"Putin ist der richtige Mann"

"Putin ist der richtige Mann"

Er ist keine Medaillenhoffnung, aber trotzdem der einflussreichste Österreicher in Sotschi: Siegfried Wolf führt in der Basic-Element-Gruppe des Oligarchen Oleg Deripaska Beteiligungen wie die Baufirma Transstroy und den Teilkonzern Russian Machines als Verwaltungsratschef. Deripaska hat viel in Sotschi investiert, Wolf war deswegen oft vor Ort und übergab diese Woche die fertigen Bauwerke.

Beim kurzen Zwischenstopp in Österreich - auf dem Weg vom Weltwirtschaftsforum in Davos nach Sotschi - erklärte der 56-Jährige im Interview, wieso er das Getue um einen Olympia-Boykott für Unsinn und die Kritik an Russland für ungerechtfertigt hält.

FORMAT: Herr Wolf, Sie waren diese Woche in Sotschi. Ist alles rechtzeitig fertig geworden?

Siegfried Wolf: Ja, ist es. Wir haben gerade alles übergeben: Olympisches Dorf und Flughafen, beides hat die Strabag für uns gebaut, ebenso eine Müllentsorgungsanlage. Auch unsere anderen großen Projekte wie der Seehafen, Tunnels und Straßen sind fertig.

Geld hat da in Russland ja keine große Rolle gespielt, wenn man an die enormen Kosten denkt …

Wolf: Ich weiß, dass es darüber große Diskussionen gibt. Aber die Olympischen Spiele in Sotschi sind nicht viel teurer als in den anderen Ländern. Zwei Drittel der 37 Milliarden Euro wurden in Infrastruktur investiert, die auch nach den Spielen genutzt wird und die sowieso notwendig war. Es gab ja nicht einmal ein ordentliches Kanalsystem.

Aber trotzdem sind es doch "Putins Spiele“, die vor allem den russischen Präsidenten in den Olymp heben sollen?

Wolf: So ein Projekt braucht einen Leader. Putin hat natürlich einen großen Beitrag geleistet, damit diese Spiele letztlich nach Russland gekommen sind. Aber die gewaltige Kritik, die jetzt eingesetzt hat, ist nicht gerechtfertigt. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat über 100 Mitglieder, die zugestimmt haben. Ich finde es schade, dass man jetzt die Plattform Olympia benutzt, um politischen Druck zu erzeugen. Wo waren die Herrschaften denn bei der Vergabe? Da hätte man die Stimme erheben können, nicht jetzt, auf dem Rücken der Sportler.

Aber es geht doch dabei um bedenkliche Entwicklungen in Russland, um die undemokratische Behandlung von Regimekritikern und Homosexuellen beispielsweise?

Wolf: Man muss nicht alles gut heißen, aber man kann nicht so eine Investition mit Unterstützung der Welt lostreten und dann - ganz am Schluss - versuchen, politische Argumente durchzudrücken, weil es gerade opportun ist. Das finde ich schade. Auch in anderen IOC-Staaten gibt es Menschenrechtsverletzungen - wenn ich dann lese, wie in Dubai mit einem Mädchen, das vergewaltigt wurde, umgegangen wird. In vielen Ländern die IOC-Mitglieder sind, gibt es die Todesstrafe. Wenn man Maß nimmt, sollte man es anständig nehmen. Oder gleich sagen, die Austragungsorte Olympischer Spiele werden in Zukunft versteigert, oder die Spiele finden nur mehr in Griechenland statt, dort, wo sie herkommen.

Teilen Sie die Meinung von Marcel Hirscher, der auch sagt, man dürfe nicht jetzt die Sportler zum Boykott aufrufen, sollte aber vorher besser überlegen, an wen man die Spiele vergibt?

Wolf: Die Sportler haben alle fleißig auf Olympia hin trainiert, da tut mir das jedenfalls weh, wenn die so dermaßen unter Druck kommen. Und ich finde auch, dass die jetzige Diskussion unangebracht ist. Wenn ich jetzt lese, dass Hermann Maier, den ich sehr schätze, nicht nach Russland fährt, bin ich mir sicher, dass er als Sportler der letzte gewesen wäre, der sich von irgendwem hätte aufhalten lassen, eine Medaille zu erobern. Ich rede vielleicht ein bisschen anderes, weil ich vor Ort bin. Ich hatte in Russland noch nie Angst um meine Sicherheit.

Sie sind ja auch kein Regimekritiker...

Wolf: Mir steht es auch nicht zu, hier Kritik von außen zu üben. Natürlich kann man das eine oder das andere Thema aufzeigen, etwa den Umgang mit Homosexualität, die in Russland übrigens nicht verboten ist. Ich habe mir das vom Botschafter genau erklären lassen. Nicht erlaubt sind Demonstrationen im Beisein von Minderjährigen, denn in Russland ist die Familie ein sehr schützenswertes Gut.

In Österreich wurde überlegt, eine lesbische Skispringerin zur Fahnenträgerin zu machen. Wäre das aus Ihrer Sicht eine gute Idee gewesen?

