Private Fernsehsender haben Rückenwind

Die Zahl kleiner österreichischer TV-Kanäle nimmt laufend zu. Diese Woche startet der Sender ATV 2.

Ludwig Bauer versteht Spaß. Auf die von Journalisten häufig gestellte Frage, ob er eine Frau suche, so wie die Kandidaten aus „Bauer sucht Frau“, reagiert der ATV-Chef noch immer mit einem Lächeln. „Nein, ich habe meine schon gefunden. Fürs Suchen hätte ich auch gar keine Zeit.“ Schon seit Monaten fließt Bauers ganze Energie in den Aufbau des neuen Senders ATV 2, der am Donnerstag, dem 1. Dezember, on air geht. Die Erwartungen sind hoch. Bauer hofft, in einem halben Jahr Dietrich Mateschitz’ Servus TV überholen zu können, in zwei Jahren will er schon auf zwei Prozent Marktanteil kommen (siehe Interview ).

Starker Mitbewerb

Leicht wird das allerdings nicht. Der österreichische Fernsehmarkt ist hart umkämpft. Die Seher können im Schnitt schon unter 93 TV-Programmen wählen, und der unumstrittene Marktführer heißt noch immer ORF. In Summe bringen es ORF eins und 2 auf 38 Prozent Marktanteil (2010). Danach kommen SAT.1 und RTL mit 6,8 bzw. 6,3 Prozent, ATV liegt bei 3,5 Prozent.

Doch die Privaten holen erstaunlich schnell auf, darunter zahlreiche österreichische Kanäle. Der frühere Stadtsender Puls 4 schreibt seit dem Vorjahr schon Gewinne. Sein erprobtes Erfolgsgeheimnis: jung & frech. Während das Angebot an Wissenschafts- und Kultursendungen recht gering ist, wird kräftig in den Entertainment-Bereich investiert. Aktueller Renner: die Dokusoap „Messer, Gabel, Herz“, wo sich drei liebestolle Männer um die Gunst einer einzigen Frau zanken.

Neu ist die Idee ja nicht – MTV setzt schon lange auf ein ähnliches Format –, aber sie kommt noch immer gut an: „Pro-SiebenSat1 Österreich bringt es dank Puls 4 schon auf über 20 Prozent Marktanteil“, sagt Fernsehchef Markus Breitenecker (gemeint ist die Gruppe der 12- bis 49-Jährigen, Anm.). Wie Breitenecker verrät, gibt es sogar schon Überlegungen, einen neuen Kanal ins Leben zu rufen.

ATV sorgt derzeit mit rebellischen und teils betrunkenen Jugendlichen für Gerede. „Saturday Night Fever“, eine Dokusoap über die wilden Partynächte der Teenager, wird überraschenderweise auch gerne von Erwachsenen gesehen und bringt es auf mehr als 200.000 Zuschauer pro Sendung. Die Kuppelshow „Bauer sucht Frau“ zieht sogar über 300.000 Seher vor die Bildschirme.

Bei ATV 2 wird ein anderer Schwerpunkt gesetzt. „Wir legen unseren Fokus auf den Nachrichten- und Kulturbereich“, sagt Bauer – was wie eine Kampfansage an den ORF klingt, der diese Domäne bislang für sich beanspruchte.

Neben ATV, Puls 4 und dem immer populäreren Red-Bull-Ableger Servus TV setzen auch andere auf die Zugkraft der Jugend. So plant jetzt auch das Verlagshaus Styria einen eigenen Fernsehkanal. Erst will man das Konzept, über das noch Stillschweigen herrscht, aber noch im Internet erproben. Das Wiener Echo Medienhaus setzt ebenfalls auf das Standbein TV, allerdings als Content-Lieferant. „Wir wollen Fernsehsendern künftig verstärkt Formate anbieten“, sagt Echo-Chef Christian Pöttler, der mit Echo TV auf dem Stadtkanal W:24 sendet. Für seine neuen Pläne hat er sich auch schon einen erfahrenen TV-Profi geholt: Hans Ponsold, der für den ORF früher das Kinderprogramm (Okidoki) produzierte. Derzeit bietet man Nachrichten rund um Wien, einen Wirtschaftstalk und Sportinfos.

Düstere Prognosen

Der ORF sieht die Aufholjagd der Privatsender ziemlich gelassen. Aber zu Unrecht, wie Panmedia-Chefin Elisabeth Ochsner sagt: „Es ist durchaus realistisch, dass der Markt in den nächsten zehn Jahren eine Wende vollzieht und es dann einen Privaten gibt, der so groß ist wie ORF eins oder ORF 2.“ In dieselbe Kerbe schlägt Georg Serentschy, Geschäftsführer der Rundfunk- und Telekom-Regulierungsbehörde (RTR): „Die Privaten werden mit Zeitungen wie ‚Krone‘ und ‚Heute‘ vergleichbar sein, der ORF mit ‚Presse‘, ‚FORMAT‘ oder anderen Qualitätsblättern.“

Doch auch der Staatsfunk schläft nicht und hat jüngst zwei neue Spartenkanäle ins Leben gerufen. „ORF III und ORF Sport+ sind gut gestartet und stärken unsere Flotte“, freut sich Sprecher Biedermann. Während sich ORF III auf Kunst und Kultur konzentriert, legt ORF Sport+ den Fokus auf die Übertragung von Sportbewerben abseits des Mainstreams. Rekordseherzahlen werden allerdings anderswo erzielt: Das November-Finale der neuen ORF-Castingshow „Die große Chance“ zum Beispiel verfolgten bis zu 1,1 Millionen Zuschauer.

Mit hohen Kosten verbundene Eigenproduktionen wie bei ORF und Puls 4 will ATV allerdings eher sparsam einsetzen: „Der Bedarf an solchen Produktionen ist gedeckt“, sagt der ATV-Chef. Auf ATV 2 soll es solche Inszenierungen also nicht geben, allerdings wolle man Wiederholungen zugkräftiger Formate zeigen.

Auf alte Klassiker wie „Bauer sucht Frau“ wird jedoch weiterhin nicht verzichtet. Die Frage, ob er nach einer Frau suche, wird sich Ludwig Bauer wohl noch länger anhören müssen.

– Silvia Jelincic

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