Rare Rohstoffe: 97% der Metalle der seltenen Erden kommen aus China

Chinas Exportrestriktionen bei den Seltenen Erden haben Industrielle und Polit-Eliten alarmiert. Die Ursachen und die Folgen des Rohstoff-Kräftemessens.

Kinder- und Rohstoffreichtum gehen bei Gunther Maassen Hand in Hand. „Den Chinesen geht die Familie über alles“, sagt der Geschäftsführer des Bonner Familienbetriebs Haines & Maassen: „Wer wie ich fünffacher Vater ist, kommt schnell ins Geschäft.“ Ob nun wirklich der Nachwuchs dafür verantwortlich ist oder eher seine langjährige Kontaktpflege im Reich der Mitte – der grau melierte Rheinländer ist in Top-Etagen europäischer Industrieunternehmen derzeit gefragter denn je.

Maassen ist Metallhändler und damit erste Bezugsquelle für die begehrten Seltenen Erden – jene 17 chemischen Elemente aus dem Periodensystem, von denen die meisten zu den Lanthanoiden gehören und die aus Hochtechnologieprodukten wie Mobiltelefonen, Plasmafernsehern, Hybridautos oder Windturbinen nicht mehr wegzudenken sind. Und vor allem jene, bei denen eine akute Versorgungskrise droht.

„Für unsere alteingesessenen Kunden bekommen wir derzeit noch alles“, erzählt Maassen von den Verhandlungen mit chinesischen Lieferanten, „wer jedoch neue Verträge abschließen will, geht heuer sicher leer aus. Oder muss wesentlich mehr zahlen.“ So wie neulich, als der Metallhändler eine Tonne Ceroxid orderte. Statt der vereinbarten 10 Dollar pro Kilo wollte der Lieferant plötzlich die dreifache Summe haben. „Wir haben uns dann in der Mitte geeinigt“, sagt der Händler, der es liebt, mit Chinesen Geschäfte zu machen.

Machtspiele in Fernost

Eine Liebe, die derzeit wenige Nachahmer findet. Schließlich zeigt China bei den Seltenerdmetallen gerade seine monopolistischen Muskeln wie selten zuvor. Geschätzte 97 Prozent dieser für alle Arten von Hightech-Produkten elementaren Rohstoffe kommen derzeit aus dem Reich der Mitte. Aber nicht mehr lange, und genau das ist das Problem. Um seine Bestände zu schonen, drosselt China seine Exporte drastisch: Seit 2005 verlässt Jahr für Jahr ein geringerer Anteil der Jahresproduktion (der- zeit 120.000 Tonnen) das Land, Anfang August schockte die Regierung mit der Aussage, in der zweiten Hälfte 2010 nur noch knapp 8.000 Tonnen zu exportieren – 72 Prozent weniger als vor einem Jahr. Bis 2014 soll der Export vollständig unterbunden werden.

„Die Situation ist dramatisch“, sagt Joachim Rotering, Rohstoffexperte der Unternehmensberatung Booz & Company. Dramatisch vor allem, weil die Hochtechnologiemetalle in vielen Branchen unverzichtbar sind. So wie Neodym, das wesentlich härter als Eisen und 25-mal magnetischer ist und ohne das weder Kopfhörer noch Festplatten auskommen. Auch die Motoren von Windkraftanlagen laufen nicht ohne Dauermagnete aus dem Zaubermetall. In Hybridautos werden mit Neodym, Praesodym, Dysprosium und Terbium gleich mehrere Seltenerdmetalle eingesetzt, in Katalysatoren sind wiederum Cer, Zyrkonium und Lanthan unverzichtbar.

Hinzu kommt, dass die Nachfrage nach diesen Elementen stark ansteigt. Mussten in den 50er-Jahren gerade einmal 1.000 Tonnen jährlich produziert werden, lag die globale Nachfrage im Jahr 2008 bereits bei 132.000 Tonnen. Krisenbedingt ging der Bedarf im vergangenen Jahr etwas zurück, bereits 2012 soll die Nachfrage jedoch bei 185.000 Tonnen liegen. Einzelne Metalle entwickeln sich besonders rasant: Der Neodym-Bedarf verdoppelte sich seit 2006, bis zum Jahr 2030 soll er sich noch einmal vervierfachen.

Die Kombination aus Nachfrageentwicklung und chinesischen Exportrestriktionen spiegelt sich auch in den Preisen wider. Wechselte Lanthan vor einem Jahr zum Kilopreis von sechs Dollar den Besitzer, liegt es heute beim siebenfachen Preis. Praesodym kostet heute ebenso wie Neodym fünfmal so viel, Cer gar neunmal so viel wie vor einem Jahr.

