Porträt: Helena Morrissey, 9-fache Mutter und eine der mächtigsten Frauen der britischen Finanzwelt

Helena Morrissey ist eine der mächtigsten Frauen der britischen Finanzwelt. Sie herrscht über 43 Milliarden Pfund. Sie hat neun Kinder. Und sie kämpft für einen höheren Frauenanteil in Führungsetagen.

Wenn sie an den schlimmsten Moment ihrer Karriere denkt, muss Helena Morrissey jetzt grinsen. Vor 20 Jahren war das, sie hatte gerade ihr erstes Kind bekommen und arbeitete als einzige Frau in einem Team von 16 Fondshändlern beim Londoner Investmenthaus Schroders. Als sie aus dem Mutterschutz zurückkam, stand eigentlich eine Beförderung an. Den Job bekam ein anderer, und Morrissey beschwerte sich. "Mein Chef sagte, ich sei als junge Mutter der Aufgabe nicht gewachsen.“

400 Mitarbeiter, 43 Milliarden Pfund

Morrisseys Grinsen heute ist berechtigt, denn viel mehr hätte sich ihr damaliger Chef kaum irren können. Heute ist die 45-Jährige eine der mächtigsten Frauen der britischen Finanzwelt. Seit mehr als zehn Jahren leitet sie die Londoner Vermögensverwaltung Newton. In dieser Zeit konnte sie das Kapital verdoppeln, das reiche Kunden dem Unternehmen anvertrauen. Morrissey herrscht über 43 Milliarden Pfund und 400 Mitarbeiter. Wie sie das hinbekommt, ist etwas rätselhaft. Denn nebenbei hat sie auch noch neun Kinder: sechs Mädchen und drei Jungs im Alter von 2 bis 20 Jahren.

Frauen-Vorkämpferin

Als wäre sie damit nicht ausgelastet, hat sich Morrissey noch eine kleine Zusatzherausforderung gestellt: Mit ihrer Initiative "30 % Club“ möchte sie die Frauenquote in britischen Konzernen erhöhen. Bis 2015 sollen 30 Prozent aller Vorstands- und Aufsichtsratsposten der Unternehmen des englischen Aktienindex FTSE-100 mit Frauen besetzt sein. Frustration ist dabei ihr Hauptmotiv: "Ich war ziemlich genervt davon, dass alle immer über Diversity und Frauenförderung sprachen, aber sich einfach nichts änderte.“

Der Club der 30%

Also nahm Morrissey die Sache vor zwei Jahren selbst in die Hand. Sie trommelte eine Gruppe von 25 Managerinnen zusammen, die gemeinsam den "30 % Club“ leiten. Sie überredete prominente Aufsichtsratsvorsitzende wie Win Bischoff von der Bank Lloyds oder David Tyler vom Supermarktkonzern Sainsbury’s, die Initiative zu unterstützen. "Mir war von Anfang an klar, dass wir Männer mit ins Boot holen müssen.“ Gerade die traditionell gestrickten Unternehmen - Morrissey nennt sie "die Dinosaurier-Fraktion“ - würden nur auf Männer hören.

Bei ihrer Überzeugungsarbeit hilft der Engländerin vermutlich auch, dass sie so gar nicht dem Klischee der verbissenen Kampf-Feministin entspricht. In Hosen bekommt man Morrissey höchstens beim Sport zu Gesicht. Stattdessen hat sie eine Vorliebe für teure Designerkleider und Tiffany-Goldschmuck. Zum Gespräch mit FORMAT erscheint sie in einem schwarzen, engen Kleid und verboten hohen schwarzen Samtpumps. Mitten im Gespräch rutscht sie aus dem rechten Schuh. "Entschuldigung, aber diese Schuhe habe ich zu eng gekauft, ziehe sie aber trotzdem immer wieder an, weil sie so schick sind.“ Man stelle sich vor, Erste-Group-Boss Andreas Treichl würde so etwas sagen.

