Rasanter Röster: Handelskaiser Leo Wedl träumt von 1000 Testa-Rossa-Standorten

Der Tiroler Leo Wedl ist der Karl Wlaschek des Westens: Das Handelsimperium setzt 420 Millionen Euro um, seine Kaffeehäuser lieben auch die Scheichs.

Die Erinnerung hat sich tief in Leo Wedls Gedächtnis eingebrannt: Wie es war, als Kampfbomber seine Heimatstadt Hall umkreisten; wie ihm feuchte Bunker als zweites Zuhause dienten; wie er wenige Schritte vom schützenden Luftschutzkeller entfernt von einem Kriegsgefangenen überrannt wurde, am Boden liegen blieb und die Schüsse der Maschinengewehre immer lauter wurden. „Ich hatte Todesangst und glaubte jeden Tag, sterben zu müssen.“

Leben nach strengen Regeln
Seither sind fast 65 Jahre vergangen. Allein, das Erlebte, so sagt Leopold Wedl, scheint keine Woche zurück. „Ich kann diese Zeit nicht vergessen. Da hilft nur viel Arbeit.“ Und so gab es für den dreifachen Familienvater schon im Teenageralter nichts anderes als morgens um fünf Uhr aufzustehen und abends um neun Uhr zu Bett zu gehen. Das Leben nach strengen Regeln machte sich bezahlt: Wedl, der am Mittwoch seinen 70. Geburtstag feierte, ist heute an 31 Firmen beteiligt. Mit der ­Kaffeehauskette Testa Rossa ist ihm mit saudischen Scheichs an der Seite nun gar der Start im Nahen Osten gelungen.

Tüchtig, kämpferisch, bauernschlau
Wedl genießt den Ruf, tüchtig wie Milliardär Karl Wlaschek und schlau wie A-Tec-Boss Mirko Kovats zu sein. Über ihn hört man – fast – nur Gutes. „Ich schätze ihn als sehr fairen Mitbewerber, der am Markt durch Qualität, Service und Innovationsbereitschaft punktet“, sagt Rewe-Austria-Boss Frank Hensel, der die Gelegenheit sogleich ergreift, um Wedl „ganz herzlich“ zum runden Jahrestag zu gratulieren. „Ein Vollblut-Unternehmer mit gutem Markt­gespür“, streut auch Spar-Chef Gerhard Drexel dem Tiroler Kraftpaket Rosen. „Energisch, klug, fleißig“, schließt sich WU-Handelsprofessor Peter Schnedlitz den Lobeshymnen an.

Hobbysegler mit Gespür
Hört man sich in Tiroler Händlerkreisen um, lässt die Euphorie hingegen ein wenig nach: „Ein guter Mann, keine Frage, doch wenn der etwas will, greift er eisern durch.“ So sei der Kommerzialrat, ein Titel, der Wedl ob seiner vielen Verdienste verliehen wurde, vor allem eines – bauernschlau: Dem deutschen Diskonter Aldi hat er in Österreich den eigenen Namen vor der Nase weggeschnappt. Die Kette heißt hier nun Hofer, den Namen Aldi hat sich Wedl von den Deutschen später teuer abkaufen lassen.

Besitzer des roten Kopfs
Ein Gespür fürs Geschäft hat der Hobbysegler ebenfalls bei der ­Expansion von Testa Rossa („roter Kopf“) bewiesen: Ihm gehört unter anderem auch in Italien jener klingende Name, nach dem ein legendäres Ferrari-Modell benannt worden ist. Da wundert es freilich wenig, dass in Österreich gleich zwei Straßen nach Leopold Wedl heißen. „Na ja, das ist aber nicht mein eigenes Verdienst. Die Benennung erfolgte anlässlich des hundertjährigen ­Jubiläums der Firma“, meint Wedl.

