OMV-Boss Wolfgang Ruttenstorfer: "An meinem Sessel wird absolut nicht gesägt"

Der OMV-Boss über Gerüchte um seinen vorzeitigen Rücktritt, die Notwendigkeit, auch in einem erfolgsverwöhnten Konzern zu sparen, und die Konzentration auf Gas und Strom.

Format: Es halten sich Gerüchte, Sie könnten heuer noch die OMV verlassen. Haben Sie das Gefühl, dass an Ihrem Sessel gesägt wird?
Ruttenstorfer: Absolut nein.
Format: Wie erklären Sie sich solche Spekulationen?
Ruttenstorfer: Die sind unbegründet.
Format: Im OMV-Aufsichtsrat wird vermutet, die Insideraffäre könnte eine Intrige sein. Können Sie sich vorstellen, dass jemand gegen Sie gezielt tätig ist?
Ruttenstorfer: Das kann ich mir nicht vorstellen.
Format: Warum wurde bereits im März der Wechsel an der OMV-Spitze für April 2011 bekannt gegeben? Erhält man so nicht ein Ablaufdatum?
Ruttenstorfer: Es ist eine sehr gute Entscheidung, dass mir Gerhard Roiss nachfolgen wird. Er ist nicht nur ein exzellenter Manager, sondern auch absolut von unserer Strategie überzeugt. Das garantiert wirkliche Kontinuität und Stärke in der Führung. Es war absolut richtig, das bereits zu kommunizieren, um hier jegliche Unsicherheit im Unternehmen zu vermeiden. Sonst wäre nämlich zwei Jahre diskutiert worden.

"Es gibt immer schwierige Zeiten"
Format: Das Ganze ist auf Ihr Bestreben passiert?
Ruttenstorfer: Selbstverständlich.
Format: Heuer ist Ihr achtes Jahr an der Spitze. Ist es ein verflixtes Jahr?
Ruttenstorfer: Das heurige Jahr ist für die gesamte österreichische Wirtschaft eine Herausforderung. Ich würde aber nicht sagen, es ist ein verflixtes Jahr. Ich bin seit 1976 in der OMV, ich habe so was schon erlebt: 1981, zu Beginn der 90er-Jahre, und jetzt passiert es wieder. Es gibt immer schwierige Zeiten, und wir sind immer gestärkt daraus hervorgegangen.

"Bis 2010 Kosten um 300 Millionen Euro senken"
Format: The name of the game sei Kostensenkung, haben Sie bei der Präsentation der Halbjahreszahlen gesagt. Wo spart man bei der OMV?
Ruttenstorfer: Es gibt mannigfaltige Möglichkeiten, die Kosten noch besser zu gestalten. Wir haben uns als Ziel gesetzt, die Kosten bis 2010 um insgesamt 300 Millionen Euro zu senken. Das bezieht sich auf alle Arten von Kosten.
Format: Wie viel bringt es denn an Einsparungen, dass alle OMV-Standorte in Wien an einem Ort zusammengefasst sind?
Ruttenstorfer: Mehrere Millionen Euro. Das ist aber eher ein kleiner Punkt.

"Schwäche der Realwirtschaft noch nicht vorbei"
Format: Wann erwarten Sie sich ein Anziehen der Konjunktur?
Ruttenstorfer: Ich könnte sagen, das passiert bereits. Aber eine wirkliche Besserung in Mittel- und Südosteuropa und der Türkei, basierend auf Daten, kann ich nicht berichten. Der Abschwung ist zu Ende, aber die Schwäche der Realwirtschaft ist noch nicht vorbei.
Format: Wird man die OMV bald eher als Gas-, weniger als Ölkonzern sehen?
Ruttenstorfer: Das werden die Leute wahrscheinlich viele Jahre nicht machen, weil sie die Tankstellen sehen und glauben, die OMV sind die Tankstellen. In Wirklichkeit sind die Tankstellen für uns eine sehr kleine Aktivität, und die wirklichen Cashflows und Erträge werden in der Exploration und Produktion und im Gasgeschäft erzielt. Neben Öl und Gas investieren wir selektiv auch in Strom. Vor kurzer Zeit haben wir den Grundstein für ein 860-Megawatt-Kraftwerk in Rumänien gelegt.

"Die Türkei hat eine ganz junge Bevölkerung"
Format: Was ist die Zielgröße für das Tankstellennetz in Österreich?
Ruttenstorfer: Sicher weniger, als wir heute haben. Wie ich Anfang der 90er-Jahre Vertriebschef war, hatten wir in Österreich 1.200, 1.300 Tankstellen, jetzt sind es 500, und es geht in Richtung weniger.
Format: Wie laufen die Verhandlungen in der Türkei zur Übernahme von Petrol Ofisi?
Ruttenstorfer: Wir bemühen uns, möglichst bald zu einer Klärung zu kommen, ob es überhaupt sinnvoll ist, unseren Anteil zu erhöhen, oder ob wir bei der bisherigen Zusammenarbeit bleiben.
Format: Was macht ein Tankstellennetz in der Türkei interessanter als eines in Österreich?
Ruttenstorfer: Dass es dort 100 Autos je tausend Einwohner gibt und in Österreich 500. Das heißt, das Potenzial ist riesig, die Türkei hat eine ganz junge Bevölkerung und ist ein hochinteressanter Markt. Wobei es in der Türkei nicht nur um Tankstellen und Gas geht. Die Türkei stellt für uns auch eine Brücke zu den Öl- und Gasvorräten der angrenzenden Regionen dar. Unser Ziel ist es, diesen Energiekorridor vom Kaspischen Meer nach Mitteleuropa zu eröffnen und auszubauen.

"Ich glaube an die Elektromobilität"
Format: Können Sie sich vorstellen, in der Türkei mit dem Verbund zusammen Kraftwerke zu bauen?
Ruttenstorfer: Eine Zusammenarbeit ist möglich.
Format: Gibt es schon Gespräche?
Ruttenstorfer: Wir reden ab und an, derzeit haben wir unsere eigenen Pläne.
Format: Hat der Einstieg ins Stromgeschäft auch damit zu tun, dass künftig weniger Sprit verbraucht wird, weil die Leute mehr mit Strom fahren?
Ruttenstorfer: Ich glaube an die Elektromobilität, zumindest in einem gewissen Radius, und bin davon überzeugt, dass das in und um die Städte kommen wird. Wir stellen uns bereits auf diese Zeit ein. Wir konzentrieren unsere Tankstellen, setzen auf Mobilitätszentren. Letztlich richten wir unser Geschäft von Öl über Gas in Richtung Strom aus.

Von Miriam Koch

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