RBI und ein riskanter Milliardendeal

RBI und ein riskanter Milliardendeal

Am Wiener Stadtpark sind Kanzler und Finanzminister gefürchtete Leute. Monatelang formulierten die Strategen in der Konzernzentrale der Raiffeisen Bank International AG (RBI) am neuen Börsenprospekt für die bis 7. Februar laufende Kapitalerhöhung. Wegen Werner Faymann und Michael Spindelegger musste in letzter Minute noch ein heikler Passus hinein, der die Hypo Group Alpe-Adria (HGAA) betrifft - und für jeden RBI-Investor relevant ist...

Die Regierungsspitze will Österreichs Banken verpflichten, sich an der geplanten "Hypo Bad Bank“ zu beteiligen.

Die RBI schlägt vorsorglich Alarm: Eine gesetzlich verordnete "Teilnahme an der Bad Bank“ oder die "diskutierte Insolvenz“ der Kärtner Bank hätte massive "negative Auswirkungen“ auf die RBI-Aktie, wie es im Prospekt heißt. Für Raiffeisen-Aktionäre wäre ein Hypo-Engagement reine Wertvernichtung. Was nicht im Prospekt steht: Klaus Liebscher, Ex-Nationalbank-Gouverneur, früherer Generaldirektor der Raiffeisen Zentralbank (RZB) und Leiter der Hypo-"Task Force“, plant ein Ausweichmanöver: Eine staatliche "Anstalt“ soll alle HGAA-Lasten übernehmen. Die RBI bliebe dann verschont. Doch bis eine solche Anstalt errichtet ist, herrscht Unsicherheit - vor allem in der RBI und ihrer Mutter RZB.

Fünf Ostmärkte

Nicht nur fragwürdige Hypo-Pläne der Bundesregierung müssen Raiffeisen-Aktionäre fürchten. Im 354 Seiten starken RBI-Prospekt vom 21. Jänner 2014 werden noch ganz andere Gefahren beschrieben, darunter die enormen Kreditrisiken, die RBI-General Karl Sevelda von seinem Vorgänger Herbert Stepic übernommen hat. Ostbankenpionier Stepic musste bekanntlich im Vorjahr zurücktreten. Verdeckte HGAA-Immobiliendeals in Serbien und private Geschäfte mit Luxuswohnungen in Singapur wurden ihm zum Verhängnis. Zudem enthält der Börseprospekt Details über die neue Bankstrategie, das geplante Costcutting und den neuen Fokus auf "nur“ fünf Ostmärkte plus Österreich. Im Moment beschäftigt die RBI rund 60.000 Mitarbeiter in 16 Ländern.

Stolze 2,78 Milliarden Euro holt sich die RBI über den Kapitalmarkt. Es ist die drittgrößte Emission in der Geschichte der Wiener Börse. Der Schritt war nötig, um den Eigenmittelpolster zu stärken. Zwar erfüllt die RBI alle gesetzlichen Erfordernisse schon jetzt. Doch die Kapitaldecke ist zu dünn, um auch alle künftigen Anforderungen zu erfüllen.

Die strengen Bestimmungen nach "Basel III“ treten bald in Kraft und fordern mehr Eigenmittel. Parallel dazu verliert das staatliche Partizipationskapital von 1,75 Milliarde Euro jeden Eigenkapitalcharakter. Für 750 Millionen Euro Partizipationskapital, das die Raiffeisenlandesbanken besitzen, gilt dasselbe. Erschwerend kommt hinzu, dass die Europäische Zentralbank ihre neue Ära als oberster Supervisor der systemrelevanten Banken Europas mit einem so genannten "Asset Quality Review“ startet. Dabei handelt es sich um einen Test, der die Qualität des Kreditportfolios überprüft. Die RBI-Strategen rund um Sevelda schließen einen zusätzlichen Kapitalbedarf nicht aus.