Von der Pike auf
Der Lebensmittelhandel liegt der Tiroler Familie im Blut. Schon Großvater Leopold handelte ab dem Jahr 1904 mit Nahrungsmitteln des täglichen Bedarfs und danach dessen Sohn, den er ebenfalls Leopold nannte. „Ich bin also Leopold der Dritte, wenn Sie so wollen. Mein Sohn ist der Vierte, mein Enkel nun schon der Fünfte“, freut sich Wedl über den Stammbaum. Leo III. wollte aber mehr als seine Vorgänger. „Mir wurde Tirol zu klein, es gibt ja mehr als nur ein paar Täler.“ Also zimmerte er unermüdlich am Ausbau der ehemaligen Fachring-Kette, ein früher Vorläufer von Nah&Frisch.

Adeg-Übernahme: "Katastrophe"
Heute betreibt Wedl, größtenteils im Westen Österreichs, 98 der landesweit 670 Nah&Frisch-Geschäfte, größter Nah&Frisch-Lieferant ist Pfeiffer. Der wachsende Konkurrenzdruck am hart umkämpften heimischen Lebensmittelmarkt ließ Wedls in der Hochblüte 250 Geschäfte zählendes Filialnetz stark einbrechen. Die Übernahme von Adeg durch den deutschen Rewe-Konzern sieht er aber als weitaus „größere Katastrophe“, die den Wettbewerb brutaler denn je mache. „Ich habe nichts gegen die Rewe-Leute. Die sind sehr gute, faire Geschäftemacher. Aber dass die Übernahme durchgeht, ist für mich nicht nachvollziehbar.“

Finanzielle Freiheit
Doch Sorgen ums wirtschaftliche Überleben muss sich der begnadete Skifahrer keine machen. Allein die Wedl & Hofmann GmbH, die ihm zu 59 Prozent gehört, setzte zuletzt 420 Millionen Euro um; neben Nah&Frisch zählen etwa zwölf Cash-&-Carry-Märkte dazu, von denen sich neun in Österreich befinden. Wedl ­liefert an gut 16.000 Gastronomiebetriebe, davon sind knapp 7.000 in Italien. Damit nicht genug. Der Liebhaber klassischer Musik – Wedl schwärmt vor allem für die Opern Verdis – handelt über die Bonnevit Feinbäckerei auch mit Süßem und Salzigem und beliefert damit unter ­anderem Österreichs Nobelhotellerie. „Wir haben bereits Preise erhalten. Unser Walter Glocker wurde vom ‚Gourmet‘ zum Pâtissier des Jahrhunderts gekürt“, sagt Wedl.

Saudis für Testa Rossa
Zwischen sieben und zehn Tassen Kaffee trinkt Wedl täglich. „Seither geht es mir gesundheitlich viel besser“, sagt er. Über gleich drei Firmen beliefert der Unternehmer weltweit mehr als 18.000 Gastronomiebetriebe und Hotels mit seinen Kaffeesorten. Wedl lässt neben Österreich auch in Italien rösten. Sein größter Stolz ist die heute auch im Nahen Osten vertretene Kaffeehaus­kette Testa Rossa. Hundert auf modern gestylte Geschäfte gibt es bereits, vierzig davon in Österreich. Mithilfe eines Joint Ventures mit der saudischen Samama-Gruppe – sie betreibt etwa Hotels und steht dem saudischen Königshaus nahe – wird nun auch in Dubai und Kairo expandiert.

Tausend Standorte
Zurzeit gibt es fünf Geschäfte in der Region. „Ich träume von tausend Standorten“, sagt Wedl. Dessen einzige Schwachstelle scheinen mangelnde Lateinkenntnisse zu sein. Im Elitegymnasium hielt er nicht lange durch und wechselte in die Hauptschule. Ob ihm das leid tue? „Nicht mehr. Ich hatte lange den Komplex, nicht studiert zu haben. ­Dabei habe ich mehr erreicht als viele Akademiker.“

Von Silvia Jelincic

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