Raiffeisen-International-Chef Herbert Stepic im FORMAT-Interview

Raiffeisen-International-Chef Herbert Stepic über sein unerschütterliches Vertrauen in Zentral- und Osteuropa, die Gefahren einer Kreditklemme und Konsolidierungsprozesse am Bankenmarkt.

FORMAT: Herr Stepic, haben Sie nach Jahren der Osteuphorie nun endgültig den CEE-Blues?

Stepic: Nein, gar nicht. Warum?

FORMAT: Weil Raiffeisen Bank International den teilweisen Rückzug aus dem Ostgeschäft planen soll.

Stepic: Das ist ein Unsinn. Diese Headline entstand, weil sie aus dem Zusammenhang gerissen wurde. Wir haben ein Paket von 20 Maßnahmen beschlossen, um das von der European Banking Association (EBA) festgelegte Ziel einer Eigenkapitalquote für die RZB-Gruppe von neun Prozent zu erreichen. Dazu brauchen wir 2,1 Milliarden Euro an Eigenkapitaläquivalent, dazu zählt auch der Abbau von RWA.

FORMAT: RWA steht für Risk-Weighted Assets, risikogewichtete Aktiva, und umfasst etwa Kredite und Beteiligungen.

Stepic: Wir wollen alle anderen Maßnahmen ausschöpfen, bevor wir RWAs abbauen, weil das ins operative Geschäft geht. Aber nach einer ersten Grobübersicht sind wir der Meinung, dass wir sechs Milliarden Euro abbauen müssen – etwa über Verkäufe von Anleihen oder Krediten.

FORMAT: Das klingt schon nach einer ordentlichen Menge Geld.

Stepic: Wir haben im Kreditrisikobereich ein RWA-Gesamtvolumen von 80 Milliarden Euro. Das wären nicht einmal acht Prozent. Das ist machbar, wobei wir in erster Linie abseits des Kerngeschäfts abbauen wollen.

FORMAT: Im Klartext bedeutet das letztlich den Verkauf von Tochterbanken und Kreditportfolios, oder?

Stepic: Theoretisch, aber wir haben festgelegt, dass wir das in erster Linie über abreifende Kredite und Wertpapiere oder den Verkauf einzelner Forderungen machen werden. Theoretisch wäre der Verkauf von Auslandseinheiten drinnen, um die Bilanz zu verkürzen. Doch es ist maßlos übertrieben, daraus einen Raiffeisen-Rückzug aus dem Osten herbeizuschreiben.

FORMAT: In der Vergangenheit haben Sie den Verkauf von Osttöchtern nicht einmal theoretisch artikuliert. Wenn Sie das jetzt nicht ausschließen wollen, dann scheint das eine reale Option zu sein.

Stepic: Ich kann Ihnen versichern, dass es in diesem Haus keine Diskussion darüber gibt, Netzwerkbanken zu verkaufen. Auch im Aufsichtsrat war das nie ein Thema. Wobei – und da gebe ich Ihnen prinzipiell Recht – pro futuro können wir gar nichts mehr ausschließen.

FORMAT: Warum sind Bankgeschäfte im Osten noch immer reizvoll?

Stepic: Zentral- und Osteuropa bleibt der Wachstumsmotor für Europa. Die CEE-Länder sind deutlich besser aufgestellt, als dies vor Lehman (Anm.: im Jahr 2008 kollabierte die gleichnamige US-Investmentbank) der Fall war. Sie haben ein reduziertes Leistungsbilanzdefizit, weshalb sie Kapitalimporte weniger belasten. Die Länder sind auch finanzierungsunabhängiger geworden und haben ihre Finanzierungsstruktur von kurz- auf mittelfristig verlängert. Und, am wichtigsten: Die CEE-Länder haben die Hälfte der durchschnittlichen Verschuldung westeuropäischer Länder – mit Ausnahme von Ungarn.

