Österreichs Unternehmen stehen in der Krise besser da als erwartet

Das Wetterleuchten der herannahenden Krise ist in den meisten österreichischen Unternehmen noch nicht zu sehen. Die Geschäfte laufen, und die Konzernbosse beklagen das Herbeireden des Abschwungs. Still und leise bereitet sich aber auch die Realwirtschaft schon auf schwere Zeiten vor.

Krise, Schuldenchaos, Rezession, kollabierende Börsenkurse, der Euro in Gefahr. Seit Wochen beherrschen düstere Bilder die Öffentlichkeit, die Ängste bei Konsumenten und Beschäftigten auslösen und Panik bei Anlegern. Die Situation der Weltwirtschaft ist tatsächlich ernst, und in Europa sind die Sorgen umso berechtigter. Da klingt es nach Realitätsverweigerung, wenn viele Unternehmensführer mangelnden Optimismus beklagen.

Aber der vordergründige Widerspruch hat erklärbare Ursachen. Viele österreichische Unternehmen verdienen inmitten des Kanonendonners prächtig, sie investieren und glänzen mit guten Finanzdaten. Selbst in den letzten Wochen, als die Krise schon als unübersehbares Menetekel an der Wand stand, gelangen noch achtbare Erfolge in der heimischen Unternehmenslandschaft. So konnte die C-Quadrat Kapitalanlage AG vom deutschen Versicherungsriesen Talanx (Gerling, Hannover) Managementmandate für Vermögen im Volumen von rund 300 Millionen Euro akquirieren. Der Autozulieferer Miba verlautbarte Steigerungen bei Umsatz und Gewinn, ebenso die Handelsgruppe Spar. Der Feuerfestkonzern RHI heizt gegen brasilianische Konkurrenten kräftig ein.

Krise, na und? Dieser einfache Befund drängt sich bei der Beobachtung von Geschäftsverläufen in österreichischen Konzernen, aber auch in kleineren Familienbetrieben auf.

Wahrnehmungs-Schere

Zwischen der Meldungslage und der tatsächlichen Situation in Österreichs Unternehmen herrscht im Moment ein krasses Ungleichgewicht. Während die europäische Politik der drohende Kollaps der Währungsunion auf Trab hält, wird hierzulande ordentlich gewirtschaftet, verkauft und verdient. Sind wir wirklich die berühmte Insel der Seligen, oder kommt das dicke Ende für die heimische Realwirtschaft erst noch?

Im Moment weist darauf wenig hin. So erfreut etwa der Anlagenbauer Andritz mit einem satten Gewinn von 4,09 Euro pro Aktie und weiterem Potenzial nach oben. In ähnlichen Regionen bewegen sich die Raiffeisen Bank International und der Mineralölriese OMV. Sogar beim Cateringkonzern Do & Co, der als Dienstleister besonders verwundbar ist, stiegen die konzernweiten Umsätze im Jahresabstand um 14,5 Prozent auf 116,9 Millionen Euro. Die Liste der Erfolgsmeldungen ließe sich beliebig fortführen und umfasst nicht nur die börsennotierten Paradeunternehmen, sondern auch Bau- und Immobilienfirmen wie die Soravia-Gruppe. Die war vor kurzem noch in Finanznöten und berichtet jetzt über hervorragende Geschäfte auf dem österreichischen Markt.

Sogar in Osteuropa geht für Soravia wieder was, wie ein 55 Millionen Euro schweres Hotel- und Büroprojekt in Serbien beweist. Sacher-Chefin Elisabeth Gürtler stemmte gar die Übernahme des Traditionshauses Bristol.

Viele Branchen vermelden noch satte Umsatzzuwächse, die Arbeitslosigkeit geht weiterhin zurück, und der Autohandel wird das stärkste Jahr der Geschichte verzeichnen. Doch auch die Unternehmen wissen: Das wird nicht auf ewig so bleiben. Sie rüsten sich sehr wohl schon für die kommenden schweren Zeiten. So werden emsig Rücklagen gebildet und Reserven aufgebaut. Teils werden riskante Projekte auf Eis gelegt – so etwa Attila Dogudans ehrgeizige Pläne, das Olympia-Catering in London zu übernehmen. Die voestalpine setzt – wie andere Industriekonzerne auch – trotz der aktuell hohen Gewinne Effizienz- und Kostensenkungsprogramme um.

