Penninger: "Auch die Lotterien sollten die Wissenschaft fördern"

Top-Forscher Penninger über jüngste Erfolge, die Bedeutung von Geld und die heimische Forschungslandschaft.

FORMAT: Herr Professor Penninger, wann wird ein Medikament, das auf Ergebnissen Ihrer Forschungsarbeit in der Brustkrebsbekämpfung beruht, auf den Markt kommen?

Josef Penninger: Das Wunderbare an unserer Entdeckung ist, dass es bereits ein Medikament gibt. Denn vor wenigen Monaten kam in den USA und in Europa ein monoklonaler Antikörper auf den Markt, der das Protein RANKL blockiert. Die Substanz ist unter dem Namen Denosumab für die Behandlung von Osteoporose und Knochenschwund bei Prostatakrebs zugelassen. Normalerweise dauert es viele Jahre, bis man ein Medikament entwickeln kann.

FORMAT: Wann wird man dieses Medikament flächendeckend gegen Brustkrebs einsetzen können?

Penninger: Man muss nun kontrollierte klinische Studien machen, um zu testen, ob unsere Idee – Blockierung von RANKL kann Brustkrebs verhindern – auch für Menschen gilt. Ich hoffe, dass das bald passieren wird.

FORMAT: Wie vielen Patientinnen weltweit kann man damit helfen?

Penninger: In Europa etwa erkrankt jede achte Frau im Lauf ihres Lebens an Brustkrebs. In vielen Fällen liegt die Ursache für die Erkrankung in der Einnahme von synthetischen Progesteronen im Zuge einer Hormonersatztherapie oder zur hormonellen Empfängnisverhütung. Umfangreiche Langzeitstudien haben den Zusammenhang klar aufgezeigt. Es handelt sich also um Millionen von Frauen, denen man helfen kann. Da wir nun den Mechanismus der Tumorentstehung kennen, sind auch vorbeugende Maßnahmen denkbar.

FORMAT: Wie funktioniert die Finanzierung dieses konkreten Projektes?

Penninger: Es ist über eine EU-Förderung finanziert und natürlich im Rahmen meines Institutes IMBA durch die Akademie der Wissenschaften.

FORMAT: Ihre Firma Apeiron hat ja vor kurzem einen Riesenerfolg erzielt, als sie die Lizenz für APNO1 an den Pharmakonzern GlaxoSmithKline verkauft hat. Wann wird es da ein Medikament gegen Lungenversagen geben?

Penninger: Das hängt von den klinischen Studien ab. APN01 soll nächstes Jahr in Phase II gehen, das heißt, es wird an Menschen mit akutem Lungenversagen getestet.

FORMAT: Wie viel Geld ist von Glaxo schon an Apeiron geflossen?

Penninger: Alle Gesellschafter haben beschlossen, das geflossene Geld in Apeiron zu belassen, um neue Projekte zu entwickeln. Wir haben etwa ein Projekt, um das eigene Immunsystem „scharf zu stellen“, damit es Krebs abstößt. Bei Mäusen funktioniert es bereits. Die Idee dahinter ist natürlich, Apeiron mit soliden Projekten auf dem Aktienmarkt zu platzieren.

FORMAT: Welche anderen Forschungen betreiben Sie an Ihrem Institut zurzeit?

Penninger: Wir haben am Institut eine Gruppe von Weltklasse-Forschern, die an neuer RNA Biology, Stammzellen und Erkrankungsmodellen arbeiten. Das sind auch die drei Themen, in denen wir uns strategisch positioniert haben und mit denen wir in der internationalen Champions League der Wissenschaft spielen.

FORMAT: Wo werden wir den nächsten Durchbruch Ihrer Forschung erleben?

Penninger: Wenn ich das vorhersagen könnte … Wir haben aber schon eine sehr interessante Sache in Arbeit, die nächsten Monat in „Cell“ publiziert wird; die Leute werden sehr überrascht sein.

FORMAT: Wie schwierig ist es, in Ihrer Branche an Geld zu kommen?

