voestalpine soll in Preisabsprachen am Eisenbahn-Markt verwickelt sein

Der österreichische Stahlkonzern Voest ist in Preisabsprachen am Eisenbahn-Markt verwickelt. Jetzt packt ein sogenannter „Schienenfreund“ aus und offenbart Details zu den Marktmanipulationen.

Schienen, Schwellen und jede Menge Schotter braucht man, um Eisenbahnstrecken zu bauen. Dabei gibt es europaweit nur eine Handvoll Anbieter, die sich den Markt seit Jahrzehnten untereinander aufteilen und dabei jede Menge Schotter verdient haben. Zu viel, wie das deutsche Bundeskartellamt meint. Seit Monaten laufen gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft Bochum penible Ermittlungen zum Schienenkartell, das sich die sogenannten „Schienenfreunde“ ausschnapsten. Ermittelt wird mittlerweile gegen 90 Personen. Im Fokus steht neben Thyssen Krupp vor allem der österreichische Paradekonzern voestalpine.

Der Vorwurf: Die Anbieter hätten sich regelmäßig geheim abgesprochen und durch zu hohe Preise der Deutschen Bahn einen Schaden von bis zu 400 Millionen Euro zugefügt. Nun rollen bei den verantwortlichen Tochterunternehmen der voestalpine die Köpfe – wohl auch, weil die Stahlkocher sich um einen Kronzeugenstatus in der Affäre bemühen. FORMAT traf nun einen deutschen „Schienenfreund“, der unter Zusicherung der Anonymität über die illegalen Machenschaften auspackt.

So liegen jetzt die Namen der geschassten führenden Manager der voestalpine erstmals auf dem Tisch – diese wurden auch von den betroffenen Unternehmen bestätigt. Es handelt sich dabei um Thomas K., Reinhold R. und Claus F., die alle bei der „voestalpine BWG“ tätig waren. Peter S. und Holm R. mussten die voestalpine-Tochter „TSTG“ verlassen, und für Klaus M. von der voestalpine-Division Bahnsysteme hieß es ebenfalls gehen. Weitere könnten folgen. Für alle Beteilig ten gilt die Unschuldsvermutung.

Schienenkartell inside

Der FORMAT-Informant schildert die genauen Details der Absprachen. 2006 wurde etwa von der Deutschen Bahn ein Jahresauftrag über 250.000 Tonnen neuer Schienen ausgeschrieben. Im Kartell reklamierte die voestalpine Schienen GmbH gemeinsam mit der voestalpine-Tochter TSTG rund 70 Prozent des Auftragsvolumens für sich, denn die voestalpine sieht Deutschland traditionell als Heimmarkt. Die restlichen 30 Prozent wurden nach genauen Quoten unter dem Mital-Konzern, dem tschechischen Trinec-Werk und der britischen Corus-Gruppe aufgeteilt. Von der Deutschen Bahn wurden einheitlich knapp 1.100 Euro pro Tonne Schienen verlangt. Etwaige Preisabweichungen wurden nicht geduldet.

In allen fünf Unternehmen gab es je einen „Schienenfreund“, der eine Excel-Liste führte, in der die jeweiligen Lieferquoten des Kartells vermerkt wurden. Diese Liste war streng geheim und passwortgeschützt. Ein Exemplar befindet sich bei einem renommierten Wiener Anwalt, der sie für einen ausgeschiedenen „Schienenfreund“ in Verwahrung hält. Als die voestalpine damals von der undichten Stelle erfuhr, schickte das Unternehmen fünf Mann zur Wohnung des Ex-Mitarbeiters, um Laptop und Liste sicherzustellen – vergeblich.