Wolf: Ich hätte das nicht in Ordnung gefunden. Denn das so herauszustreichen, halte ich persönlich für falsch.

Ist Russland ein zu autoritärer Staat oder gibt es aus Ihrer Sicht keine andere Möglichkeit, das Land führen?

Wolf: Russland ist enorm groß, hat zehn Zeitzonen. Zudem sind die Gegensätze zwischen Stadt und Land riesig, es gibt unheimlichen Nachholbedarf, was Infrastruktur betrifft. Meiner Meinung nach braucht ein solches Land eine starke Führung. Wir sehen ja gerade, was sich in der Ukraine abspielt, das tut mir sehr leid.

Ein Konflikt, der von Russland auch geschürt wird …

Wolf: Nein, nein. Die Ukraine ist praktisch pleite. Das, was es dort an Misswirtschaft gegeben hat, dagegen ist Griechenland eine Mickey-Maus-Nummer gewesen. Das ist der Punkt. Aber zurück zu Ihrer Frage: Ich gehe davon aus und sehe das auch bei den jungen Leuten, die alle der Meinung sind, dass es im Moment in Russland niemanden gibt, der die Sache besser machen würde als Putin. Auch die Russen wissen, dass derzeit nicht alles perfekt ist, aber sie arbeiten sehr kräftig daran, einen Mittelstand aufzubauen und ein engeres Verhältnis zwischen Wirtschaft und Politik herzustellen. Ich kann nur Positives berichten, was ich mit Herrn Putin erlebt habe.

Hat Russland überhaupt diese Reformfähigkeit, dass mit einer breiteren Mittelschicht auch automatisch demokratischere Strukturen entstehen?

Wolf: Nirgends auf der Welt wird es so sein, dass die Leute nur Geld verdienen dürfen und nichts zum Reden haben. Durch das Internet wird Wissen schier grenzenlos, Information wird für jedermann zugänglich. Ich glaube, dass in den nächsten Jahren eine liberalere Gesellschaft entsteht, es wird sich vieles zum Positiven wenden. Und die jungen Leute nutzen ihre Möglichkeiten: Ich habe kaum eine Chance Russisch zu lernen, weil sich jeder der Jungen unheimlich freut, wenn er Englisch reden kann.

Noch einmal kurz zurück zu Olympia: Im aktuellen "Spiegel“ steht, dass Oligarchen wie Oleg Deripaska angehalten wurden, in Sotschi zu investieren, wenn sie weiter in Russland im Geschäft bleiben wollen, die Aufträge also kein Geschäft, sondern mehr eine Art Steuer sind?

Wolf: Ich bin ja Mitgesellschafter unter anderem in seinem Bauunternehmen. Es stimmt, dass wir keine großen Gewinne machen werden, aber auch keine Verluste. Von einer Steuer kann daher keine Rede sein. Es hat sich nur eines grundlegend verändert: Früher war es oft so, dass man für 100 angeboten hat, und wenn es 200 gekostet hat, zahlte der Staat die Differenz. Jetzt wird darauf gepocht, dass Verträge eingehalten werden. Wenn es begründete Nachforderungen gibt, müssen die sehr gut begründet sein.

Rechnet sich Sotschi für Oleg Deripaska?

Wolf: Das ist nicht die Frage. Was zählt, ist, dass durch Olympia für gut 200.000 Menschen ein Arbeitsplatz auch nach den Spielen geschaffen wurde. Das ist viel in einer Region, die bislang etwas antiquiert war und vor allem als Badeort bekannt war, in dem in den Sommermonaten Juli und August jedes Jahr eine Million Russen auf Urlaub kommen. Und ich weiss, dass es ebenso viele Russen gibt, die im eigenen Land Ski fahren wollen.

Was passiert denn mit dem Olympischen Dorf nach den Spielen?

Wolf: Die Nachnutzung für uns werden Appartements für die Gäste sein, die man auch im Time-Sharing kaufen kann.

Werden Sie auch eines kaufen?

Wolf: Nein, ich habe ein Domizil in Lech für den Winter und eines in Kärnten für den Sommer. Da bin ich sehr patriotisch.

Ist Olympia generell ein zusätzlicher Impuls für die russische Wirtschaft? So toll läuft es im Moment ja nicht - wie auch in den anderen BRIC-Staaten, wo das R für Russland steht.

Wolf: Die Wachstumsraten sind immerhin noch doppelt so hoch wie bei uns in Europa. Der russische Markt ist riesig, Russland hat unheimlich viel Bedarf. In China ist immer die erste Frage, wohin kann ich etwas exportieren, die Russen wollen für den Heimmarkt produzieren. Das eröffnet große Chancen. Europa braucht eine sehr, sehr enge Bindung an Russland. Um unsere Sozialstandards zu halten, brauchen wir in Europa die Möglichkeit zu exportieren. Russland ist hier sehr offen, ist geographisch nahe und schätzt europäische Produkte.

Derzeit ist aber der Trend, dass das Geld der Investoren aus den Schwellenländern eher abfließt. Das ist auch ein Dämpfer für Russland?

