Raidl & Ruttenstorfer über Politik und Wirschaft

Claus Raidl und Wolfgang Ruttenstorfer, zwei große Industriebosse, nehmen in Kürze Abschied. Mit FORMAT sprachen sie über den Zustand der heimischen Industrie und den mangelnden Reformwillen der österreichischen Regierung.

Format: Sie scheiden ja beide in Kürze aus Ihren Unternehmen aus. Wie fällt Ihre Bilanz über Ihre Tätigkeit als Generaldirektor aus?
Raidl: Ich habe das Glück, zu einem Zeitpunkt zu gehen, zu dem es der Firma wieder gut geht – und wo die Leute noch sagen: Schade, dass er geht, und nicht: Wann geht er endlich? Glücklicherweise hat es sich auch als richtig her¬ausgestellt, dass wir uns vor drei Jahren für die Voest als Eigentümer entschieden haben. So kann ich beruhigt und rundum zufrieden gehen.
Ruttenstorfer: Ich darf hier vielleicht ergänzen: Ich finde es sehr gut, dass die Stahlindustrie in Österreich zusammengegangen ist und eine nachhaltige Eigentümerstruktur gefunden hat. Das ist gescheit, weil Österreich ist kein großes Land. Ich bedaure, dass wir in der Energiewirtschaft noch lange nicht so weit sind. Und ich bezweifle, dass es ewig funktionieren wird, im Ausland getrennt zu marschieren.

Format: Das heißt konkret: Die heimischen Energieversorger sollten ihre internationalen Aktivitäten bündeln?
Ruttenstorfer: Ja, das wäre sinnvoll.

Format: Und die Bilanz Ihres letzten Geschäftsjahres bei der OMV?
Ruttenstorfer: Sehr positiv, das Ergebnis wird jedenfalls bei über zwei Milliarden Euro liegen. Wir haben wesentliche Kostenpositionen verbessert und uns so positioniert, dass sich das Geschäft wieder Richtung Vorkrisenniveau entwickelt.

Format: Das freut auch die ÖIAG, die Sie ja beide als Eigentümer kennen. Wie stehen Sie zur Diskussion um die Staatsholding: abschaffen oder nicht?
Raidl: Eindeutig: Man braucht sie nicht mehr. Ich bin dafür, dass wir dieses Kapitel österreichischer Wirtschaftsgeschichte abschließen. Die klassische Verstaatlichte gibt es nicht mehr, die ÖIAG verwaltet nur mehr drei Beteiligungen – OMV, Post und Telekom. Die sind alle börsennotiert, und die Börse bietet ausreichend Schutz vor zu großer politischer Einflussnahme.
Ruttenstorfer: Für den Flughafen gilt das ja nicht gerade …
Raidl: Das ist richtig, aber grundsätzlich ist die Börsennotierung hilfreich. Und für drei Beteiligungen brauche ich keine ÖIAG, das kann jeder Ministerialrat im Finanzministerium verwalten. Dazu sucht man drei Aufsichtsratspräsidenten, die Unabhängigkeit garantieren. Leute wie Hannes Androsch oder Josef Taus.

Format: Sehen Sie das auch so, Herr Ruttenstorfer?
Ruttenstorfer: Nein, denn in der OMV hat die ÖIAG ihre Funktion als Prellbock zwischen Politik und Unternehmen immer sehr gut erfüllt, war immer ein exzellenter Eigentümer. Außerdem würde der Partner im Eigentümerkonsortium, die IPIC aus Abu Dhabi, wahrscheinlich keinen Ministerialrat als Ansprechpartner akzeptieren.
Raidl: Mag sein, dass die OMV ein Sonderfall ist, aber um mit der IPIC auf Augenhöhe zu sein, brauche ich keine ganze ÖIAG.

Format: Und was halten Sie davon, die ÖIAG mit neuen Beteiligungen, etwa Verbund, ÖBB oder BIG, aufzuwerten?
Raidl: Ich bin dagegen, weil ich gegen jede politische Machtkonzentration in der Wirtschaft bin. Da geht es dann nur um Posten und Proporz. Ich sehe auch keinen Mehrwert für den Verbund, wenn er von der ÖIAG verwaltet wird.
Ruttenstorfer: Ich bin zwar gegen eine Infrastrukturholding. Infrastruktur ist eine politische Aufgabe. Aber in der ÖIAG sollte man das konzentrieren, was börsennotiert ist – wie zum Beispiel der Verbund – oder was sich für eine Privatisierungsstrategie eignet.

