Reiche und Vermögende: Mehr Spenden, keine höheren Steuern

Während die SPÖ Privatstiftungen künftig stärker zur Kasse bitten will, machen vermögende Stifter gegen neue „Reichensteuern“ mobil und versprechen dafür mehr Mittel für karitative Zwecke.

Christoph Kraus macht sich keine Illusionen. Die Regierung ist auf der Suche nach Einnahmen. Schon für die Landtagswahlen in der Steiermark und in Wien ist das Thema Verteilungsgerechtigkeit Dauerbrenner der SPÖ. Kraus, Chef der Kathrein-Privatbank und Generalsekretär des Stiftungsverbandes, ahnt, was auf ihn zukommt: „Man muss davon ausgehen, dass es im Zuge des nächsten Steuerpaketes zu einer Schlechterstellung der Stiftungen kommen wird, obwohl das kaum zusätzliche Einnahmen für das Budget bringt. Aber wir sind in dieser Diskussion das Bauernopfer.“

Aber Kraus und seine millionenschweren Stifter wollen nicht tatenlos zusehen, wenn es ihnen steuerlich an den Kragen geht. Hinter den Kulissen wird daran gearbeitet, das Schlimmste zu verhindern. Vorschläge sind bereits im Finanzministerium deponiert. Die Grundidee dabei: Stiftungen, die sich verpflichten, einen gewissen Teil des erwirtschafteten Gewinnes für soziale und karitative Zwecke zu spenden, werden von neuen Reichensteuern verschont. Nur wer für die Allgemeinheit nichts tun will, muss mehr zahlen.

Ein heftiges Kräftemessen ist absehbar. Österreichische Millionäre setzen darauf, durch ein Bekenntnis zu privater Wohltätigkeit die Regierung milde zu stimmen. Aber die SPÖ will nichts davon wissen, deswegen Steuerprivilegien für Reiche, wie sie sagt, unangetastet zu lassen.

Benchmarking im Sozialbereich

Den Anfang macht eine Initiative von sechs Privatstiftungen, die kommende Woche in Alpbach vorgestellt wird. Prominente Stifter wie bauMax-Chef Martin Essl oder der Investor Gerald Schweighofer werden eine Kooperation vorstellen, um bei Sozialprojekten gemeinsam mehr Schlagkraft zu haben. Die Initiative offenbart aber auch einen neuen Trend bei Großspendern: Statt einzelne Projekte direkt zu unterstützen, wird in neue Ideen, Forschungen und Netzwerke investiert. „Venture Philanthrophy“ heißt das Schlagwort dazu.

Es geht nicht mehr nur darum, Not unmittelbar zu lindern, sondern gute Ideen zu multiplizieren und so dauerhafte und langfristige Veränderungen zu erreichen. Statt ein einzelnes Integrationsprojekt zu fördern, wird die Integrationsforschung unterstützt. Erstmals ist von Benchmarking auch im karitativen Bereich die Rede. Folgerichtig ging der Essl Social Price, immerhin mit einer Million Euro dotiert, dieses Jahr an den Gründer des Ashoka-Netzwerkes, den Amerikaner Bill Drayton. Ziel dieser Plattform ist es, erfolgreiche Sozialprojekte auf andere Länder zu übertragen – zu internationalisieren, wie es in der Sprache des Venture Capitals heißt.

Dass der österreichische Staat es derzeit Stiftern erschwert, wohltätig zu sein, stößt manchen sauer auf. „Skurrilerweise werden gerade gemeinnützige Stiftungen teilweise schlechter besteuert als eigennützige, etwa bei den Erträgen aus einer Kapitalveranlagung“, sagt Josef Schuch, Professor an der Wiener Wirtschaftsuniversität und Experte bei Deloitte. Dazu kommt: „Gemeinnützigkeit“ ist im Gesetz eng gefasst. Errichtet ein Stifter eine Küche für Obdachlose, kann er die Kosten steuerlich absetzen. Gibt er hingegen direkt Spenden an Obdachlose, so agiert er laut Gesetz nicht „gemeinnützig“ – daher fallen Steuern an. „Wir zahlen für unsere Zuwendungen 25 Prozent Kapitalertragssteuer – das heißt, nur 75 Prozent der Spende landen beim bedürftigen Empfänger, weil dieser als normaler Begünstigter einer Stiftung angesehen wird“, sagt Schweighofer. „So wird das Spenden etlichen verleidet, oder sie spenden an ausländische Projekte, weil das steueref zienter ist“, meint Schuch.

„Will man das zarte Pflänzchen der Spendenfreudigkeit stützen, sollte die Unmittelbarkeit im Steuerrecht weniger streng ausgelegt werden“, fordert auch Michael Meyer, Leiter der Abteilung für Nonprofit-Management an der WU.

Die SPÖ will die Diskussion in eine andere Richtung führen – und die steuerlichen „Privilegien“ der Privatstiftungen abschaffen. „Stifter wollen vor allem eines: Vorhersehbarkeit und Stabilität. Es sollte endlich einmal Ruhe einkehren“, kritisiert Schuch.

