Problem-Paket Post: Neo-Generaldirektor
Georg Pölzl übernimmt einen Knochenjob

Seit 1. Oktober gibt Georg Pölzl bei der Post AG den Takt vor. Der Branchenneuling ist froh, wieder in Österreich zu sein, muss nun aber verhindern, dass aus der Post eine zweite AUA wird.

Eine passendere Einstimmung auf die harten nächsten Jahre hätte Georg Pölzl gar nicht bekommen können. Der neue General der österreichischen Post AG hatte noch nicht einmal sein Büro bezogen, da bekam er von Infrastrukturministerin Doris Bures bereits einen Empfang der besonderen Art. Per Bescheid untersagte die forsche SPÖ-Politikerin am vergangenen Montag für drei weitere Monate die Schließung von 144 defizitären Postämtern – und machte damit dem bisherigen Manager in der Telekombranche schon vor seinem Amtsantritt am 1. Oktober klar, wie die Dinge in dem mehrheitlich staatlichen Logistikkonzern laufen.

Problem-Paket Post
Querelen mit der Politik werden nicht alles sein, was den 52-Jährigen bei der Post erwartet. Pölzl wird anpacken müssen – was er zuletzt auch bei der Deutschen Telekom tun musste: restrukturieren. 2009 wird die Post zwar noch 150 Millionen Betriebsergebnis (Ebit) erzielen, und sie ist noch mit einem üppigen Cashpolster ausgestattet. Mit der Liberalisierung des Briefmarkts ab 2011 wird der Konzern aber Federn lassen müssen. Die Kosten lassen sich gleichzeitig nur äußerst schwer senken. Selbst eine moderate KV-Erhöhung verschlingt schnell 30 Millionen. Und Personalanpassungen sind ein Kunststück, wenn acht von zehn Mitarbeitern unkündbar sind. Im Ärger über die Bures-Verordnung meint ein Post-Manager: „So werden wir wirklich zu einer zweiten AUA.“ Zu allem Überfluss hat Ex-General Anton Wais in den letzten Jahren eine bunte Melange an Beteiligungen zusammengekauft, viele davon sind defizitär, eine klare Strategie ist nur schwer zu erkennen.

Briefgeschäft ist gefährdet
Vor zwei Wochen konnte sich der Führungszirkel in der Postgasse ein erstes Bild von Branchenneuling Pölzl machen. Am 14. September skizzierte dieser bei einer Versammlung, wie er den gelben Tanker auf Liberalisierungskurs steuern will. Wie schon Wais ist auch Pölzl überzeugt, dass die Post in die Verlustzone rutscht, wenn jetzt nicht rasch agiert wird. Denn den Löwenanteil ihrer Erlöse macht die Post im Briefverkehr, um den ab 2011 vor allem in den Ballungszentren ein harter Kampf entbrennen wird. Ein Rückgang des Ebit um 173 Millionen Euro bis 2013 wird unternehmensintern als nicht unrealistisch erachtet. Inzwischen gesteht die Post auch die „verstärkte elektronische Substitution von Briefen“ ein, die lange negiert wurde. Mindestens 50 Millionen weniger heißt das für die Post innerhalb der nächsten fünf Jahre, hat der Wiener Logistikberater Martin Füll berechnet. Geht infolge der Krise auch der Versand von Werbemailings weiter zurück, kommt es noch dicker.

Der Mann fürs Liberalisieren
Ziemlich üble Aussichten also. Günther Ottendorfer ist aber sicher, dass Pölzl der richtige Mann für den Job ist. Der Technikchef von T-Mobile hat mit ihm die letzten zehn Jahre eng zusammengearbeitet – ob in Wien oder im Bonner Hauptquartier der Deutschen Telekom. „Wer sollte für Marktliberalisierungen besser geeignet sein als Pölzl?“, fragt Ottendorfer. „Sein Start in der Telekombranche fiel 1998 genau mit der Marktöffnung zusammen – die entsprechenden EU-Verfahren kennt er in- und auswendig.“ Nach kurzem Nachdenken fällt Ottendorfer außerdem eine Episode aus einem gemeinsamen Führungskräfte-Workshop ein, bei dem T-Mobile zum Canyoning geladen hatte. Keiner der Anwesenden hatte Erfahrung mit dem Schluchtenklettern, der begeisterte Hobbysportler Pölzl war schließlich der Erste, der seine Angst überwand und den metertiefen Sprung ins kalte Wasser wagte.