Penninger: Es ist nicht einfach. Wenn man aber gute und solide Arbeit macht, ist es auch hier möglich. Es gibt in Österreich viele kluge Leute, die verstehen, warum Wissenschaften und Firmengründungen essenziell für unsere Zukunft sind, und die auch noch nicht im oft ansteckenden Zynismus und Neid verloren gegangen sind. Ich glaube fest daran, dass wir es in Österreich genauso gut wie anderswo schaffen können – wir haben es ja bereits gezeigt.

FORMAT: Hat sich die Situation in den letzten Jahren verbessert?

Penninger: In den letzten Jahren hätte man in Österreich viel mehr machen sollen und auch machen können. Andere Länder geben wahnsinnig Gas, das werden in Zukunft die Länder mit den guten Jobs sein. Ich würde mir wirklich wünschen, dass man aufhört, Bildung und Forschung parteipolitisch zu instrumentalisieren. Einige Politiker haben aber auch erkannt, wie wichtig Forschung ist. Sie haben auch die richtigen Maßnahmen gesetzt. Beispiel: die neue Infrastruktur-Initiative vom Wissenschaftsministerium und der Stadt Wien an unserem Campus.

FORMAT: Wissen Sie, wie viel Sie mit Ihrer Forschung schon verdient haben?

Penninger: Noch fast gar nichts, da wir das Geld für Apeiron in der Firma gelassen haben, um neue Produkte zu entwickeln.

FORMAT: Wie wichtig ist Ihnen Geld überhaupt?

Penninger: Statussymbole waren mir immer suspekt. Mein erstes Auto habe ich mit 36 Jahren gekauft, wegen der Kinder. Vorher bin ich nur mit dem Fahrrad gefahren. Jetzt fahre ich einen Prius Elektro- Hybrid. Wie viele „Ziegel“ muss man besitzen, um glücklich zu sein?

FORMAT: Helfen Ihnen Ihre Kontakte zur Politik, um an Geld zu kommen?

Penninger: Schön wär’s. Ich musste mir alles erarbeiten, erst als Student in Innsbruck, der manchmal kaum Geld zum Essen hatte und auf Baustellen gearbeitet hat. Dann 13 Jahre in Amerika, wo nur Leistung gezählt hat, und nun wieder in Wien, wo wir IMBA von einer Idee zu einem der Top-Forschungsinstitute in der Welt entwickelt haben. Ich nütze natürlich meinen Status, um Forschung populär zu machen und die Politik zu überzeugen, wie wichtig Bildung und Wissenschaften sind.

FORMAT: Wie viel mehr Mittel für die heimische Forschung wünschen Sie sich?

Penninger: Wir brauchen eine Forschungsmilliarde.

FORMAT: Wo sollte die Regierung dafür sparen?

Penninger: Gar nicht. Man könnte Zigarettensteuern für Gesundheitsforschung einsetzen oder den Lotterien sagen, dass sie nicht nur Sport, sondern auch die Wissenschaft fördern. Außerdem wäre es denkbar, dass 50 Prozent des Einkommens für Wissenschaftssponsoring abgeschrieben werden können. Dadurch würde man privates Geld in die Wissenschaft ziehen, das sonst niemals zirkulieren würde.

FORMAT: Wie beurteilen Sie die Situation an den heimischen Universitäten?

Penninger: Kritisch. Es ist Zeit, dass etwas Positives passiert.

FORMAT: Medizinstudenten verkaufen ihre Studienplätze – was leiten Sie daraus ab?

Penninger: Dass diese Studenten einmal gute Wirtschaftsstudenten werden.

FORMAT: Streben Sie einen Nobelpreis an?

Penninger: Ich habe meinen „persönlichen Nobelpreis“ schon bekommen: dass ich mit meiner Forschung dazu beitragen durfte, dass ein völlig neues Medikament für Knochenschwund entwickelt wurde, das bereits verfügbar ist. Und dasselbe Medikament könnte eines Tages zur Prävention von Brustkrebs verwendet werden. Was kann es Besseres in der Karriere geben?

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