Renault-Chef Patrick Pélata im Interview:
"2009 müssen wir 9.000 Stellen streichen"

Patrick Pélata, neuer Chef von Renault, spricht im FORMAT-Interview über gestrichene Autoprojekte, Absatzeinbrüche bei Dacia und übertriebene Ängste.

FORMAT: In der Krise werden derzeit bisher oft undenkbare Kooperationen überlegt. So gibt es Gerüchte, BMW und Mercedes könnten künftig wesentlich enger zusammenarbeiten als bisher. Wären neue Kooperationen auch für Renault ein Weg?
Pélata: Wir haben mit Nissan schon seit Jahren eine funktionierende Partnerschaft und sind froh, in so einer schwierigen wirtschaftlichen Lage keine neuen Kooperationen ausprobieren zu müssen.

"Weniger Autohersteller als bisher"
FORMAT: Auch Fusionen werden nach Ansicht von Experten zunehmen. Wird Ihr Konzern da mitmischen?
Pélata: Nein, wir richten unsere Aufmerksamkeit auf unseren eigenen Konzern. Aber dass es nach der Krise weniger Autohersteller als bisher geben wird, ist sicher. Solange der Boden nicht erreicht ist, werden wir aber keine Aktionen sehen. Außerdem scheitert es noch an den Finanzierungen.
FORMAT: Der Umsatz Ihres Konzerns ist 2008 um sieben Prozent gesunken, der operative Gewinn ist um 80 Prozent eingebrochen. Wie wollen Sie auf diesen Rückgang reagieren?
Pélata: Die Krise stellt viele Dinge infrage. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als unsere komplette Strategie umzukrempeln. Wir sind aber nicht in Panik.
FORMAT: Was bedeutet das im Detail?
Pélata: Das Kundenverhalten hat sich grundlegend geändert. Luxusautos verkaufen sich derzeit schlecht. Wir werden daher drei Projekte der gehobenen Klasse, die 2012 und 2013 auf den Markt hätten kommen sollen, auf Eis legen. Wir stellen etwa den Nachfolger der Großraumlimousine Espace zurück. Dafür wollen wir uns noch stärker auf unser Angebot bei Kleinwagen konzentrieren.

"Beginn eines neuen Autozeitalters"
FORMAT: Wird der Trend zu Kleinwagen Ihrer Ansicht nach auch nach dem Konjunktureinbruch anhalten?
Pélata: Es sieht danach aus. Fest steht aber nur, dass wir am Beginn eines neuen Autozeitalters stehen.
FORMAT: Gibt es andere Konsequenzen, außer die Modellpalette zu straffen?
Pélata: Ja, aber es ist noch zu früh, um die richtigen strategischen Schritte zu setzen.
FORMAT: Die Autoabsätze der Kleinwagen Renault Clio und Twingo haben sich gut gehalten. Beim Billigauto Dacia, der ebenfalls zu Ihrem Konzern gehört, ist das Geschäft praktisch zusammengebrochen. Wie erklären Sie sich das?
Pélata: Zum einen ist der Heimmarkt Rumänien fast völlig zum Erliegen gekommen. Zum anderen wurden so viele Autos mit hohen Rabatten verkauft, dass der Dacia sein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis nicht richtig ausspielen konnte. Sobald die hohen Lagerbestände abgebaut sind, wird auch die Nachfrage steigen.

"Wollen 2009 eine Milliarde sparen"
FORMAT: Gibt es nach Jahren, in denen Sie mit Nissan Synergien ausgenutzt haben, überhaupt noch Sparpotenzial?
Pélata: Und ob. Wir wollen 2009 eine Milliarde Euro sparen. Dazu werden wir die Lagerbestände weiter reduzieren, die Produktion der Nachfrage Woche für Woche anpassen und etwa Outsourcing-Verträge stornieren. Bei der Logistik sehen wir Einsparungsmöglichkeiten von 17 Prozent.
FORMAT: Werden auch Jobs gestrichen werden müssen?
Pélata: Wir müssen 9.000 Stellen streichen. Mehr ist nicht nötig, aber ich spreche nur für 2009.
FORMAT: Peilen Sie ein bestimmtes Unternehmensziel an?
Pélata: Sinkende Margen und ein höherer Geldbedarf haben unseren Cashflow 2008 auf minus 3,1 Milliarden Euro gedrückt. Durch unseren strikten Sparkurs und das Ziel, nur so viele Autos wie nötig zu produzieren, wollen wir rasch wieder einen positiven Cashflow erzielen.

"Ängste größer als tatsächliche Gefahren"
FORMAT: Die Pläne der französischen Regierung, die Autoindustrie mit staatlicher Milliardenhilfe zu unterstützen, sind in vielen Ländern Europas nicht gut angekommen. Was halten Sie von den Vorwürfen, französische Autohersteller würden so einen Wettbewerbsvorteil erhalten?
Pélata: Die Ängste sind größer als die tatsächlichen Gefahren eines Protektionismus. Es wird ohnehin jede Regierung ihre Autoindustrie stützen, das ist normal. Die USA machen es bereits, Japan und Spanien werden folgen. In Europa sind zwölf Millionen Menschen von der Autoindustrie abhängig, es wäre dumm, ihnen nicht zu helfen.
FORMAT: Wie sieht die staatliche Hilfe konkret aus?
Pélata: Der Staat gewährt uns einen Kredit zu einem Zinssatz von sechs Prozent. Am Markt müssten wir jetzt neun Prozent zahlen. Vor der Krise waren es im Schnitt 3,4 Prozent. Das ist ein Darlehen zu vernünftigen Bedingungen, sollte aber nicht überbewertet werden.

Zur Person
Bis Oktober letzten Jahres war Carlos Ghosn Alleinherrscher von Renault und Nissan. Seither hat er Teile seiner Macht abgegeben. So leitet jetzt Patrick Pélata, 53, das operative Geschäft bei Renault. Pélata, Absolvent von drei Eliteunis, arbeitet seit 1984 für den Konzern. Ghosn behauptet, ohne ihn hätte er den Turnaround bei der Tochter Nissan nicht geschafft.

Interview: Anneliese Proissl

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