Frischer Wind in der Chefetage
Bei der Post tritt Pölzl vorerst mit vier neuen Leuten an. Kommunikationschefin wird Ina Sabitzer, die schon Erfahrung als Sprecherin des ehemaligen Staatssekretärs Eduard Mainoni sammeln konnte. Die Kommunikationsstrategie wird Pölzls langjährige T-Mobile-Vertraute Manuela Bruck machen. Dazu kommen zwei weitere Strategen: eine Kollegin aus dem Telekom-Bereich und ein McKinsey-Mann. „Es ist ja ohnehin alles leer hier“, ätzt ein Manager aus der Post-Zentrale, „weil Rudolf Jettmar den gesamten Stab seines Vorgängers Anton Wais entfernt hat.“ Auch wenn Pölzl noch weitere Leute engagieren will – mit einer Armada wird er nicht einlaufen. Das würde auch wenig zu seinem Vorhaben passen, einen neuen Stil bei der Post durchzusetzen. Schon unter Wais, vor allem aber unter Interimschef Jettmar kochten die einzelnen Vorstandsmitglieder oft ihr eigenes Süppchen. Jettmar kommunizierte weder mit der Führungscrew noch mit der Politik allzu viel. Nun wird Teamwork großgeschrieben.

Personalstand muss sinken
Auch zwischen Management und Gewerkschaft will Pölzl einen offeneren Umgang. „Dafür ist er genau der Typ“, sagt Albert Hochleitner, der als ehemaliger Siemens-Boss intensiv mit Pölzl zusammengearbeitet hat, „er kann zuhören und verzichtet auf Hüftschüsse.“ Ein besonnenes Wesen scheinen die Arbeitnehmervertreter dem Manager jedenfalls einzuräumen. Betriebsratssprecher Martin Palensky gibt zwar zu, dass man damals gegen seine Bestellung gestimmt habe, „weil wir keinen fünften Vorstand brauchen. Aber mir wurde vermittelt, dass Pölzl sich für die Belange der Mitarbeiter interessiert“, sagt der Gewerkschafter. Pölzl machte bei seinem Auftritt am 14. September unmissverständlich klar, dass der Personalstand der Post sinken muss. Und dass dabei der Haupteigentümer Staat helfen muss, weil es sich größtenteils um Beamte handelt. Die ersten 30 Postler, die bereits zur Polizei gewechselt sind, sollen zwar zufrieden sein, „aber 600 Leute, wie der Vorstand glaubt, werden wir dort sicher nicht unterbringen“, meint Palensky.

"Distanz zu allen Cliquen"
Pölzl hofft, überzählige Beamte auch in anderen Bereichen des Staatsdienstes unterzubringen. Er hat schon diesbezügliche Gespräche geführt – und soll erste positive Signale aus den Ministerien bekommen haben. Zugute kommt dem Deutschland-Heimkehrer dabei sicher „seine Distanz zu allen Cliquen“, wie Böhler-Boss Claus Raidl sagt, der auch im Privaten den „lockeren und wenig statusbewussten Umgang“ des Steirers schätzt. Konsequent ist Pölzl auch. Davon kann etwa der Orange-Boss Michael Krammer ein Lied singen, den Pölzl bis vors Höchstgericht geklagt hat, um seinen Wechsel von T-Mobile zu tele.ring zu verhindern. Bei der Deutschen Telekom war der neue Post-General für die Umsetzung des Effizienzprogramms „Save for Service“ zuständig. Den beinharten Sanierer sieht Krammer im früheren Vorgesetzten aber nicht: „Über die eigenen Leute hält er immer die schützende Hand. Hart ist er nur nach außen.“

Klare Strategie fehlt
Das Beamtenproblem ist nicht die einzige Herausforderung – auch das Auslandsgeschäft muss Georg Pölzl auf Vordermann bringen. Die in den letzten Jahren zusammengestückelten Beteiligungen verlieren zum großen Teil Geld. Alleine die Pakettochter Trans-o-flex soll statt geplanter 10 Millionen Euro Gewinn derzeit 30 Millionen Verlust schreiben. „Die Beteiligungen waren viel zu teuer und bringen zu wenig ein. Es fehlt eine klare Strategie für die nächsten zehn Jahre“, analysiert der Hamburger Postexperte Horst Manner-Romberg. Sein Wiener Kollege Martin Füll bemängelt überdies die fehlende Innovationskraft des Briefkonzerns: „Hat es in den letzten Jahren irgendein neues Produkt gegeben, das sich in der Bilanz als Ertrag niedergeschlagen hat? Nein.“
Trotz des bevorstehenden Knochenjobs musste Pölzl nicht lange überredet werden, das Angebot zu übernehmen, die Nummer eins der Post AG zu werden. Für ihn war es eine sehr willkommene Gelegenheit, wieder ganz nach Österreich zu übersiedeln. In Bonn, dem Sitz der Deutschen Telekom, wurde er nie heimisch und konnte sich auch mit der Unternehmenskultur nicht anfreunden. Da wird sich Pölzl mit österreichischen Politikern und Gewerkschaftern mit Sicherheit leichter tun.

Von Arndt Müller

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