Format: Herr Ruttenstorfer, Sie sind ja selbst als ÖIAG-Vorstand im Gespräch. Hätten Sie Interesse?
Ruttenstorfer: Das ist derzeit kein Thema.
Raidl: Ich habe mir schon überlegt, ob ich mich nicht spaßeshalber als ÖIAG-Chef bewerbe – um das halbe Gehalt …

Format: Wo sehen Sie denn noch Potenzial für Privatisierungen?
Raidl: Man könnte bei allen ÖIAG-Beteiligungen und beim Verbund auf 25 Prozent gehen. Dann gibt es noch die BIG und einiges in den Ländern, vor allem die Energieversorger.
Ruttenstorfer: Der Staat sollte jedenfalls im Hinblick auf Unternehmenszentralen und Forschung und Entwicklung Minderheitsbeteiligungen behalten. Mit Privatkapital haben wir nicht immer gute Erfahrungen, wie Kollege Raidl weiß.
Raidl: Ja, unser privater Investor hat sich leider als kleine Heuschrecke her¬ausgestellt.
Format: Wie sehen Sie denn generell die Wettbewerbsposition in der österreichischen Industrie?
Ruttenstorfer: Wir stehen ganz gut da, sollten aber mehr in Hightech investieren. Dafür bedarf es einer Forschungs- und Bildungsoffensive.

Format: Apropos Bildungsoffensive: Was wäre Ihrer Meinung nach im Lichte der PISA-Ergebnisse zu tun?
Raidl: Wir kriegen sicher in den nächs¬ten Jahren ein Facharbeiterproblem. Bei der Lehrlingsausbildung haben wir ein Qualifikationsproblem. Bei Böhler haben wir auf unsere Kosten Deutsch- und Mathematiklehrer beschäftigt. Da lässt die Schule völlig aus. Das Problem in Österreich ist: Wir geben viel Geld für Ideen aus, aber zu wenig, um aus den Ideen etwas Konkretes zu machen.
Ruttenstorfer: Nur ein Beispiel: Wir haben in der OMV einen zweisprachigen Kindergarten, und solche Initiativen sollte es flächendeckend geben. Ich verstehe hier die parteipolitische Diskussion nicht ganz. Die Politik kommt hier zu langsam zu Entscheidungen und Reformen. Die Industrie hat sofort ihre Strukturen verändert, als sich die Krise abzeichnete.

Format: Woran liegt das? Am Föderalismus in Österreich?
Raidl: Seit Jahren stellen sich die gleichen Fragen: Brauchen wir neun Bauordnungen, neun Jagdgesetze etc.? Und die Politik ist nicht fähig, diese Fragen zu lösen, weil die Bundesparteiobmänner es sich nicht mit ihren Landeshauptleuten verscherzen wollen – und weil mit dem Thema Verwaltungsreform wenig Stimmen zu gewinnen waren. Daher muss ein Anstoß von außen kommen.

Format: Zum Beispiel durch ein Volksbegehren, wie Sie es planen?
Raidl: Zum Beispiel.

Format: Und es ist Ihnen ernst?
Raidl: Ja, ich habe auch schon etliche Unterstützer gefunden. Nächstes Jahr werde ich es strukturiert angehen.
Ruttenstorfer: Ich begrüße solche ¬Initiativen, bei der Bildung und beim ¬Föderalismus. Die Politik braucht scheinbar den Schub von unten.

Format: Sie gehören beide einer der Regierungsparteien an. Angesichts der Performance der großen Koalition müssen Sie doch leiden?
Ruttenstorfer: Zugegeben – SPÖ und ÖVP tun sich schwer, große Reformen anzugehen. Die wären aber dringend nötig. Das könnte man nur mit anderen Mehrheitsbildungen ändern, wenn die große Koalition nicht mehr die einzige Alternative wäre.
Raidl: Jetzt dominiert nicht der Wunsch, große Lösungen zu finden, sondern die Angst, Stimmen zu verlieren.

Format: Ein heißes Thema sind auch Pensionen. Wieso werden Sie schon mit 60 gehen, Herr Ruttenstorfer?
Ruttenstorfer: Zwanzig Jahre im Vorstand sind genug.
Raidl: Das finde ich auch.

Format: Wie werden Sie eigentlich Ihr letztes Weihnachtsfest als General¬direktor verbringen?
Ruttenstorfer: Ich bin mit meiner Familie Ski fahren. Diesmal hoffentlich ohne frühzeitigen Abbruch – heuer wird es ja wohl keinen Gaslieferstopp geben.
Raidl: Ich bleibe in Wien und werde mich am 30. und 31. Dezember noch einmal von meinen Mitarbeitern bei Böhler verabschieden.

Interview: Angelika Kramer, Andreas Lampl

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