Die Mitarbeiter lieben sie

Es ist fast unheimlich, wie beliebt Morrissey bei Newton ist. "Ich habe in der Firma noch nie ein schlechtes Wort über Helena gehört“, sagt ein Mitarbeiter. Die Chefin sei zur Empfangssekretärin ebenso freundlich wie zu einem wichtigen Fondsmanager, vergreife sich nie im Ton und sei trotz ihrer Position sehr nahbar geblieben. Wie eine Mutter irgendwie. Unterschätzen sollte man die Managerin deswegen nicht. Sie weiß genau, was wie will und was nicht. Zum Beispiel die Frauenquote: "Eine gesetzliche Quote würde jede Frau unter Generalverdacht stellen, nur wegen ihres Geschlechts den Job bekommen zu haben.“ Stattdessen sollen sich die Unternehmen freiwillig zu mehr Frauen an der Spitze verpflichten.

Als Morrissey den "30 % Club“ vor knapp zwei Jahren startete, lag die Frauenquote in den Chefetagen der britischen FTSE-100-Konzerne bei 12,5 Prozent. Bis zum Ende des Jahres will Morrissey die 20-Prozent-Grenze knacken. Das könnte sogar klappen. Fast jede dritte Neubesetzung geht jetzt schon an eine Frau. 32 Aufsichtsratschefs haben sich bislang verpflichtet, die Initiative zu unterstützen. "Selbst im ‚Dinosaurier-Camp‘ gibt es ein Umdenken: Die wollen wohl nicht eines Tages als letzter rein männlicher Vorstand gebrandmarkt werden.“

Immer wieder hört Morrissey die Ausrede, man würde ja gern Frauen befördern, aber es mangele an Talenten. Die Managerin hält das für Unsinn. "Um die 30 Prozent erreichen zu können, brauchen wir nur noch 100 oder 150 weitere Frauen.“ Und die seien ja wohl locker zu finden. Trotzdem kann auch sie nicht leugnen, dass viele Frauen irgendwann vom Karriereweg abkommen. Eine Teilschuld würden die Frauen selber tragen. "Männer verbringen eine Stunde am Tag damit, ihren nächsten Karriereschritt zu planen“, behauptet sie. Frauen würden sich dagegen zu sehr darauf verlassen, dass sich ihre gute Arbeit von selbst auszahle. Der häufigste Grund für den Karriereknick trage allerdings Windeln und schreie viel.

Wie also hat es Morrissey geschafft, trotz ihrer neun Kinder auf den Vorstandssitz von Newton zu kommen? Auf die Frage gibt es mehrere Antworten. Eine davon lautet: Morrissey ist eine Streberin. Schon in der Schule war sie Klassenbeste, zum Studium ging sie nach Cambridge, wo sie von der Investmentfirma Schroders noch vor dem Abschluss abgeworben wurde. Drei Jahre war sie für Schroders in New York tätig, anschließend wurde sie zur Fondsmanagerin in London befördert. Sie arbeitete hart und lang. Umso entrüsteter war sie, als Schroders sie bei der Beförderung überging. Morrissey glaubt, damals die wichtigste Entscheidung ihrer Karriere gefällt zu haben: Statt gegen die Männerfront zu kämpfen, wechselte sie 1994 zu Newton. Sie würde jeder Frau raten, es genauso zu machen: "Es bringt nichts, allein gegen verknöcherte Systeme anzugehen.“

Mit jedem Kind besser

Bei ihrem neuen Arbeitgeber Newton fand sie ihren Mentor, Firmengründer Stewart Newton. "Helena ist eine außergewöhnlich intelligente Frau, sehr flexibel und extrem teamfähig“, sagt der Manager, der 2001 seine Firma an Bank of New York Mellon verkaufte. Morrissey wurde seine Nachfolgerin als Vorstandsvorsitzende, ihm sei gleich gewesen, dass seine Mitarbeiterin am laufenden Band Kinder bekam. "Irgendwie wurde sie mit jedem Kind besser“, sagt Newton. Morrissey lacht, als sie das hört. "Ob das hundertprozentig stimmt, da bin ich mir nicht sicher, aber als Mutter lernt man, Prioritäten zu setzen.“ Beim ersten Kind vor 20 Jahren war es noch Geldmangel, der sie direkt wieder an den Schreibtisch zwang. "Mein Mann und ich hatten eine Wohnung abzubezahlen, der Hypothekenzins lag bei 15 Prozent.“ Mit jedem weiteren Kind habe sie sich mehr und mehr an die Zeitnot gewöhnt.

