Radikale Rückzugspläne: Raiffeisen International gerät unter Druck

Bei Raiffeisen kursieren geheime Überlegungen, die Ost-Tochter Raiffeisen International vom Aktienmarkt zu nehmen. Offiziell wird dementiert. Aber auch andere heimische Unternehmen überlegen den Börsenrückzug.

So etwas hatte man an der Börse Wien vorher noch nicht erlebt: Mit riesigen gelben Bullen wurde im April 2005 für den bis dato größten Börsengang des Landes Stimmung gemacht. Der Optimismus war groß, die Nachfrage nach den Aktien für Raiffeisen International (RI) enorm. „Viele Anleger freuen sich darauf. Es schaut gut aus“, sagte Raiffeisen-Generalanwalt Christian Konrad damals. Zwei Jahre lang sah es wirklich gut aus für die RI-Aktionäre. Vor einem Jahr dann ging dem Bullen die Luft aus, der echte Horror begann im Oktober 2008 (siehe Charts zum Kursverlauf von 2005 bis 2009 und zum Einbruch seit September 2008 ). Seither ist die Bank-Aktie ein Prügelknabe: Wann immer angelsächsische Rating-Agenturen vor Osteuropa warnen, und das tun sie derzeit oft, rutscht der Kurs weiter in den Keller. Dass der einstige Höchststand von 122,50 Euro je wieder erreicht wird, halten sogar die größten Raiffeisen-Optimisten für unwahrscheinlich. Daher werden im Sektor Pläne diskutiert, die bis vor kurzem noch als Tabubruch galten: die RI-Aktie in absehbarer Zeit wieder von der Börse zu nehmen.

Beschluss für Herbst erwartet
Mit diesem Schritt wären die Banker unter dem Giebelkreuz jedenfalls nicht allein. Viele Chefs börsennotierter Unternehmen wägen derzeit die Vor- und Nachteile eines Delistings von der Börse ab. Antonella Mei-Pochtler, Geschäftsführerin der Boston Consulting Group (BCG): „Aufgrund der niedrigen Kurse ist das für Unternehmen, die eine gute Finanzierungsplattform und liquide Kernaktionäre haben, denkbar.“ Offiziell werden solche radikale Rückzugspläne nicht bestätigt, weil das die Kurse antreiben würde. Die Streichung vom Kurszettel würde sich so verteuern.
Bei Raiffeisen dürften entsprechende Beschlüsse für oder gegen die Börse frühestens im Herbst fallen. Entscheidend dafür wird die Performance der RI-Aktie im ersten Halbjahr 2009 sein. Für ein Übernahmeangebot wäre der Kurs der letzten sechs Monate heranzuziehen, wobei die Aktie erst seit Oktober wirklich niedrig steht. Daher wird beim RI-Großaktionär Raiffeisen Zentralbank – Anteil: rund 69 Prozent – noch abgewartet. In den RZB-Büchern wird die RI mit rund 30 Euro pro Aktie und der innere Wert sogar mit 37 Euro taxiert. Bei einem Abfindungskurs zwischen 15 und 18 Euro bekäme die RZB rein rechnerisch das halbe Eigenkapital geschenkt. Das macht das Delisting auch zu einem lukrativen Deal für Raiffeisen.

Offizielle Dementis
Interesse an einem solchen Schritt gibt es auch in den Bundesländern: Dort werden lokale Raiffeisenbanker wegen der katastrophalen RI-Performance von der Konkurrenz vorgeführt. Die Volksbanker sticheln besonders gerne. „Dabei geht es denen viel schlechter als uns“, empört sich ein hochrangiger Raiffeisen-Funktionär. „Die haben das Glück, nicht an der Börse zu sein“, sagt ein Raiffeisen-Manager.
Die Argumente für einen Verbleib an der Börse sind hingegen, dass auch ein Rückzug vom Aktienmarkt eine Stange Geld kostet. Insofern wäre ein strategischer Partner, der Kapital mitbringt, wünschenswerter, heißt es. Auch das Risiko, als „Abzocker“ dargestellt zu werden, spricht dafür, den Status quo zu halten. Immerhin wurden bei der letzten Kapitalerhöhung Ende 2007 RI-Aktien zum Preis von 104 Euro unters Volk gebracht. RZB-Boss Walter Rothensteiner ( im Bild ) weist die Spekulationen jedenfalls strikt zurück: „Wir planen nicht, die RI von der Börse zu nehmen.“

Knackpunkt Finanzkonzept
BCG-Chefin Mei-Pochtler rechnet in den kommenden Monaten mit vermehrt stattfindenden Börsenrückzügen. Allerdings würden sich Unternehmen, die der Börse den Rücken kehren, die Möglichkeit vergeben, mittel- und langfristig über den Aktienmarkt Kapital zu holen. „Wichtig ist es, ein klares Konzept für die Finanzierungsstruktur für die kommenden drei bis fünf Jahre zu haben“, sagt Mei-Pochtler. Sie erwartet, dass die Wirtschaftskrise wie ein U und nicht wie ein V verläuft, dass es also länger dauert, bis es wirklich wieder bergauf geht.
Analysten orten vor allem bei der Strabag „Fantasie“ für ein Delisting. Denn Firmenchef Hans Peter Haselsteiner hat den Baukonzern schon einmal vom Aktienmarkt genommen. „Es ist völlig ausgeschlossen, dass die Strabag einen Rückzug macht“, sagt Konzernsprecher Christian Ebner. Denn durch die Börse sei man nicht nur zukunftsorientiert aufgestellt, sondern auch ein interessanterer Arbeitgeber.

Wer die Börse Wien verlässt
Doch der Rückzugsreigen hat bereits begonnen: Peter Schröcksnadel, der seit kurzem wieder mehr als 90 Prozent am Medienunternehmen Feratel kontrolliert, hat diese Woche ein „Squeeze-out“, also das Hinausdrängen der Minderheitsaktionäre, angekündigt. Das ist möglich, wenn ein Aktionär mehr als 90 Prozent an einem Unternehmen besitzt. Zuletzt notierten die Aktien des Betreibers von Panorama-Wetterkameras bei rund zwei Euro. An die Börse gebracht wurden sie im Sommer 2000 zum Kurs von 16,50 Euro. Die Wiener Fondsgesellschaft C-Quadrat will die Wiener Börse ebenfalls verlassen und nur noch in Frankfurt notieren. Sofern Brüssel grünes Licht für die Übernahme durch die Lufthansa gibt, wird auch die AUA vom Kurszettel fliegen. Als weiterer Kandidat für einen Börsenrückzug wird immer wieder Constantia Packaging genannt.

Durststrecke seit 2007
„Wir verstehen die Sorge der gelisteten Unternehmen in der aktuellen Kurssituation und dem volatilen Umfeld“, sagt der Chef der Wiener Börse, Heinrich Schaller. Eine Börsennotierung bringe dem Unternehmen viele Vorteile, angefangen von der besseren Eigenkapitalausstattung bis hin zu einer größeren Aufmerksamkeit durch die stärkere Medienpräsenz und mehr Transparenz durch eine Reihe gesetzlicher Veröffentlichungspflichten. Dennoch: Der letzte Neuzugang an der Wiener Börse war die Strabag im Herbst 2007. Seither ist Flaute. Einziger, kleiner Trost: So eine Durststrecke wie derzeit hat man an der Börse Wien vorher noch nicht erlebt.

Von Miriam Koch und Ashwien Sankholkar

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