Wolf: Allein mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 18.000 Dollar hängt Russland die anderen BRIC-Länder klar ab, zudem hat das Land keine Schulden und könnte für Europa ganz ein wesentlicher Partner für die Zukunft werden. Denn wo sollen die Europäer denn wachsen? Ein weiterer Punkt: Fanatismus wird meistens von Religionen geschürt, und die Russen denken fast so wie wir. Ich glaube, dass Russland den Europäern viel, viel näher ist als jedes andere Land. Russland hat ja den Doppeladler in der Fahne: Einer wird nach Asien schauen und einer nach Europa. Wenn Putin sagt, er würde gerne einen Wirtschaftsraum haben von Lissabon bis Wladiwostok, ist das eine echte Einladung. Darüber sollten wir nachdenken.

Wobei österreichische Top-Manager doch skeptisch sind, ob sie in Russland investieren sollen?

Wolf: Ich hätte früher auch anders gedacht. Man muss sich mit dem Land auseinandersetzen. Russland ist sicherlich ein Land, wo es sich lohnt, sonst würden die uns gar nicht brauchen, und ich würde nicht dort sitzen.

Nimmt Österreich seine Chancen ausreichend wahr?

Wolf: Wir Österreicher haben aus der Geschichte gelernt und sind eher Integrator als Divisor. Deshalb haben wir in Russland einen guten Ruf. In Sotschi hat Österreich für 1,2 Milliarden Euro Business gemacht. Zum Vergleich: Die Deutschen kommen auf 1,5 Milliarden, obwohl sie zehn Mal so groß sind.

Wissen Sie schon, wie es bei Ihnen persönlich weitergeht? Ihr Vertrag im Konzern von Deripaska läuft bis 2015.

Wolf: Aber ich bin auch Miteigentümer. Derzeit bin ich 220 Tage im Jahr in Russland. Das möchte ich reduzieren. Ich glaube, dass der wirtschaftliche Höhepunkt bei den russischen Beteiligungen noch lange nicht erreicht ist, daher möchte ich weitermachen. Außerdem baue ich gerne auf. Aber ich werde dann wieder mehr in Österreich sein.

Sie sagen öfter, man soll in der Politik helfen, wenn man kann. Ein Punkt, wo Ihre Hilfe gefragt war, ist die ÖIAG. Dort sollen künftig die Aufsichtsräte wieder von der Politik bestellt werden. Was sagen Sie dazu?

Wolf: Das wäre ein sehr, sehr schlechtes Signal für den gesamten Finanzmarkt. Die ÖIAG hat einen guten Job gemacht, das zeigen die Zahlen ganz deutlich. Man sollte sich wirklich genau überlegen, ob die Politik wieder das Parteibuch von der Putzfrau bis zum Manager bestimmen soll. Ich denke mir, dass Herr und Frau Österreicher ein Anrecht haben, dass ihr Hab und Gut nicht politisch, sondern wirtschaftlich verwaltet wird. Sie brauchen ja nur schauen, wie uneinig die Politik bei uns ist, da kann gar nichts Gescheites herauskommen. Trotzdem wird wahrscheinlich eine Gesetzesänderung kommen - und deshalb ist die jetzige Form des ÖIAG-Aufsichtsrates wahrscheinlich ein Auslaufmodell. Leider.

Zum Schluss noch einmal einen Blick auf die große Welt. Sie kommen ja gerade vom Weltwirtschaftsforum aus Davos. War auch Ihr Eindruck, dass im Vergleich zu den vergangenen Jahren heuer wieder mehr Zuversicht zu spüren war?

Wolf: Ja, ich war sehr begeistert vom Bericht des deutschen Finanzministers Schäuble, der erklärt hat, keine neuen Schulden mehr zu machen. Und dass David Cameron sagte, Europa brauche Reformen, aber es sei falsch, auf ein vereintes Europa zu verzichten, hat viel Positives bewegt. Gleiches gilt für den iranischen Ministerpräsidenten, der darum geworben hat, mit ins Spiel gelassen zu werden. Auch gegenüber Russland ist die Stimmung positiv.

Ist es nicht umso trauriger, dass so viele Spitzenpolitiker nicht nach Sotschi kommen wollen?

Wolf: Ich habe mit dem russischen Außenminister geredet, der sagt, es werden genau so viele Staatsoberhäupter empfangen wie in Vancouver und Salt Lake City zusammen. Und die Politiker, die sich jetzt dafür entscheiden, nicht zu kommen, haben ja noch die Chance, bei den Paraolympics vorbeizuschauen, das wäre eine schöne Geste.

Zur Person: Siegfried Wolf, 56, machte im Magna-Konzern von Frank Stronach eine steile Karriere und brachte es bis zum CEO. 2010 wechselte Wolf nach Russland ins Firmenreich von Oleg Deripaska. Dort verantwortet er neben dem Auto-Business auch große Bau-Projekte für das Olympia-Projekt in Sotschi. In Österreich ist Wolf Aufsichtsrat von Sberbank, Strabag, Verbund und ÖIAG.

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