Organisierte Banden aus Rumänien
erbetteln in Österreich Millionen

Organisierte Bettlerbanden machen in Österreich gute Geschäfte. Neue Gesetze und Plakate in Supermärkten sollen helfen, das Problem zu bekämpfen.

Alina ist 23 Jahre alt. Mit ihren Fingern zeigt die junge Frau ihr Alter. Deutsch spricht sie kaum, aber für ihre Arbeit braucht sie es nicht besser zu können. Die flehend dargebrachten Worte „bitte, bitte!“ reichen. Alina ist Bettlerin. Meist steht sie vor der Billa-Filiale in der Wiener Weyringergasse. In ihren Händen hält die mit einem schmutzigen Wollpullover und einem zerrissenen Rock bekleidete Roma eine vergilbte Ausgabe der Obdachlosenzeitung „Augustin“. Aber Alina ist nicht obdachlos. Die schwarzhaarige Zigeunerin wohnt irgendwo in Wien, in einer Wohnung, sagt sie, nur in welchem Bezirk, das weiß sie nicht so genau.

Menschen wie Alina sind für Österreich ein großes Problem, sagt Gerald Tatzgern, Leiter des Büros für Menschenhandel und Schlepperwesen im Bundeskriminalamt. Nicht, weil sie eine direkte Gefahr darstellten, sondern weil sie Opfer von organisierten Banden sind. „Wir haben es mit Profis zu tun, die Bettler unter schrecklichen Bedingungen für sich arbeiten lassen“.

Ein Geschäftsmodell, das sich – rein wirtschaftlich betrachtet – lohnt: Betteln ist ein Millionen-Business. Wobei die in Österreich erschnorrten Millionen nicht bei den Bedürftigen landen, sondern überwiegend in Dörfern in Rumänien und Bulgarien, wo sich „Zigeunerbarone“ davon noble Villen errichten lassen. Vor allem deswegen sollen schärfere Gesetze dieser organisierten Bettelei einen Riegel vorschieben, ab Mai treten nun etwa in der Steiermark neue Regeln in Kraft. Auch Handelsketten versuchen immer häufiger, mit Plakaten das Problem in den Griff zu bekommen.

Arme Bettler, reiche Banden

In Österreich gehen je nach Jahreszeit zwischen 8.000 und 12.000 Menschen betteln, die Hälfte davon in Wien. „Gelegenheitsbettler“, die sich nur dann auf die Straße stellen, wenn sie ihre Miete nicht mehr zahlen können und gar keinen anderen mehr Ausweg sehen, gibt es auch. Aber es sind Menschen wie Alina, die der Polizei Kopfzerbrechen bereiten, weil sie schamlos ausgebeutet werden und weil dieser organisierte Geschäftszweig Ausmaße angenommen hat, die die schlimmsten Befürchtungen der Exekutive haben wahr werden lassen. „Die Grenzen sind ja völlig offen, und Bettlern aus Rumänien und Bulgarien sind damit Tür und Tor geöffnet“, stöhnt Oberst Tatzgern.

Mit acht Millionen Menschen stellt das Volk der Sinti und Roma die größte Minderheit in Europa, die mit der Osterweiterung Teil der EU geworden ist. „Viele kommen für wenige Tage und Wochen, manche bleiben über Jahre.“ Und: „Einige Tausend“ halten sich nach Schätzungen Tatzgerns derzeit in Österreich auf.

Ein Bettler bringt es am Tag auf 50 bis 80 Euro. Laut den Ermittlern besteht ein Ring im Schnitt aus 20 Personen. Das bedeutet pro Gruppierung also mindestens 1.000 Euro am Tag und 30.000 Euro im Monat. Schätzungen von Experten zufolge könnten österreichweit auf diese Weise pro Jahr bis zu 50 Millionen Euro zusammenkommen. Die Hintermänner kassieren also groß ab. Ihnen die schon jetzt verbotene organisierte Bettelei nachzuweisen ist schwierig und kostet Zeit. Oft werden die Bettler monatelang observiert. Es wird beobachtet, wie sie zur Arbeit kommen, wer sie dort absetzt und wo sie wohnen. Auch Telefonate werden abgehört.

Im Vorjahr gelang der Wiener Polizei ein Coup: Nach einer von langer Hand vorbereiteten Observation kam es zu 17 Verhaftungen, 80 Bettler flogen auf. „In Rumänien wird ihnen jetzt der Prozess gemacht“, berichtet Tatzgern, der aber betont, dass diese Bettler selbst Opfer seien, von mächtigen Roma-Clans billig ins Ausland verhökert.