FORMAT: In Ungarn und Rumänien ist die Lage besonders fragil. Aber gerade dort sind österreichische Banken stark engagiert. Hat der Osten noch Potenzial, oder ist er nur noch Risiko?

Stepic: Die Chancen überwiegen. Das wird durch den Vergleich des Verhältnisses Bankassets zum Bruttoinlandsprodukt deutlich. Im Euroraum liegt die Zahl in etwa bei 365 Prozent. In der Region CE haben wir 100 Prozent, in Südosteuropa 90 Prozent und in der GUS-Region etwa 75 Prozent. Im Bankgewerbe werden wir alleine aufgrund des noch nicht abgeschlossenen Transformationsprozesses ein nachhaltiges Wachstum haben.

FORMAT: Die fetten Ostgewinne kaschierten bislang Probleme am Heimmarkt. Wie schaut die aktuelle Situation in Österreich aus?

Stepic: Für unser Haus darf ich sagen, dass wir aufgrund des dreistufigen Aufbaus (Anm.: Primärbanken, Landesbanken, Zentralbank) gut aufgestellt sind. Den örtlichen Bedarf können wir sehr leicht und vollständig abdecken. Das wird auch in Zukunft kein Problem sein. Schwieriger wird es für Unternehmen, da wird nicht zuletzt wegen strengerer Kapitalrichtlinien wie Basel III genauer hingeschaut und kalkuliert werden müssen. Kredite werden nicht billiger werden.

FORMAT: Droht den großen Unternehmen eine Kreditklemme?

Stepic: Ich sehe in Österreich nicht die Gefahr einer Kreditklemme. Das Spezifikum des Overbankings, das es hier nach wie vor gibt, wird gröbere Negativauswirkungen verhindern.

FORMAT: Der Kunde profitiert vom Wettbewerb unter den Banken?

Stepic: Ja. Das war schon bisher so.

FORMAT: Gilt das wirklich noch? Wir erleben gerade gewaltige Konsolidierungsprozesse in Österreich.

Stepic: Die Konsolidierung schreitet voran. Das ist richtig. Mit Kommunalkredit und Hypo Alpe Adria haben wir zwei Banken unter Staatsaufsicht. Wir haben eine Dekonsolidierung im Rahmen der ÖVAG (Anm.: Spitzeninstitut der Volksbanken). Das bietet aber auch neue Chancen für mittelgroße und Regionalbanken. Abhängig von der Konjunktur, wird der Druck zunehmen, Kosten zu senken. Das gilt für jede Bank.

FORMAT: Bedeutet das Jobabbau?

Stepic: Die Märkte geben derzeit leider nicht die Margen her, die wir uns wünschen. Daher müssen wir kostenseitig reagieren. In unserem Haus machen wir das über die natürliche Fluktuation. Das sind etwa sieben Prozent. Für mich ist das sozial vertretbarer Personalabbau. Wir sind sicher keine Hire-and-fire-Bank und setzen nicht proaktiv Leute auf die Straße.

FORMAT: Das Personalthema betrifft wohl die gesamte Branche.

Stepic: Bei einem Andauern der Krise wird das keinem erspart bleiben. Manche werden wohl massiver vorgehen. Wenn ich nicht irre, will die Bank Austria Personal abbauen. Ebenso die Erste Bank und die Volksbanken AG. Wir machen es jedenfalls abgefedert und ohne Härtefälle zu schaffen.

FORMAT: Wird der Kunde die Umwälzungen unmittelbar spüren?

Stepic: Bei Raiffeisen schließe ich das aus. Im Gegensatz zu den großen Investmentbanken, die das schlechte Bankerimage zu verantworten haben, waren und sind wir immer dem Kunden verpflichtet. Als Universalbanker stellen wir den natürlichen Bedarf an Bankgeschäften zur Verfügung. Wir bieten keinen Finanz-Hokuspokus an.

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