Reportage: Wo Red Bull seine Flügel erhält - zu Gast in der Weltmeisterschmiede

Nach dem Rennen ist vor dem Rennen: In der englischen Formel-1-Fabrik in Milton Keynes wird schon am Red-Bull-Siegerauto für die nächste Saison gebaut.

Es liegt ein leises Lächeln auf den Gesichtern der Red-Bull-Racing-Mitarbeiter im Werk im britischen Milton Keynes. Gut, Briten sind grundsätzlich heiterer als Österreicher. Aber die Red- Bull-Crew hat wirklich Grund zum Lachen, denn der Formel-1-Sieg von Sebastian Vettel vor zwei Wochen hat allen 560 Mitarbeitern nicht nur mental, sondern auch finanziell Flügel verliehen. 10.000 Pfund Bonus (umgerechnet knapp 12.000 Euro) haben alle – von der Empfangsdame bis zur Putzfrau – als Belohnung für den ersten WM-Titel von Red Bull bekommen.

Bauen am neuen Sieger-Boliden

Wer glaubt, dass sich die Roten Bullen jetzt einmal auf ihren Lorbeeren ausruhen und sich in den wohlverdienten Winterschlaf zurückziehen, der irrt gewaltig. In den drei riesigen Werkshallen etwa eineinhalb Stunden nördlich von London herrscht rege Betriebsamkeit. Während sich die beiden siegreichen Piloten Mark Webber und Sebastian Vettel in ihrer Heimat feiern lassen, wird hier in Milton Keynes schon wieder am Siegerauto für 2011 gearbeitet.

Bildschirm an Bildschirm reiht sich im Großraumbüro, in dem nicht weniger als 180 Designer Platz finden. Nur Adrian Newey, der technische Direktor und Mastermind des Red-Bull-Rennautos, befindet sich gerade nicht auf seinem Platz. Die restliche Mannschaft ist trotz Siegestaumel aber vollzählig angetreten. Sie designen die insgesamt 4.000 Einzelteile, aus denen sich ein Formel-1-Bolide zusammensetzt. „Als Red Bull vor sechs Jahren Jaguar gekauft hat, waren hier acht Leute für das Design zuständig. Dann waren wir irgendwann einmal 30, und jetzt sind wir bei 180“, erzählt Steve Nevey, Business Development Manager bei Red Bull Racing.

Typische Fabriksarbeit sieht freilich anders aus. Die Hallen in Milton Keynes könnten einen Sauberkeitswettbewerb gewinnen, alles blitzt und glänzt. Red Bull könnte man vom Boden schlürfen. Braucht man aber nicht, denn in nahezu jedem Raum steht praktischerweise eine Kühlbox, bis zum Rand gefüllt mit Dosen des Energydrinks. Für den Fall, dass jemandem bei der Arbeit der Elan ausgeht.

Trotz der Emsigkeit im Automobilwerk herrscht in weiten Teilen der Fabrik eine fast unheimliche Stille. Das liegt wohl daran, dass der RB7 – wie das neue Red-Bull-Auto heißen wird – vorwiegend am Computer entsteht. Wie fast überall heutzutage bildet auch in der Formel 1 die EDV ein zentrales Element in der Entwicklung. Mithilfe einer sogenannten PLM-Software von Siemens werden die einzelnen Autoteile virtuell ausgetestet, bevor sie zu einem Modell 1:60, mehrheitlich aus Carbonfaser, zusammengebastelt werden.

1:60 deshalb, weil die FIA dieses Maß vorschreibt. Wie überhaupt die FIA beim Bau der Rennautos allgegenwärtig ist. 67 Seiten dick sind die technischen Vorgaben der Fédération International de l’Automobile – jede Höhe, Länge und Breite der einzelnen Teile wird genauestens vorgeschrieben. Das Budget für die Konstruktion der Formel-1-Boliden ist mit 40 Millionen Euro beschränkt. Umso wichtiger ist es deshalb, die Software einzusetzen, denn mit ihrer Hilfe kann auch die Zahl der designten Modelle im Rahmen gehalten werden.

In der Simulation ist nämlich zu sehen, wo noch nachgebessert werden kann. Dadurch konnte auch der Materialaufwand sukzessive reduziert werden. Insgesamt werden 90 Prozent des Autos in Milton Keynes produziert, lediglich der Motor und die Reifen werden von außen beigesteuert. Nicht mehr als fünf Chassis pro Saison werden gefertigt. Das klare Ziel aller Red Bullianer: Schneller und noch aerodynamischer sollen die neuen Bullen werden, denn: „Wir bauen hier das Weltmeister-Auto 2011“, ist Nevey zuversichtlich.

Breiten Raum nimmt im Red-Bull-Racing-Stammsitz die Konkurrenzbeobachtung ein. In einem Saal, vergleichbar einem kleineren Kinosaal, nur mit 18 Monitoren statt einer großen Leinwand, beobachten Mitarbeiter jedes Detail der Mitbewerber von Sebastian Vettel und Mark Webber. Jede Zahl, jede Runden-, ja Kurvengeschwindigkeit wird analysiert: Welche Kurve hat Louis Hamilton besser genommen als die Red-Bull-Piloten und warum? Diese Analysen finden zwischen den Rennen, aber auch während der Rennen statt. Alle Erkenntnisse werden dann sofort an die Leute an der Rennstrecke gefunkt, denn jede Hundertstelsekunde zählt.

In jener Halle, wo die Autoteile alle zusammengefügt werden, haben die rund 100 Mechaniker das Sagen. Auch sie können sich nicht in die Winterpause verabschieden, ganz im Gegenteil, für sie steht ständiges Proben auf der Tagesordnung. Boxenstopps ohne Rennen finden hier statt. „Wenn wir merken, einer der Mechaniker wird am vorderen Teil des Autos langsamer, dann führen wir Stellungs-Rochaden durch“, erläutert Nevey. Auch hier kommt wieder die Software zum Einsatz, die aufzeigt, wo noch ein paar Hundertstel zu holen sind. Und so geht das bis in den nächsten März. Dann startet die Formel 1 mit dem Rennen in Bahrain nämlich in ihre nächste Saison.

Geht es 2011 so erfolgreich weiter wie in der letzten Saison, könnte es eng werden für die Bullen. Die Glasvitrinen in der Empfangshalle in Milton Keynes sind nämlich bereits zum Bersten gefüllt. Auch der letzte Pokal, jener überaus wichtige, mit dem Vettel für Red Bull den Sieg in Abu Dhabi geholt hat, steht schon fein säuberlich abgestaubt im Glaskasten. Vielleicht wird man ja einige der Red-Bull-Kühlboxen entfernen müssen, um Platz für mehr Pokale zu schaffen.

– Angelika Kramer

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