von Jacksons Einkommen von ungefähr 19 Millionen Dollar aus.
Ein ebenfalls erkleckliches Sümmchen dürften dann noch einige der rund hundert unveröffentlichten Songs Jacksons einbringen, die sich auf Archivbändern finden. Vermächtnis-Compilations verkaufen sich meist recht gut. ­Allerdings: „Solche Aufnahmen sind nicht grundlos unter Verschluss gehalten worden. Ob der künstlerische Ausverkauf von Michael Jackson, der zu Lebzeiten nicht passiert ist, jetzt tatsächlich kommt, wird man sehen“, zeigt sich Walter Gröbchen skeptisch.

Devotionalienhandel
Der Devotionalien-Sell-out hat jedenfalls bereits begonnen und treibt merkwürdige Blüten. Originalversiegelte Vinyl-Platten von Thriller wechseln auf eBay um mehrere Tausend Dollar den Besitzer. Und am Wochenende wurde im Internetauktionshaus gar die Web-Domain MemoryOfMichaelJackson.com um sagenhafte 19 Millionen Dollar ersteigert. Auch das Geschäft mit Merchandising-Produkten – seit jeher im Musikbusiness ein fruchtbares Feld – beginnt bereits zu blühen. Zentrum des Jackson-Totenkults wird wohl die berühmt-berüchtigte Neverland-Ranch in Südkalifornien werden. Das Anwesen, das der Star um 17 Millionen Dollar kaufte, ist als letzte Ruhestätte auserkoren und wird demnächst sicher zur von Trauernden gestürmten Pilgerstätte werden. Der Wert der Immobilie, die Jackson nur noch zum Teil über eine Firmenbeteiligung gehörte und die er seit 2005 auch nicht mehr bewohnte, wird auf eine Milliarde Dollar geschätzt. Und das ist zum Großteil der zwanghaften Sammelleidenschaft des toten Superstars zuzuschreiben. Der Gebäudekomplex ist nämlich bis unter den Dachfirst gerammelt voll mit pompösem Plunder und ein Panoptikum des Luxuskitschs. Und das hat durchaus seinen Wert, wie das Auktionshaus „Julien’s“ in Beverly Hills vor wenigen Wochen festgestellt hat. Dort sollten 1.390 Neverland-Exponate versteigert werden und geschätzte 20 Millionen Dollar einbringen. Die geplanten Einnahmen aus den Konzert­auftritten in London stimmten Jackson aber um, und er ließ sein Ramsch-Sammelsurium wieder zurück auf die Ranch karren. Ein Glück für Erben und Gläubiger, die nun auf einem unbezahlbaren Schatz hocken. Zynismus des Pop-Schicksals.

Von Manfred Gram

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