Nach Österreich verkauft

Das Geschäftsmodell hat in den letzten Jahren Schule gemacht. Der Großteil der Sinti und Roma fristet in den Dörfern ihrer Heimat ein tristes Dasein, also gehen sie freiwillig. Davor gibt es ein Telefonat zwischen einem Mittelsmann in Österreich und einem „Zigeunerbaron“ etwa in Rumänien. Dieses läuft wie folgt ab: „Ich brauche einen Bettler, am besten einen ohne Bein oder einen Blinden, der bringt mehr.“ „Ja, gut, ich habe einen in meinem Dorf, dem beide Beine amputiert worden sind. Du kannst ihn für 4.000 Euro haben.“ „Ich kann dir jetzt nur 2.500 Euro geben.“ „Okay, 2.500 Euro. Aber ich will am Gewinn beteiligt sein. Wir sollen alle an ihm verdienen.“

Der Mittelsmann hat oft selbst rumänische Wurzeln, ist in Österreich gut integriert und spricht – im Gegensatz zu den Bettlern – fließend Deutsch. Er organisiert für seine rund zwanzig „Mitarbeiter“ eine Bleibe, meist eine heruntergekommene Wohnung, wo die Bettler aneinandergepfercht wie Tiere hausen. Das Erschreckende daran: Die Vermieter – häufig Österreicher – wissen, dass diese Leute in ihren Wohnungen leben, doch weil sie für ihre Dreckslöcher schwer Mieter finden, ist ihnen jeder Bewohner recht.

Je mehr jemand von der Straße nachhause bringt, desto besser wird er oder sie behandelt. „Wer viel Geld bringt, darf im Bett schlafen. Wer wenig bringt, muss wie ein Hund am Boden oder an der Bettkante schlafen“, erzählt Tatzgern. Alle Bettler werden von Watchdogs, also Aufpassern, überwacht. Ein Aufpasser kontrolliert meist fünf Bettler. Ist er mit ihrer Leistung unzufrieden, schlägt er zu – sogar, wenn der Bettler behindert ist. Auch ein gesunder Bettler nimmt die Schläge wehrlos hin. Denn in seiner Heimat ist es für ihn oft noch schlimmer, dort muss er bei Minusgraden mit leerem Magen im Freien schlafen. Demgegenüber ist sogar das unwürdige Leben in Österreich noch angenehmer. Und 100 Euro pro Monat darf sich jeder Bettler behalten.

Aktion scharf

Neue Gesetze sollen das Betteln nun gänzlich unterbinden – womit sich die Frage, ob es sich tatsächlich um organisierte oder nur gelegentliche Bettelei handelt, nicht mehr stellt. Einige Bundesländer haben schon Ernst gemacht. In Salzburg ist es untersagt, an einem öffentlichen Ort zu betteln. Selbst Bettler, die von Haus zu Haus gehen, riskieren Strafen bis zu 500 Euro. So sie nicht zahlen, droht eine Woche Haft. In Tirol ist die Bettelei ebenfalls verboten, dort können gar zwei Wochen hinter Gittern ausgefasst werden. Die Steiermark untersagt das Betteln ab Mai praktisch ganz, es drohen bis zu 2.000 Euro Strafe.

Auch in Niederösterreich kann das Schnorren teuer kommen: Seit Dezember ist ein Verbot in Kraft. Die Strafhöhe liegt bei bis zu 1.000 Euro, ebenso in Wien, wo Betteln zwar erlaubt ist, nicht aber „gewerbsmäßig“ und „aggressiv“ oder mit Kindern. In Vorarlberg ist Betteln seit 1948 untersagt: Gesammelt werden darf nur mit Bewilligung. Sammlungen für „persönliche Zwecke“ zur „Linderung der eigenen Not“ sind untersagt. Im Burgenland gibt es noch kein einschlägiges Gesetz. In Oberösterreich soll in wenigen Wochen ein Bettelverbot kommen, auch in Kärnten wird ein zweiter Anlauf unternommen.

Mittlerweile haben auch manche Handelsketten, vor allem Lebensmittelhändler, den immer zahlreicher auftretenden Bettlern den Kampf angesagt. Sie fühlen sich belästigt und fürchten, die Bettler könnten Kunden vergraulen. Der Diskonter Hofer ist vorgeprescht und hat in Kooperation mit Wirtschaftskammer und Polizei Plakate angebracht, die auf das Problem der organisierten Bettelei aufmerksam machen und dazu raten, nichts zu geben. Auch Billa und Spar haben in exponierten Filialen Plakate angebracht. Vor der Billa-Filiale in der Wiener Weyringergasse hängt ein solches Plakat aber nicht. Alina wird dort wohl noch länger für andere betteln.

Umfrage: Sind Sie für ein Bettelverbot?

– Silvia Jelincic

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