Privatkonsum der Österreicher steigt

Angstsparen war gestern: Niedrige Zinsen und gute Jobaussichten stimmen die Österreicher spendabel wie lange nicht. Gefragt sind Autos, Möbel und Elektrogeräte.

Beate Fritzl spricht in letzter Zeit oft von ihrer „Schlampe“. So nennt die 28-jährige Wienerin ihr neues Fahrrad. Stolze 2.500 Euro hat das Cube Access WLS GTC gekostet – ein schnelles Mountainbike mit Carbonrahmen, das weniger als zehn Kilogramm wiegt. „Ich habe es gekauft, weil ich es mir wert bin. So ein leichtes, schnell schaltbares und cooles Ding zu haben ist ganz einfach geil“, sagt die Radfahrerin. Deshalb passe auch der Name „Schlampe“ bestens zum schlanken Gestell. Dass es teurer als ­viele andere war, ist Fritzl völlig egal.

Österreicher in Shoppinglaune  

Auf die Frage „Darf’s ein bisschen mehr sein?“ antwortet derzeit nicht nur Fritzl gerne mit Ja. „Wenn das Produkt gefällt und die Qualität stimmt, dann wird der Preis zur Nebensache“, sagt Ex-Radrennmeister Bernhard Kohl, Chef von Fitstore24. Kohl spricht von einem „erfreulichen Boom“ und von Preisen um die 2.000 Euro, die die Österreicher für ihre Räder, ohne lang zu überlegen, hinlegen.

Auch sonst scheint das Geld locker zu sitzen. Ob neuer Fernseher, Möbel, Sportgeräte oder Autos: Wer Geld auf der hohen Kante hat, gibt es lieber aus, anstatt magere Zinsen dafür zu kassieren. Diese Gelegenheit will sich kein Händler entgehen lassen. Zahlreiche Rabatte machen freie Parkplätze rund um Mediamarkt-Standorte zu begehrten Gütern, Ketten wie Sport Experts locken mit minus 20 Prozent, wenn drei Produkte erstanden werden. Und bei Saturn können alte Fernseher noch bis Samstag gegen neue getauscht werden. Die goldene Regel: Je größer die alten TV-Geräte, egal ob funktionstüchtig oder nicht, desto größer die Gutschrift. Mit „Geil ist geil“ wirbt die Elektrokette jetzt – anstatt wie früher „Geiz ist geil“.

Angstsparen war gestern

Das belegen auch Daten der Statistik Austria. Erstmals seit 2005 ist in Österreich die Sparquote unter den langjährigen Schnitt von zehn Prozent gefallen. Wurden bei Ausbruch der Finanzkrise 2009 noch 11,1 Prozent des verfügbaren Einkommens auf die hohe Kante gelegt, waren es im Vorjahr nur mehr 9,1 Prozent. Tendenz weiter fallend. „Erst 2012 wird sich die Sparquote stabilisieren“, meint Helmut Hofer vom Institut für Höhere Studien (IHS), „die gute Lage am Arbeitsmarkt verstärkt noch die Konsumlust.“ Derzeit sind nach österreichischer Definition 6,9 Prozent Jobsuchende gemeldet. Das Wirtschaftsforschungsinstitut erwartet für heuer einen Rückgang der Arbeitslosenquote auf 6,4 Prozent, für 2012 auf 6,3 Prozent.

Auch die mickrigen Zinsen verleiten nicht zum Sparen. Zwar hat die Europäische Zentralbank erst Anfang April die ­Zinsen angehoben – allerdings nur um einen Viertelprozentpunkt auf 1,25 Prozent. Weitere Erhöhungen werden von Analysten im heurigen Jahr erwartet, dennoch knabbert die Teuerung die Bankguthaben stark an, sagt IHS-Experte Hofer. Denn heuer dürfte die Inflationsrate – übers Jahr gerechnet – bei drei Prozent liegen.