Industrieländer alarmiert

Angesichts dessen verwundert das alarmistische Verhalten von Industrieverbänden und Toppolitikern wenig. „Es gibt die Gefahr, dass wir eine Seltene-Erden-Opec bekommen“, warnte der deutsche Wirtschaftsminister Rainer Brüderle mit Blick auf das chinesische Monopol und rief die deutschen Industriekonzerne zum Zwecke der Rohstoffbeschaffung ebenfalls zur Kartellbildung auf. Die US-Außenministerin Hillary Clinton mahnte Peking bereits in der Vorwoche, den Handel mit Seltenen Erden uneingeschränkt fortzusetzen. Und der deutsche Industrieverband BDI schlug in den vergangenen Wochen gleich mehrfach Alarm. „In manchen Unternehmen gibt es bereits echte Probleme mit der Verfügbarkeit“, klagt BDI-Geschäftsführer Werner Schnappauf.

Auch in Österreich steht das Thema auf der politischen Agenda. „Wir beobachten die Entwicklung genau“, sagt Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner. Und verspricht, sich beim zuständigen EU-Kommissar Tajani für dieses Thema einzusetzen: „China verstößt ja mit den Ausfuhrrestriktionen gegen die WTO-Regeln, daher sollte die EU hier tätig werden.“

Einer Meinung mit Mitterlehner ist Dieter Drexel, Industriepolitik-Vize der IV. „Es sind schon Unternehmen an uns herangetreten“, sagt Drexel und fordert eine „deutlichere Außenpolitik“ Europas. Möglicherweise betroffene Firmen wollen sich gegenüber FORMAT nicht äußern und haben auch bei der IV striktes Stillschweigen eingefordert. Andere wieder reden offen, fühlen sich derzeit aber kaum tangiert. Wie Franz Zerobin, der beim Leuchtenhersteller Zumtobel die LED-Tochter Ledon leitet. „Wir kaufen Leuchtstoffe, die Seltene Erden enthalten“, sagt Zerobin, „haben von unserem japanischen Lieferanten allerdings noch keine Hinweise auf anstehende Engpässe oder Preiserhöhungen erhalten.“ Auch Siemens ist kein direkter Abnehmer der Hightech-Metalle. Der Technikkonzern kauft zwar Seltenerd-Magnete und Seltenerd-basierte Leuchtstoffe bei chinesischen Lieferanten ein, deren Ausfuhren sind jedoch nicht von den Exportrestriktionen betroffen.

Strategische Wertschöpfung

Ein Umstand, der die eigentliche Ursache für die harte Hand Pekings widerspiegeln dürfte. Zwar argumentiert die chinesische Führung mit schwindenden Ressourcen – zwischen 1996 und 2003 soll der Bestand an Seltenen Erden um 37 Prozent abgenommen haben – und einem dringend notwendigen Umbau des Bergbausektors, da es mehr als tausend illegale Minen im Reich der Mitte geben soll. Für wichtiger halten Beobachter aber die Verlagerung der Wertschöpfung ins eigene Land. „Natürlich wollen die weg von der Rolle als billiger Rohstofflieferant“, sagt Booz-Mann Rotering, der die chinesische Strategie mit Staaten wie Saudi-Arabien und Brasilien vergleicht, welche die Kunststoff- respektive Stahlverarbeitung innerhalb ihrer Landesgrenzen aufbauen.

So einschneidend der Rohstoffengpass für einige Industrieschwergewichte derzeit ist, lange anhalten sollte er nicht. „Seltene Erden sind nämlich gar nicht selten“, weiß Leopold Weber, Bergbauexperte und Leiter der Abteilung Rohstoffpolitik im Wirtschaftsministerium. Weber schätzt, dass die weltweiten Reserven noch für 1.200 Jahre reichen – eine geologische Massenware. Viele Vorkommen blieben jedoch in den vergangenen Jahren unangetastet, weil China dank laxer Arbeits- und Umweltauflagen konkurrenzlos billig abbauen konnte. In Anbetracht des gestiegenen Bedarfs und der nun höheren Preise lohnen sich nun auch wieder andere Minenprojekte. Und von denen gibt es gar nicht wenige: Reaktiviert werden soll das Bergwerk Mountain Pass in Kalifornien, das lange Zeit für den Löwenanteil der Weltproduktion verantwortlich war und ab 2012 wieder annähernd 20.000 Tonnen jährlich fördern könnte – immerhin ein Neuntel des prognostizierten globalen Bedarfs. Auch in den australischen Minen Mount Weld und Nolans soll in zwei bis drei Jahren die Produktion anlaufen.

Zudem laufen derzeit weltweit Explorationsprojekte, ob auf der russischen Halbinsel Kola, in Kanada und Grönland, Indien und – aus österreichischer Sicht interessant – dem ostdeutschen Bundesland Sachsen. Dort werden über 40.000 Tonnen Seltener Erden vermutet, frühestens 2013 könnte im größeren Stil gefördert werden. Noch näher läge ein Vorkommen am süddeutschen Kaiserstuhl. Aber, witzelt Weber: „Dort ist der Wein die wesentlich ertragreichere Ressource.“

– Arndt Müller

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