Reithofer: "Wienerberger geht es gut, doch unseren Märkten geht es äußerst schlecht."

Der scheidende Wienerberger-Chef Wolfgang Reithofer über die Zukunft des Ziegelkonzerns, seine Zeit als ÖBB-Aufsichtsratschef und sein Leben als Pensionist.

FORMAT: Haben Sie schon Pläne für August? Was werden Sie mit der vielen Zeit im Ruhestand machen?
Reithofer: Das Leben genießen. Sehr einfach. Ohne Druck des Tagesgeschäftes. Und schon jetzt, in der Übergangsphase, merkt man, dass der Druck ein gewaltiger ist.
FORMAT: Wenn Sie zurückblicken, zu welchen Zeiten hat Ihnen das Arbeiten am meisten Spaß gemacht?
Reithofer: Zu allen. Expansion ist natürlich etwas Angenehmeres als Krisenzeiten. Aber es klingt pervers: Ich habe die wirtschaftlich schwierigen Zeiten sehr interessant gefunden.

"Wienerberger geht es gut"
FORMAT: Sieht man schon einen leichten Aufwärtstrend bei Wienerberger?
Reithofer: Wienerberger geht es gut, unseren Märkten geht es äußerst schlecht. Ich glaube, in der ganzen Industrie ist eine Trendwende noch nicht angesagt. Ich persönlich glaube, dass es noch schlechter wird, dass wir Ende des zweiten Halbjahres den Boden finden.
FORMAT: Was ist aus Ihrer Sicht das Problem der Wirtschaftskrise?
Reithofer: Die Einstellung vor allem. Man sollte immer die Dinge nicht nach extremen Pendelausschlägen beurteilen, sondern vernünftig. Wenn es negativ ist, stürzt man nicht ins Bodenlose. Und wenn es positiv ist, wachsen die Bäume nicht in den Himmel. Man sollte nicht von Euphorie in Depression verfallen, sondern mit Abstand und Ruhe die Dinge anschauen und analysieren. Das würde einiges entspannen, auch beispielsweise bei der Diskussion um die Managementgehälter.

Faymann-Gespräch über Ziegelprämie
FORMAT: Sie haben gesagt, Wienerberger geht es gut. Im ersten Quartal wurde aber ein Minus von 61 Mio. Euro verzeichnet.
Reithofer: Wienerberger als Unternehmen geht es gut. Es ist sehr effizient und mit den Maßnahmen der letzten zwölf Monate noch effizienter geworden. Aber ohne Markt tun auch wir uns schwer. Wie das Minus im Gesamtjahr ausfallen wird, dazu möchte ich keine Prognosen geben und meinen Nachfolger Heimo Scheuch nicht präjudizieren.
FORMAT: In einem Brief an Bundeskanzler Faymann haben Sie die Einführung einer Ziegelprämie argumentiert. Bekamen Sie darauf je eine Antwort?
Reithofer: Ja, ja, wir waren dort bei einem Gespräch. Es geht in erster Linie darum, Problembewusstsein zu schaffen.
FORMAT: Und, ist das gelungen?
Reithofer: Das Thema ist angekommen. Bei Politikern ist immer das Verständnis groß. Ich weiß natürlich, dass der finanzielle Handlungsspielraum der Regierung begrenzt ist.

ÖBB: Anzahl der Geschäftsführer erhöht
FORMAT: Reagiert die Politik angesichts der Krise richtig?
Reithofer: Außer bei den Ziegeln reagiert sie durchaus vernünftig. Ob alles richtig ist, weiß man nicht. Man bemüht sich sicherlich, die richtigen Wege zu gehen. Bei Investitionen ist der Schwerpunkt Infrastruktur. Allerdings würde der Hochbau mehr als doppelt so viele Arbeitsplätze schaffen wie der Tiefbau.
FORMAT: Treffen Sie den früheren Kanzler Wolfgang Schüssel noch?
Reithofer: Ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen. Vor einem Jahr das letzte Mal.
FORMAT: Die jetzigen ÖBB-Reformen gehen ja in eine andere Richtung als damals, als Sie den Aufsichtsrat der Bahn leiteten. Halten Sie das für richtig?
Reithofer: Man hat gesagt, man wird die Anzahl der Vorstände und Geschäftsführer reduzieren. Was man nicht sagt, ist, dass die Anzahl der Geschäftsführer in den vergangenen zwölf Monaten erhöht wurde, um das politische Gleichgewicht herzustellen. Die Zahl der Vorstände wird nach dieser Reform wieder so sein wie nach unserer Reform.
FORMAT: Warum hat man als Steuerzahler das Gefühl, dass bei den ÖBB viel Geld verbrannt wird?
Reithofer: Ein Unternehmen, das im öffentlichen Eigentum steht, hat eine andere Art der Aufmerksamkeit. Das, was dort passiert, wird erstens kritischer gesehen als bei anderen Unternehmen. Punkt zwei ist, ein Unternehmen, das im öffentlichen Eigentum steht, arbeitet nicht nur nach dem Prinzip der Betriebswirtschaft.

"Politischer Einfluss schadet immer"
FORMAT: Tut Ihnen das weh, wenn Sie wissen, dass nicht nur nach betriebswirtschaftlichen Prinzipien gearbeitet wird?
Reithofer: Mir tut es überall weh, nicht nur dort.
FORMAT: Tut es Ihnen leid, dass Sie das nicht ändern konnten?
Reithofer: Schade finde ich es, aber ich habe zur Kenntnis genommen, dass ein Unternehmen im öffentlichen Eigentum anderen Gesetzen unterliegt.
FORMAT: Wie stark ist denn der politische Einfluss bei den ÖBB?
Reithofer: Ich habe den Eindruck, er ist größer geworden.
FORMAT: Schadet oder nützt der politische Einfluss dem Unternehmen?
Reithofer: Er schadet. Politischer Einfluss schadet immer. Das ist nicht gegen die Politik, aber er verändert die Denkweise der Mitarbeiter im Unternehmen, denn dort gibt es dann etwas wie vorauseilenden Gehorsam, wenn man glaubt, man müsse es der Politik recht machen. Und dadurch treten die betriebswirtschaftlichen Aspekte in den Hintergrund. Man konzentriert sich innerhalb des Unternehmens darauf, herauszubekommen, was die Politik will. Es wäre umgekehrt besser, zu schauen, was ist wirtschaftlich richtig, und dann zu überlegen, wie verkaufe ich das der Politik.
FORMAT: Glauben Sie noch immer an eine Privatisierung von Güter- und eventuell Personenverkehr?
Reithofer: Zumindest Güterverkehr wird über kurz oder lang kommen. Es ist total unsinnig, dass der Staat den Güterverkehr hat. Er hat ja auch kein Speditionsunternehmen mit Lkws. Und wo ist der Unterschied? Beide transportieren Güter von A nach B.

Interview: Miriam Koch

Über Reithofers Bilanz zu seiner Zeit als Aufsichtsrat der Immofinanz und den Umgang mit seiner Behinderung lesen Sie in der aktuellen FORMAT-Ausgabe 30/09.

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