Wohltätigkeits-Wettlauf

Die Bereitschaft der Stifter, sich sozial zu engagieren, ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Das kann auch der Wiener Journalist Helmut Spudich bestätigen. „In den USA hat die Milliardenspende von Ted Turner an die UNO schon in den 90er-Jahren eine neue Welle an Philanthropie eingeleitet“, sagt Spudich, dessen neues Buch „Reich & gut: Wie Bill Gates & Co. die Welt retten“ am 9. September erscheint. „Bill Gates und Warren Buffett haben daraus einen Wohltätigkeits-Wettlauf der Superreichen gemacht.“ Er sieht vor allem einen Grund für das Umdenken: „Unternehmer sind lösungsorientiert und wollen etwas weiterbringen. Und wenn man im Business längst alles erreicht hat, was wäre dann besser geeignet, sich für die Ewigkeit zu profilieren, als weltweite Probleme zu knacken?“

Die Liste der „guten“ Reichen ist auch in Österreich lang: Strabag-Chef Hans Peter Haselsteiner unterstützt das Wiener Obdachlosenprojekt VinziRast, das Flüchtlingsprojekt von Ute Bock und Sozialzentren in Moldawien. Schweighofer lobt seit 2003 einen europäischen Holz-Innovationspreis aus, errichtete in Rumänien Pflegedienste für ältere Menschen, saniert Krankenhäuser und baut bedürftigen Rumänen Häuser. Der Industrielle Hannes Androsch unterstützt Forschung und Wissenschaft, mit 100.000 Euro ist ein Preis dotiert, der für ein Modell für einen Wohlfahrtsstaat der Zukunft vergeben wird. Red-Bull-Eigentümer Didi Mateschitz fördert die Paracelsus Privatuniversität, der Pharma- Unternehmer Peter Bertalanffy schenkte dem Forschungsinstitut IST in Gugging zehn Millionen Euro.

Die Diskussion rund um Spenden und Steuern für Reichen ist auch in Deutschland rege im Gange. In Fernsehsendungen und Feuilletons wird debattiert, wie es um die gesellschaftliche Verantwortung der Vermögenden bestellt ist: Die einen finden Wohltätigkeit höchst problematisch, weil nicht ein demokratisch legitimierter Staat, sondern ein Einzelner entscheidet, wohin riesige Beträge fließen, anstatt mehr Steuern zu zahlen. Die anderen argumentieren, dass der Staat wenig innovativ helfen könne – und zu viel Geld für die Verwaltung verbrauche. „Zehn Prozent der Ertragssteigerung pro Jahr, die für kulturelle oder soziale Zwecke ausgegeben werden, sollten steuerlich bevorzugt werden“, schlägt etwa Essl im „trend“ vor. Nachsatz: „Dem Staat würde ich diese zehn Prozent für soziale Zwecke aber nicht überantworten – er geht ja nicht effizient damit um.“

Kritische Stimmen

Doch nicht alle haben mit den Charity-Initiativen ihre Freude. „Ich halte davon gar nichts“, sagt der Industrielle Alain de Krassny, dessen Stiftung die Donau Chemie besitzt. „Ich spende freiwillig, will aber nicht dazu gezwungen werden. Wenn Extrasteuern kommen, überlege ich, aus der Stiftung wieder herauszukommen.“

Ansätze in Richtung Spenden statt Steuern gab es schon früher. So hatte Böhler-Chef Claus Raidl als Wirtschaftsberater der ÖVP vorgeschlagen, dass Stiftungen jährlich fünf Prozent ihrer erwirtschafteten Erträge für karitative oder wissenschaftliche Aktivitäten spenden. Raidls Rechnung: Bei einem geschätzten Vermögen aller österreichischen Stiftungen von 60 Milliarden Euro bringen fünf Prozent Rendite drei Milliarden Euro pro Jahr. Davon fünf Prozent wären rund 150 Millionen Euro jährlich für gute Zwecke.

Der Vorstoß, karitatives Handeln durch Steuerschonung zu belohnen, kommt bei den Hilfsorganisationen naturgemäß gut an. „Schon die steuerliche Absetzbarkeit von privaten Spenden seit dem vergangenen Jahr hat zu einem leichten, aber doch spürbaren Anstieg der Spenden geführt“, sagt Beate Golaschewski von „Ärzte ohne Grenzen“. Trotz Wirtschaftskrise stiegen die Spendeneinnahmen der Organisation 2009 von 11,3 auf 13,1 Millionen Euro.

Das Gefühl der Österreicher, Spendenweltmeister zu sein, trifft jedenfalls nicht zu: Der durchschnittliche Amerikaner spendet rund 660 Euro im Jahr, der Österreicher ein Zehntel davon.

– Arne Johannsen, Miriam Koch

Industrie 4.0 und das flexiblere Arbeiten: Die Vorzüge der Automatisierung kommen mit verbesserter Kommunikation zwischen Maschinen noch besser zum Einsatz.
 

Business

Wegbereiter einer neuen Industrie

Boom oder Crash? Unternehmen brechen durch die Kämpfe in der Ukraine und im Nahen Osten Exportmärkte weg. In Österreich macht sich die Sorge vor einer neuen Krise breit.
 

Business

Comeback der Krise?

Innovationskraft: Forschung und Entwicklung sind die Grundlage des Erfolgs der heimischen Industriebetriebe.
 

Business

Innovation - der wichtigste Rohstoff