Osteuropa: Hohe Arbeitslosigkeit und Reformen geben den Ton an

Im nächsten Jahr schaffen es alle Länder Mittel- und Osteuropas aus der Rezession. Das Wachstum ist im Schnitt mit drei Prozent noch moderat. Fehlende Finanzspritzen verhindern ein Zünden des Turbos.

Edel und beeindruckend thront die Blaue Moschee über der pulsierenden türkischen Stadt Istanbul. Ihr Bau riss zwar im 17. Jahrhundert ein riesiges Loch in die Staatskasse, sie ist jedoch ein Symbol für die Stärke des Landes. Auch 2011 bleibt die Türkei als Tor zum Nahen Osten die wichtigste Wachstumsregion Osteuropas.

Die Voraussetzungen könnten nicht besser sein: Das Land punktet in den Städten mit einer jungen, konsumstarken Bevölkerung, das Bankensystem ist von der Finanzkrise praktisch unberührt, mittelständische Familienunternehmen fördern den Binnenkonsum und schaffen immer öfter den Sprung in den globalen Wettbewerb. In Zahlen: Mit einer Wachstumsrate von sieben Prozent ist die Türkei heuer das fruchtbarste Land im Osten. Im nächsten Jahr soll sie genau wie die Ukraine mit etwas gedämpfteren 4,5 Prozent weiterwachsen. Nicht von ungefähr ist die Türkei derzeit neben Russland auch eines der Schwergewichte in den meisten Osteuropa-Aktienfonds.

So dynamisch ist der Rest Osteuropas noch nicht unterwegs. Die Auswirkungen der Finanzkrise müssen weiterhin verdaut werden. Auf der Tagesordnung von Staaten wie Tschechien, Ungarn, Rumänien und Polen steht die Sanierung der Haushalte. Die teils drastischen Lohnkürzungen und Steuererhöhungen sind wesentlich einschneidender als in Österreich. Günter Geyer, Generaldirektor der Vienna Insurance Group: „Die Menschen in Osteuropa haben eine andere Schmerzgrenze.

In Rumänien hat man etwa den Beamten 25 Prozent des Einkommens gekürzt. Das sind sehr starke Eingriffe, die bei uns in Österreich überhaupt nicht möglich wären. In Osteuropa wird trotzdem weitergearbeitet“ (siehe Interview ). Vor allem die hohe Arbeitslosigkeit macht vielen Staaten zu schaffen. Im nächsten Jahr werden in ganz Osteuropa durchschnittlich 13 Prozent ohne Job dastehen, wobei vor allem potenzielle EU-Kandidatenländer wie Mazedonien (33 Prozent), Bosnien (30 Prozent) und Serbien (22 Prozent) mit einer extrem hohen Arbeitslosenrate kämpfen.

Dazu kommt, dass die Kredite nach wie vor knapp und teuer sind. Kleine und mittlere Betriebe sind aber von Darlehen abhängig, da sie sich nicht über den Kapitalmarkt finanzieren können. Investitionen aus dem Ausland, die zuletzt ausblieben, könnten im nächsten Jahr das Zünglein an der Waage sein. Derzeit sind die Leistungsbilanzdefizite aber nach wie vor hoch, und sie sollen nach Schätzungen des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) 2011 auch noch weiter anwachsen.

Problemfall Rumänien

Zu den Sorgenkindern zählt vor allem Rumänien, das 2011 den Kredit des Internationalen Währungsfonds tilgen muss. Das eigentliche Problem ist die schwache Binnennachfrage, die 60 bis 70 Prozent des Bruttoninlandsprodukts (BIP) ausmacht und damit der Schlüsselfaktor ist. Durch die starken Kürzungen sind die Menschen dort wenig geneigt, ihr Geld auszugeben. Im nächsten Jahr ist es die Hauptaufgabe Rumäniens, rasch wieder auf den Wachstumspfad zurückzukehren. Mit einer entschlossenen Regierung, die derzeit nicht in Sicht ist, wäre das vielleicht sogar möglich. Schließlich beträgt die Verschuldung erst 35,5 Prozent des BIP.

Ungarn ist mit 78,3 Prozent des BIP weitaus höher verschuldet und kämpft ebenfalls mit einem niedrigen Wirtschaftswachstum. Die neue Regierung des Rechtspopulisten Viktor Orbán sorgt mit Plänen, das Vermögen der privaten Pensionskassen ins Budget zu übertragen, für Aufruhr – Polen diskutiert eine ähnliche Reform. Die durch Wahlversprechen initiierten Steuersenkungen haben bereits ein Riesenloch ins Budget gerissen, das Orbán mit Sondersteuern flicken möchte.

Mit 1. Jänner 2011 wird das Interesse verstärkt Ungarn gelten, denn dann übernimmt das Land den EU-Vorsitz. Sandor Richter, wiiw-Experte: „Da sitzen jetzt teilweise wegen der Wahl unerfahrene neue Leute in den Ministerien. Das könnte sich negativ auswirken.“ Ein heikles Thema für die ungarische Ratspräsidentschaft wird die Ausweitung des finanziellen Rettungsschirms für marode Euro-Mitglieder. Neue Regeln bei Fiskaldefiziten stehen ebenfalls 2011 auf der Tagesordnung, Ungarn will auch die Romafrage diskutieren. Im zweiten Halbjahr ist dann Polen an der Reihe.

Und noch ein Ereignis wird zu Beginn des Jahres für Aufmerksamkeit sorgen: Estland ist mit Jänner Teil der Eurozone. Weitere Euro-Kandidaten sind allerdings in weite Ferne gerückt. Ähnlich ruhig sieht es bei der EU-Erweiterung aus. Bis auf Kroatien, das wahrscheinlich 2012 oder 2013 den Sprung in die Union schafft, drängen sich im Osten keine Beitrittskandidaten auf. Schuld daran ist nicht zuletzt die schwierige Finanzsituation, mit der die EU derzeit zu kämpfen hat. Neue Kandidaten werden sich in Zukunft einer viel genaueren Prüfung unterziehen müssen, auch der Beitrittskandidat Türkei dürfte trotz starker Wirtschaftszahlen 2011 weiter auf der Wartebank sitzen bleiben.

Ostbörsen mit Potenzial

Weitaus erfreulicher ist der Blick auf die osteuropäischen Aktienmärkte. Vor allem Estland, die Türkei und die Ukraine konnten heuer mit deutlichen Zuwächsen überzeugen. Berndt May, JPMorgan-Österreich-Chef: „Für uns ist die Türkei 2011 eines der am stärksten gewichteten Länder in unseren Depots. In Russland bevorzugen wir binnenwirtschaftsorientierte Aktienunternehmen, Kasachstan könnte im Energiesektor interessant sein.“ Chancen sieht Hannes Andreas Karre, Manager des Nebenwertefonds Bawag-PSK Osteuropa Small Cap Stock, auch in Zentraleuropa: „Wir sind in Polen mit 30 Prozent gewichtet, aber auch Tschechien gefällt uns aufgrund der niedrigen Verschuldung gut. Unser Fokus liegt auf Unternehmen, die Güter des täglichen Bedarfs produzieren.“

Fazit: Vom pulsierenden Wachstum wie in anderen Schwellenländern kann Osteuropa mit einigen Ausnahmen derzeit nur träumen. Die Euphorie fehlt noch, aber ein sanftes Glühen wird langsam bemerkbar. Bis der Motor wieder voll auf Touren rennt, ist das Jahr 2011 allerdings schon Geschichte.

– Ingrid Krawarik

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