Daneben kämpfen die Bosse gegen Panikmache und für das Vertrauen der Menschen in die Wirtschaft. So macht etwa Sacher-Chefin Gürtler ihrem Ärger energisch Luft: „Man kann eine Krise, etwa im Tourismus, auch herbeireden. Es ist sehr dumm, alles krankzureden.“ Und der Generalsekretär der Industriellenvereinigung, Christoph Neumayer, setzt nach: „Wir erleben ein hohes Maß an Verunsicherung, was die weitere Entwicklung auf den Weltmärkten betrifft. Steuererhöhungsdiskussionen in Österreich sind ebenso wenig hilfreich.“

Erfolgsfaktoren

Constantia-Packaging-Vorstandschef Hanno Bästlein ist in der glücklichen Lage, dass sein Verpackungskonzern floriert. Doch auch er erhebt seine mahnende Stimme und fordert Taten: „Die hohe Staatsverschuldung der Industrieländer und die daraus resultierenden Volatilitäten der Kapitalmärkte stellen enorme Belastungen für eine gesunde Wirtschaftsentwicklung sowie für die künftige politische und gesellschaftliche Stabilität dar. Die Augen vor den Realitäten zu verschließen wird nicht helfen. Je früher wir uns den Herausforderungen stellen, desto bessere Chancen haben wir.“

Der Vorteil für die Manager: Diesmal kommt das Wirtschaftsgewitter nicht so plötzlich wie 2008. Das gibt Zeit, bewährte Krisenmechanismen zu nutzen. Österreichs Unternehmen profitierten bereits während der letzten Krise nach Platzen der US-Immobilienblase und Lehman-Crash von ihrer Innovationskraft und dem Produktivitätsvorteil gegenüber vielen ausländischen Konkurrenten. Daneben erweist sich nun der Konsum als Stütze. Derzeit geht die Umsatzentwicklung sowohl im Lebensmittelhandel als auch bei den Sportartiklern nach oben. Nicht zuletzt die Diskonter profitieren in wirtschaftlich angespannten Zeiten überdurchschnittlich.

Die Wahrnehmungsschere zwischen dem Realzustand der Wirtschaft und den düsteren Vorahnungen lässt fast vergessen, dass es Unternehmen und Wirtschaftszweige gibt, die gerade in Krisenzeiten zulegen können. Neben den Diskontern sind das zum Beispiel Ersatzteil-Lieferanten für Industrieanlagen. Nicht ohne Grund verstärkt etwa die britische Brammer-Gruppe, Europas größter Ersatzteilhändler, ihr Engagement in Österreich mit einem eigenen Tochterunternehmen.

Trotzdem: Die Einschätzungen der Konjunkturforscher verheißen nichts Gutes. Die Vorboten des globalen Wirtschaftsabschwungs haben Österreich erreicht und zeigen sich in deutlichen Rückgängen im jüngsten Wifo-Konjunkturtest. „Ein Abreißen der Konjunktur können wir bisher nicht feststellen, aber es geht ohne Zweifel nach unten“, so Wirtschaftsforscher Marcus Scheiblecker. „Wir reden nicht von einer Rezession, können aber nicht ausschließen, dass es in einem Quartal einmal ein negatives Vorzeichen gibt.“

Stimmungsbarometer

Für die künftige Performance der heimischen Firmen wird vor allem rasches Handeln entscheidend sein. Bereits jetzt werden vielerorts Investitionen evaluiert und Neueinstellungen genau überlegt – als Teil der Vorsorgeprogramme in vielen Unternehmen. Auf die Arbeitslosigkeit hat dies bislang keine merkbaren negativen Auswirkungen. Ende August waren 219.247 Menschen in Österreich arbeitslos gemeldet, um nur 0,4 Prozent mehr als vor einem Jahr.