"Das Credit Exposure der zehn größten Firmenkunden betrug 57,8 Prozent des RBI Kernkapitals“, heißt es im Prospekt. Die Namen der zehn Kreditkunden, die der Bank in Summe 5,1 Milliarden Euro schulden, darf die RBI wegen des Bankgeheimnisses nicht nennen. Laut FORMAT-Recherchen dürfte es sich etwa um den Anlagenbauer Andritz, die Casinos-Gruppe, die ÖBB, die Porsche Holding, den Lebensmittelriesen Spar und den Baukonzern Strabag handeln. Troubles bei einem Topkunden könne die RBI-Gruppe in Mitleidenschaft ziehen und andere Risikofaktoren verschärfen, heißt es laut Börseprospekt.

Risiken gibt es viele. Hoffnungsmärkte mutierten in den vergangenen Jahren zu Krisenherden. In Ungarn schikaniert der Regierungschef Victor Orban die Auslandsbanken mit Zwangsmaßnahmen bei Fremdwährungskrediten oder mit hohen Sondersteuern. In der Ukraine kämpft die RBI mit einer stockenden Wirtschaft, politischer Instabilität und damit verbundenen Währungsrisiken. Im Gesamtkonzern liegt die so genannte NPL-Quote bei erschreckenden 10,3 Prozent. In der Raiffeisen Bank Aval in Kiew ist sie dreimal so hoch. Jeder dritte Kredit gilt dort als "Non-Performing Loan“ (NPL), also notleidend.

Sollte Seveldas Plan gelingen, sich aus Ungarn, der Ukraine, Slowenien oder Weißrussland zurückzuziehen, muss sich die Bank auf weitere Verluste gefasst machen. Einserseits, weil die Banktöchter wohl unter dem Buchwert verkauft werden müssen. Andererseits, weil Währungsverluste wahrscheinlich sind. Im Fall Ukraine, wo die RBI 13.324 Mitarbeiter beschäftigt, wird das deutlich: Laut Prospekt lagen die Bewertungsverluste bereits im Vorjahr bei 463 Millionen Euro. Der Wechselkurs der ukrainischen Hrywna ist seither weiter gefallen und erreichte im Jänner den tiefsten Stand seit vier Jahren.

Der teilweise Rückzug aus dem Osten ist nicht nur eine Umkehr der Stepic-Strategie, sondern auch ein Zugeständnis an einflussreiche Länder-Vertreter, die das starke Ostengagement schon immer kritisierten. Denn vor allem die großen Landesbanken von Oberösterreich und NÖ-Wien stehen selbst unter Druck.

Ähnlich wie bei der RBI, wo bis 2016 rund 450 Millionen Euro eingespart werden müssen, laufen auch in den RLB-Zentralen in Linz und Wien Effizienzprogramme. Über Bereichs- und Abteilungsfusionen, Beteiligungsverkäufe und Jobabbau soll Kapital freigemacht werden. Angesichts der angespannten Finanzlage sind die Landesbanken nicht mehr im Stande, Abenteuer im Osten zu sponsern. Darum sind sie bei der Kapitalerhöhung nicht voll dabei. De facto wandeln sie ihr Part-Kap in Aktien um. In der Folge sinkt der RBI-Anteil der Landesbanken von 78,5 auf 60,8 Prozent.

Trotz der hohen Risken ist die RBI ein gutes Investment, meint Finanzexperte Wolfgang Matejka. Ihm gefällt der Bezugskurs von 28,50 Euro. "Das ist unter dem Buchwert“, sagt Matejka: "Die Erste Group wird mit 1,3-fachem Buchwert gehandelt.“ Nach der Kapitalerhöhung liegt der für die RBI bei 38,90 Euro. Dass die Weltbank indirekt 150 Millionen Euro bereitstellt, sei ebenfalls ein gutes Signal. RBI-Boss Sevelda: "Die Beteiligung der International Finance Corporation IFC ist ein Vertrauensbeweis.“

Das Interesse der Anleger an Raiffeisen wächst jedenfalls. Die RBI sei zwar riskant, aber keine Pleitebank, sagt Matejka, der noch einen Investitionsanreiz sieht: "Die Bank bietet zumindest Ertragschancen. In der Branche ist das leider nicht mehr selbstverständlich.“

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