"Mein Leben ist getaktet wie eine Militäroperation“, sagt sie. Ihre beiden ältesten Kinder sind schon ausgezogen, mit den restlichen sieben Sprösslingen und ihrem Mann wohnt sie unter der Woche in einem Haus mit vier Schlafzimmern im Londoner Stadtteil Notting Hill. So verliert sie wenig Zeit auf dem Weg zur Arbeit. Die Wochenenden verbringt die Familie in einem größeren Haus auf dem Land. Morgens um fünf Uhr klingelt ihr Wecker. "Dann geht es zwei Stunden zu wie bei jeder anderen Familie morgens: Wo ist mein Schuh? Wer macht mir Toast?“ Den Kindertransport zu Schulen und Kindergarten teilt sie sich mit ihrem Mann und einem Kindermädchen. Um acht Uhr sitzt sie am Schreibtisch.

Den Haushalt schmeißt ihr Mann Richard. "Beim vierten Kind haben wir uns überlegt, dass es keinen Sinn macht, wenn wir beide arbeiten.“ Richard kündigte seinen Job als Finanzjournalist und arbeitete anfangs noch als Freiberufler von zuhause. "Mit jedem Kind blieb ihm weniger Zeit, und irgendwann ließ er es ganz bleiben.“ Morrissey sagt, ihr sei das damals wie eine ganz normale Entscheidung vorgekommen, dass ihr Mann zuhause bleibt - und nicht sie. "Erst später ist mir aufgefallen, wie ungewöhnlich das ist.“ Sie habe großes Glück. "Er ist ein buddhistischer Priester, meditiert viel und führt ein erfülltes Leben, auch ohne einen bezahlten Beruf.“

iPhone, um nichts zu verpassen

Ihr selbst, gibt Morrissey zu, schwirre oft ganz schön der Kopf. Zum Abendessen versucht sie zuhause zu sein, danach kümmert sie sich um die Märkte in New York. Manchmal verstecken ihre Kinder ihren BlackBerry. "Es gibt schon Tage, an denen ich das Gefühl habe, zuhause etwas zu verpassen.“ Generell gibt sie sich Mühe, bei den wichtigsten Momenten ihrer Kinder dabei zu sein. Das klappt nicht immer. Als ihr fünfjähriger Sohn bei einem Rhetorikwettbewerb ins Finale kam, nahm Richard seine Rede mit dem iPhone auf. Morrissey schaute sie sich später an.

Noch vor ein paar Jahren habe sie sich gescheut, so viele Details aus ihrem Privatleben preiszugeben. "Aber dann habe ich begriffen, dass es meine Pflicht ist, Frauen als Vorbild zu helfen.“ Dabei gehe es nicht nur um Fairness. "Ich bin überzeugt, die Finanzkrise wäre so nie passiert, wenn mehr Frauen in den Chefetagen großer Banken gesessen hätten.“ Oft reiche schon die Anwesenheit einer Frau, damit sich das Klima in den Chefetagen ändert: "Männer benehmen sich einfach besser, wenn eine Frau im Raum sitzt.“

Helena Morrissey muss dagegen jetzt den Konferenzraum verlassen, der nächste Termin drängt. Ein zehntes Kind sei nicht in Planung, sagt sie: "Ich glaube, ich habe genug für den Fortbestand der Menschheit geleistet.“

- Tina Kaiser

Industrie 4.0 und das flexiblere Arbeiten: Die Vorzüge der Automatisierung kommen mit verbesserter Kommunikation zwischen Maschinen noch besser zum Einsatz.
 

Business

Wegbereiter einer neuen Industrie

Boom oder Crash? Unternehmen brechen durch die Kämpfe in der Ukraine und im Nahen Osten Exportmärkte weg. In Österreich macht sich die Sorge vor einer neuen Krise breit.
 

Business

Comeback der Krise?

Innovationskraft: Forschung und Entwicklung sind die Grundlage des Erfolgs der heimischen Industriebetriebe.
 

Business

Innovation - der wichtigste Rohstoff