Geheimgespräche

Gab es Unstimmigkeiten zwischen den Firmen, wurde auf Flughäfen oder in der Duisburger Pizzeria „Da Bruno“ eilig eine Konferenz einberufen, wo zwischen Chianti und Tiramisu etwa über wirksame Taktiken gegen unbequeme Neueinsteiger beraten wurde. Solche Sitzungen im Hinterzimmer konnten sich über Tage hinziehen. Die Regeln waren streng: So mussten die anwesenden Manager ihre Handys im Auto lassen. Häufig kolportierte Rotlicht-Ausflüge nach Verhandlungsende kann der Insider nicht bestätigen, wiewohl Bordellbesuche mit Kunden in der Branche nicht unüblich sind.

Das Kartell und die Dominanz der voestalpine brachen allerdings bereits 2008, also noch lange vor den Untersuchungen der Behörde, zusammen, da ein Ex-voestalpine-Mitarbeiter bei den Ausschreibungsunterlagen geschlampt haben soll. Daraufhin erhielt Mital den Zuschlag zur Lieferung von 100 Prozent des Auftrags – der Schienenpreis fiel allerdings im Gegenzug um 35 Prozent. Eine anonyme Anzeige rief im heurigen Frühjahr dann die deutschen Behörden auf den Plan.

voestalpine auf Transparenz-Kurs

Die voestalpine selbst hält an ihrem Kronzeugenstatus fest, wohl auch, um drohende Schadenersatzzahlungen in der Höhe von mehreren Hundert Millionen Euro abzuwehren. Das Unternehmen lässt über seinen Pressesprecher Gerhard Kürner ausrichten: „Wir arbeiten mit den Behörden eng zusammen, haben alle Unterlagen übergeben und sehen uns unverändert in der Kronzeugenrolle.“

Europäische Konsequenzen

Der Schienenbranche könnte neben den Ermittlungen in Deutschland auch in anderen Ländern sowie auf europäischer Ebene Ungemach drohen. Denn die EU-Wettbewerbshüter stoßen sich an der marktbeherrschenden Stellung einzelner Unternehmen im Infrastruktursektor. So hat die voestalpine in den Niederlanden einen hundertprozentigen Marktanteil im Schienenbereich, in Österreich beträgt er rund 90 Prozent, und auch in der Schweiz liegt er im sehr hohen zweistelligen Bereich. Die Bedeutung dieses Geschäftszweigs für die voestalpine ist enorm. Rund 2,5 Milliarden Euro des Umsatzes werden hier erwirtschaftet, und zirka 8.000 Mitarbeiter sind in den Branchen-Unternehmen tätig.

Der ebenfalls ins Visier geratene Stahlkonzern Thyssen Krupp geht im Kartellskandal einen anderen Weg und zieht sich demonstrativ aus den Ausschreibungen der Deutschen Bahn zurück, wohl um auf Distanz zu den übrigen Beschuldigten zu gehen. Allerdings rollten wie bei der voestalpine auch bei Thyssen Köpfe. Ob die Strategie aufgeht, bleibt fraglich. Denn für die Ermittler sollen die freigesetzten Manager gute Informationsquellen sein. Hinterfragt wird jetzt, ob auch die Vorstandsetagen der Muttergesellschaften der Kartellfirmen über die Machenschaften Bescheid wussten. Der FORMAT-Informant gibt an, dass die ominöse Excel-Liste sehr wohl der Führungsebene vorgelegt wurde.

Ausweitung der Ermittlungen

Hinzu kommt, dass nach den Schienen nun auch Absprachen bei Weichen und Eisenbahndrähten aufs Tapet kommen. Auch hier zählt die voestalpine zu Europas größten Anbietern. Auf FORMAT-Anfrage wollte die zuständige Staatsanwaltschaft Bochum, wo deutschlandweit schwere Wirtschaftskriminalfälle gebündelt bearbeitet werden, nicht bestätigen, dass die Ermittlungen auf andere Bereiche oder Länder ausgeweitet werden. Allerdings gibt es zahlreiche konkrete Hinweise, wonach über ein Rechtshilfeansuchen an Österreich nachgedacht wird, um Zeugen zu befragen oder die Untersuchungen vorantreiben zu können.

– Florian Horcicka

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