Zugleich ist aber die Zahl der Schulungsteilnehmer um 8.651 auf 54.214 Personen gesunken. Rechnet man sie zu den Arbeitslosen dazu, gab es einen Rückgang um 2,8 Prozent. „Die Situation ist vor allem mit dem höheren Angebot an Arbeitskräften zu erklären“, meint AMS-Chef Herbert Buchinger. Die Nachfrage von Unternehmensseite sei weiter hoch: Immerhin ist die Beschäftigung um 1,5 Prozent auf 3,484 Millionen Personen gestiegen. Erst vor drei Wochen hat Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl vor einem drohenden Facharbeitermangel gewarnt, der die Industrieproduktion massiv behindern könnte. Was den Fokus auf noch zu erledigende Hausaufgaben der Politik lenkt.

Denn gerade die Industrie moniert seit Jahren eklatante Ausbildungsdefizite. Und jetzt, unmittelbar vor einer möglichen gefährlichen Wirtschaftskrise, werden die Versäumnisse immer schmerzhafter. IV-General Neumayer beklagt: „Um den Standort Österreich international wettbewerbsfähiger zu machen, brauchen wir Verbesserungen bei der Bildung. Hier muss die Politik Vertrauen geben und Leadership zeigen.“ Ähnlich der Tenor bei dringend notwendigen Reformen im (Früh-)Pensions- und Gesundheitsbereich. Fazit mancher erboster Firmenlenker: Wenn Österreich die bevorstehenden Konjunktur-Gewitterwolken halbwegs geregelt überstehen will, dann müsse sofort gehandelt und dürfe nicht endlos gestritten werden.

Keine Insel der Seligen

Allen Maßnahmen der Krisenabwehr zum Trotz drohen vor allem Gefahren von außen. Gegen heftige Währungsschwankungen, Banken-Zusammenbrüche und schwindendes Anlegervertrauen sind auch die bestaufgestellten Unternehmen nahezu machtlos. Vor allem die exportorientierte Industrie des Landes bangt um ihre künftige Wettbewerbsfähigkeit. Der noch immer starke Euro verteuert etwa KTM-Motorräder in Übersee ebenso wie Erzeugnisse der Grundstoffindustrie oder internationale Dienstleistungen. Aber die Auftragsbücher müssen wenigstens eine Zeit lang noch prall gefüllt bleiben. Nicht umsonst sucht die voestalpine derzeit mit aller Macht eine Einigung mit der Deutschen Bahn rund um das heikle Schienen-Kartellverfahren. Millionenschwere Einzelkunden bleiben die wichtigsten Assets im Kampf gegen das Abrutschen aufs Wachstums-Abstellgleis.

Ein starkes Argument für das Durchhaltevermögen der heimischen Wirtschaft sind die zahlreichen Klein- und Mittelbetriebe – meist in familiärer Hand. Aufgrund ihrer regionalen Verankerung haben sie bessere Voraussetzungen, um die schlimmsten Konjunkturdellen abzufangen.

Und die einbrechende Konjunktur führt auch zu Preisabschwüngen bei Rohstoffen. Spätestens beim voraussichtlich bald sinkenden Ölpreis profitieren nicht nur Transporteure und Logistiker, sondern auch Österreichs Konsumenten.

Fazit: Die heimischen Betriebe sind generell gut gewappnet, soweit das eben möglich ist. Einzelne Branchen werden mit kräftigen Einbrüchen zu kämpfen haben – aber der Großteil dürfte die schmerzlichen Lektionen aus den letzten Jahren gelernt haben. Industriellenvereinigungs-Generalsekretär Neumayer bringt es auf den Punkt: „Die Unternehmen sind im internationalen Wettbewerb gut positioniert, teilweise Weltmarktführer in ihren Nischen.“

Nach außen wird mit Verweis auf die guten Zahlen Krisenstimmung vermieden. In Strategiesitzungen werden aber die Vorbereitungen schon getroffen: Man baut die Lager ab, legt Kurzarbeitskonzepte vorsorglich in die Schublade, beschäftigt mehr Leiharbeiter und überlegt, welche Vergünstigungen gestrichen werden könnten. Den Fuß haben viele Unternehmen schon auf der Bremse.

– Florian Horcicka

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