Reportage: wie Computerprogramme
Online-Pokerspieler abzocken

Online-Poker boomt – auch in Österreich. Aber die Schattenseiten werden deutlicher: An den virtuellen Pokertischen sitzen oft Computerprogramme, die andere Spieler ausnehmen oder bei der Geldwäsche helfen.

Im gut geschnittenen Hugo-Boss-Anzug lehnt sich Richard M. im Sessel seines Münchner Büros zurück. Am Tisch der Bentley-Schlüssel, an der Wand ein Bild von Jackson Pollock. M. gehört zu der erlesenen Gruppe von Leuten, die mit Online-Poker ein stattliches Vermögen angehäuft haben. „Dabei spiele ich eigentlich nicht einmal gerne“, sagt er.

Nach einer beachtlichen akademischen Ausbildung – Doktortitel in Mathematik, MIT-Abschluss in Informatik – arbeitete der Mittvierziger zunächst für Investment-Firmen als Informatiker. Sein Spezialgebiet: künstliche Intelligenz zur Analyse von Aktienkursen. Reich wurden damit andere.

Als 2004 das Online-Poker-Fieber um sich griff, versuchte sich M. ebenfalls am virtuellen Pokertisch. Sein Interesse galt nicht dem Thrill des Glücksspiels, ihn interessierte die mathematische Komponente und wie man damit Geld verdienen könnte. „Bald programmierte ich mir ein Hilfsprogramm, das mir Wahrscheinlichkeiten anzeigte“, erzählt M. Damit verdiente er am Pokertisch mehr, als ihm sein regulärer Job einbrachte. „Der einzige limitierende Faktor beim professionellen Poker ist, wie viele Tische man gleichzeitig spielen kann, ohne Fehler zu machen.“ M. schaffte damals 16 Poker-Partien simultan – ein Anfang, aber zu wenig für das große Geld.

Im Sommer 2007 kündigte er seinen Job. In den folgenden Monaten entwickelte er seinen ersten sogenannten „Poker-Bot“, ein Programm, das anstelle eines realen Spielers am virtuellen Pokertisch Platz nehmen kann. „Die ersten Versionen waren noch recht simpel“, sagt er. Aber schon das reichte: Drei von fünf Partien gewann der Bot im Schnitt gegen seine menschlichen Gegner. M. konnte an Hunderten Spielen parallel teilnehmen.

„Die Betreiber der Poker-Plattformen machten es mir leicht. Sicherheitsfunktionen, die Bots erkennen sollten, gab es so gut wie nicht.“ Verteilt auf Dutzende Computer, erwirtschaftete der Bot von Richard M. ab Ende 2008 etwa 600 Euro pro Stunde: 14.000 bis 15.000 Euro pro Tag waren durchaus möglich.

Rechtlich bewegt sich der Poker-Tüftler in einer Grauzone. Sein Bot verstößt primär gegen die Lizenzvereinbarung zwischen Poker-Portal-Betreiber und Spielern. Strafrechtlich sind solche Systeme bislang unter dem Radar der Justiz. „Das Schlimmste, was derzeit passieren kann, wenn ein Poker-Betreiber den Bot erkennt, ist, dass das Poker- Konto gesperrt wird und alle noch nicht ausgezahlten Gewinne einbehalten werden.“ Ab und zu kommt das auch vor. Große Kopfschmerzen bereitet das M. allerdings nicht.

Richard M. ist mit seinem Poker-Bot kein Einzelfall. Anbieter kommerzieller Poker-Bots finden sich im Web heute zu Hunderten. Einer der größten Anbieter von Poker-Bots ist Shanky Technologies. Brian Jetter, Mitgründer von Shanky, behauptete in einem Interview, dass sein Unternehmen seit 2008 mehr als 5.000 Lizenzen für seine Poker-Roboter-Software verkauft habe.

Und die sind nicht ganz billig: Eine Jahreslizenz kostet bei Shanky 129 Dollar. Eine Garantie, dass der Bot wirklich Geld verdient, gibt Shanky freilich nicht.