Handel im Aufschwung

Die neue Ausgabefreudigkeit der Österreicher überrascht selbst Experten. „So lange ist die Krise ja noch nicht her“, sinniert Österreichs Handelsobmann Fritz Aichinger. „Und schon rechnen wir für 2011 mit einem realen Plus zwischen einem und zwei Prozent, nominell werden es zwischen drei und vier Prozent sein.“ Peter Voithofer von der KMU Forschung Austria klingt ähnlich optimistisch: „Wir sehen noch keine Gefahr für einen Konsumrückgang, weil sich das Verhalten der Konsumenten ja nicht so schnell ändert.“

Dass bei den Österreichern derzeit das Geld locker sitzt, spürt auch Paul Koch, Chef der Möbelhandelskette Kika/Leiner. „Großanschaffungen wie Küchen gehen schon länger gut. Derzeit kaufen alle ein – mit dem Unterschied, dass der Anwalt mehr für sein neues Wohnzimmer ausgibt als der Arbeiter.“ Tatsächlich zeigt ein Blick in ein „Stressless Comfort Studio“ im Leiner auf der Mariahilfer Straße, dass es sich die Konsumenten gut gehen lassen: Sie stehen samstags Schlange, um in der 4.990 Euro teuren Gesundheits-Sofagarnitur „Paloma Rodeo“ Probe zu liegen.

Ähnliche Erfahrungen macht auch Robert Hart­lauer, Chef der gleichnamigen Handelskette. „Neben der Funktion spielt die Optik eine immer größere ­Rolle.“ Das gilt nicht nur für Handys, sondern sogar für Hörgeräte. „Auch Pensionisten wollen Lifestyle, also formschöne, wasserdichte Geräte mit Touchscreen“, sagt Hartlauer. Und das bedeutet, dass die Rentner zusätzlich zu der von der Krankenkassa übernommenen Rechnung zwischen 1.000 und 1.500 Euro bezahlen, um einen besonders schönen Lautverstärker im Ohr zu haben. Über schöne Zuwächse freut sich Hartlauer auch bei Kameras und Sonnenbrillen. „Die Spiegelreflex von Sony, die Nex 5, um 549 Euro geht super. Auch die Markenbrillen von Gucci oder Dior um die hundert Euro sind ein Renner.“

Gourmetkost boomt

Die Spendierlaune der Österreicher nutzen selbst Lebensmittelhändler für sich. Mit Billa Corso hat Rewe einen neuen Gourmettempel in der Wiener City eröffnet, Spar betreibt an die fünfzig Spar Gourmet. Spar-Sprecherin Nicole Berkmann: „Wir verzeichnen seit ­einigen Wochen höhere Umsätze als im Vorjahr, vor allem im Feinkost-Bereich.“ Dort finden sich Spezialschinken um 5,99 Euro (statt 6,99 Euro) ­je 100 Gramm im Angebot. Dass die Österreicher weniger aufs Geld schauen als früher, zeige auch die steigende Nachfrage nach der neuen Luxus­marke Spar Premium. Für handgedrehte Pasta und Marmelade vom Promi-Bauern wird tief in die Tasche ­gegriffen – ein bisschen mehr darf es offenbar auch in der Fastenzeit sein.

Allerdings ist nicht jeder dem Kaufrausch verfallen. Handelsobmann Aichinger wird heuer auf kein neues Fahrrad umsteigen. Er radelt lieber daheim am Hometrainer. „Ich habe aber meinem Enkerl vor kurzem eine Sandkiste und eine Rutsche gekauft.“ Ein neues Fahrrad soll es in der Familie Aichinger so bald keines geben, „aber der Kleine kriegt im Herbst noch ein Laufrad dazu“.

Silvia Jelincic, Miriam Koch

Industrie 4.0 und das flexiblere Arbeiten: Die Vorzüge der Automatisierung kommen mit verbesserter Kommunikation zwischen Maschinen noch besser zum Einsatz.
 

Business

Wegbereiter einer neuen Industrie

Boom oder Crash? Unternehmen brechen durch die Kämpfe in der Ukraine und im Nahen Osten Exportmärkte weg. In Österreich macht sich die Sorge vor einer neuen Krise breit.
 

Business

Comeback der Krise?

Innovationskraft: Forschung und Entwicklung sind die Grundlage des Erfolgs der heimischen Industriebetriebe.
 

Business

Innovation - der wichtigste Rohstoff