Keine fairen Chancen

Allzu glücklich sind die Betreiber der Poker-Portale klarerweise nicht, wenn Programmierer von Bots sich auf Kosten ehrlicher Spieler bereichern. Denn das ist nicht zuletzt schlecht fürs Geschäft. Online-Poker war in den letzten Jahren eines der Wachstumsfelder für die Glücksspielbranche. Während die Umsätze etwa in den klassischen Casinos zurückgingen, boomten die virtuellen Pokerrunden. Fast 60 Millionen Spieler gibt es weltweit bereits. Auch geschätzte 110.000 Österreicher spielen beim Online-Poker regelmäßig um echtes Geld. Und die Anbieter wie die heimischen Lotterien oder bwin machen gutes Geld. Zwischen 5 und 13 Prozent der gespielten Summe bleiben bei der Bank – fette Millionenumsätze, die in Gefahr sind, wenn die Kunden nicht mehr an faire Chancen glauben.

Full-Tilt-Poker, eine der größten Online-Plattformen, hat den Bots daher schon vor einiger Zeit den Kampf angesagt. Über 400 Accounts wurden dichtgemacht und mehr als 200.000 Dollar an erschwindelten Spielgewinnen einbehalten. Gegen wirklich gut programmierte Bots tun sich Betreiber jedoch immer noch schwer.

Auch die heimischen Poker-Anbieter PartyPoker (bwin.party) und Casinos Austria sind sich der kriminellen Schattenseiten des Online-Pokers bewusst. „Wir nehmen das Phänomen ernst und bekämpfen diese steigende Bedrohung proaktiv“, erklärt Martin Parkos, Österreich-Chef von bwin.party. Im technischen Wettrüsten zwischen Bot-Programmierern und Poker-Anbietern hat PartyPoker derzeit die Nase vorn und gilt als vergleichsweise wenig Bot-verseucht.

Sehr sicher präsentiert sich Online-Poker auch auf dem win2day-Portal der Lotterien, einer Casinos-Tochter. „Wir haben ausgeklügelte Schutzmechanismen, die den Einsatz von Bots erschweren oder gar unmöglich machen. Namentliche Registrierung, österreichischer Wohnsitz und Bankverbindung sowie ein wöchentliches Einsatzlimit von 800 Euro schrecken viele Gauner und Betrüger ohnehin ab“, sagt win2day-Sprecher Martin Himmelbauer.

Bots sind Amateur-Spielern nicht nur bei der Berechnung von Wahrscheinlichkeiten voraus, sie arbeiten auch mit unfairen (und unerlaubten) Mitteln. Einige Bots besetzen mithilfe von Zweit- und Dritt-Accounts gleich mehrere Plätze an einem Tisch. So pushen die Bots die Gewinnwahrscheinlichkeiten. Dieser Trick ist in der Poker-Welt nicht erst seit Erfindung des Internets bekannt – schon zu Wildwest-Zeiten war es ein probates Mittel, ahnungslose Mitspieler auszunehmen. Der Unterschied zum Online-Poker: Damals wurden aufgeflogene Betrügereien gleich an Ort und Stelle geahndet.

Vorbild Börsenanalyse

Einen wirklich guten Poker-Bot zu programmieren ist schwierig, erzählt Richard M.: „Beim Schach kennt der Computer alle relevanten Informationen, beim Poker ist der Großteil verdeckt.“ Die Lösung dieses Problems fand M. in seinem Background mathematischer Börsenanalyse: „Meine Poker-Bots basieren auf derselben mathematischen Grundlage wie Software zur Börsenkursanalyse.“ Auch hier kennt man nur einen kleinen Teil der relevanten Variablen, dennoch gilt es, Vorhersagen zu machen.

„Meine Software gewinnt nicht jedes Spiel, aber unterm Strich steigt der Bot zuverlässig mit Gewinnen aus.“ Gegen wirklich gute Profispieler hat selbst die neueste Version von M.s Software keine Chance, „doch das muss sie auch gar nicht. Es reicht, besser zu sein, als die Millionen von Gelegenheitsspielern, um Geld zu machen.“ Moderne Bots übernehmen sogar das Online-Banking für ihre Besitzer: Übersteigt der Gewinn einen gewissen Betrag, wird das Geld schnell per Online-Überweisung auf ein Bankkonto „in Sicherheit gebracht“ und von dort gleich weiterüberwiesen. Selbst wenn der Poker-Anbieter einem Bot auf die Schliche kommt, lassen sich Banktransfers kaum mehr rückgängig machen.

Organisiertes Verbrechen

Bot-Experte M. verkauft, anders als die meisten seiner Kollegen, sein Programm nicht öffentlich: 2009 begab er sich auf die Suche nach „Lizenznehmern“ und stellte schließlich Kontakt zu Vladimir T. her: Ukrainer, Bodyguards, „Import/Export“. Der war schnell interessiert und erwarb die Nutzungsrechte für den Bot für einen hohen sechsstelligen Eurobetrag jährlich.

Auf den meisten Online-Poker-Plattformen wird grenzüberschreitend gespielt. Westeuropäer verlieren dabei im Schnitt 200 bis 300 Euro pro Jahr. Die Gewinne werden vor allem in der Ukraine, in Weißrussland und in Estland einkassiert – wo die meisten Bots im Einsatz sind.

Dennoch dürfte es dem ukrainischen Kunden von Herrn M. weniger um die gesteigerten Gewinnchancen gehen, sondern um etwas ganz anderes: Gewinne aus Glücksspiel sind steuerlich blütenrein. Geld aus illegalen Quellen lässt sich damit hervorragend waschen: Mehrere Bots schieben anderen Bots über viele Tausend Spiele das Schwarzgeld über den Pokertisch – die Gewinne sind anschließend gewaschen und steuerfrei.

Diese Methoden sind den Finanzfahndern längst bekannt. Harald Waiglein, Sprecher des österreichischen Finanzministeriums, vermutet hinter den Machenschaften der organisierten Kriminalität mit den Poker-Bots aber nicht nur Geldwäsche im klassischen Sinn: „Die Beträge, die sich hier waschen lassen, sind für große kriminelle Organisationen zu klein. Hier geht es wohl auch um Bestechung.“ Wenn früher etwa ein Polizeipräsident finanziell „beeinflusst“ werden sollte, ging der ins Casino, spielte und gewann den gewünschten Geldbetrag. Da Casinos heute sehr strengen Auflagen unterliegen, um genau solche Geldwäsche- und Bestechungsmanöver zu unterbinden, sind Online-Poker-Games zum Schauplatz der Geldverschiebungen geworden.

Noch ein zweites Szenario ist laut Waiglein wahrscheinlich: „Bot-Netze lassen sich als Bezahlsystem für ‚Angestellte‘ nutzen – vom Drogenkurier bis zum Dealer können die kleinen Rädchen in kriminellen Organisationen durch Pokergewinne bezahlt werden.“ Es gibt keinen direkten Geldverkehr zwischen den beteiligten Parteien, da alle Gewinne vom Poker-Anbieter direkt ausgezahlt werden. Also ist der Nachweis, wer wen bezahlt, fast unmöglich.

An und für sich müssen auch Online-Glücksspiel-Anbieter sehr strenge Glücksspiel-Auflagen einhalten, nur hapert es in der Realität oft an der rechtlichen Zugriffsmöglichkeit: Mehr als 40 Prozent der weltweit 850 Poker-Portale sind geografisch – und damit rechtlich – im Kahnawake-Indianer-Reservat im Nordosten Kanadas angesiedelt. Kanadisches Recht ist hier nicht gültig, internationale Verträge sind daher nur schwer durchzusetzen.

Ende des Online-Pokers?

Angesichts solcher Schreckensmeldungen sprechen viele Poker-Spieler weltweit bereits seit einigen Jahren vom Ende des Booms. Uneinigkeit herrscht jedoch in der Einschätzung, wie gut die Bots tatsächlich sind. Die Software der Entwickler der Computer Poker Research Group (CPRG) an der Universität von Alberta zählt derzeit zu den besten virtuellen Pokerspielern. Michael Bowling, Leiter der CPRG, räumt aber ein, dass sie bei der im Internet primär gespielten Variante – mehrere Spieler, kein Einsatzlimit – den Profis unterlegen ist.

Richard M. verfolgt die Entwicklungen der Poker-Forscher mit Interesse: „Mein Programm funktioniert völlig anders.“ Sein Bot muss nicht die Besten bezwingen, sondern nur den Durchschnittsspieler. „Das Niveau ist nicht allzu hoch, auch wenn die Spieler in den letzten Jahren etwas besser geworden sind.“ Er schätzt, dass sein Programm derzeit auf dem Level eines guten Amateurs liegt. „Mit der nächsten Version werde ich noch mal nachlegen.“ Aber auch die Glücksspielbranche schläft nicht.

– Jan Fischer

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