Österreichs Industrie ist wieder auf Wachstumskurs

Verdoppelter Gewinn bei der Voest, Rekord bei Lenzing: Österreichs Industrie hat sich heuer aus der Talsohle von 2009 herausgearbeitet. Aufschwung-Motor ist der Export nach Asien. Das bleibt – gedämpft – auch 2011 so.

Der sonst eher emotionslos analysierende Ökonom Christian Helmenstein hat einen Traum: Bis über Weihnachten und den Dreikönigstag soll der Schnee der vergangenen Wochen bleiben, das bringt die Konsumenten in Shoppinglaune und den Skiorten volle Betten. Februar und März dann eine Tauwetterperiode, damit am Bau gearbeitet werden kann. Zu Ostern im April bitte noch einmal Schnee, um dem Wintertourismus volle Kassen zu bescheren. „Ein solches Wetterszenario wäre ideal für Österreichs Konjunktur“, schwärmt der Chefvolkswirt der Industriellenvereinigung.

Doch auch ohne Hilfe von oben sieht es für die heimische Konjunktur gut aus. Vor allem Österreichs Industrie hat sich heuer aus der Talsohle von 2009 herausgearbeitet und ist auf Wachstumskurs. Faserhersteller Lenzing steuert auf ein Rekordergebnis zu, allein in den ersten drei Quartalen 2010 stieg der Umsatz um 400 Millionen Euro. Die voestalpine konnte den Umsatz in den ersten sechs Monaten des (schiefen) Geschäftsjahres um 24 Prozent steigern, das operative Ergebnis wurde schlicht verzehnfacht. Für das Gesamtjahr peilt Voest-Chef Wolfgang Eder eine Verdoppelung des Gewinnes auf stolze 760 Millionen Euro an.

Antreiber Export

„Die kräftige Erholung der heimischen Wirtschaft in diesem Jahr ist vor allem durch die exportorientierte Industrie getrieben“, analysiert Stefan Bruckbauer, Chefökonom der Bank Austria, „seit mittlerweile einem Jahr befindet sich die österreichische Industrie im Aufwind.“ Er erwartet, dass die Industrieproduktion heuer insgesamt um sechs Prozent zulegt und damit den Hauptteil zum BIP-Wachstum von voraussichtlich 1,9 Prozent beiträgt.

Kein Zufall also, dass das Ranking der diesjährigen Top-Performer im obersten Wiener Börsensegment ATX von gleich sechs Industriebetrieben angeführt wird: Schoeller Bleckmann, RHI, Andritz, Semperit, Voest und Zumtobel. Was alle gemeinsam haben: Exportquoten jenseits der 80 Prozent – und infolgedessen heuer Kurssteigerungen zwischen 36 und 80 Prozent.

„Jetzt zahlt sich aus, dass viele heimische Betriebe schon vor der Krise in ihre Wettbewerbsfähigkeit investiert und die Ausgaben für Forschung und Entwicklung angehoben haben“, sagt Volkswirt Christian Helmenstein. Und auch das österreichische Kriseninstrument der Kurzarbeit hat sich bewährt. Während etwa in Frankreich radikal Jobs gekürzt und Mitarbeiter nachhause geschickt wurden, blieb in Österreich ein großer Teil der Kollegen über Kurzarbeit an Bord. Die Folge: Während Frankreichs Unternehmen erst mühsam und aufwendig Kapazitäten aufbauen mussten, konnte Österreichs Industrie blitzschnell auf Vollbetrieb umstellen.

Das Schwungrad für die Fahrt aus der Talsohle ist Asien. Vor allem die Nachfrage aus China zieht Österreichs Konjunkturlokomotive. Und so gehören zu den Siegern 2009 vor allem Unternehmen, deren Hauptmarkt Asien ist oder die indirekt, als Zulieferer deutscher Konzerne, dorthin liefern.

Umsatzmotor Asien

Zum Beispiel Lenzing: Der Faserhersteller produziert seit einem Vierteljahrhundert in Indonesien, seit vier Jahren gibt es ein Werk im chinesischen Nanjing. Längst ist Asien der wichtigste Markt für den Konzern, dort wird die Hälfte des Umsatzes erzielt. Das Ergebnis: „Wir liegen weit über den Umsätzen, die wir vor der Krise Ende 2008 hatten“, bestätigt Lenzing-CEO Peter Untersperger. Auch Anlagenbauer Andritz macht mehr als ein Drittel seines Geschäftes in Asien, entsprechend gut ist der Geschäftsverlauf.

Die guten Daten von Lenzing und Co dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Großteil der Unternehmen vom Vorkrisenniveau noch deutlich entfernt ist. Die Kapazitätsauslastung der Industrie hat gerade einmal 83 Prozent erreicht, den langjährigen Mittelwert.

Vor allem die Bauwirtschaft kommt nicht recht in Fahrt. Im Gegenteil: Nach einem bereits schlechten Jahr 2009 brachen heuer die Umsätze nochmals um mehr als elf Prozent ein. „Die Bauwirtschaft ist die Achillesferse der Volkswirtschaft“, urteilt auch IV-Experte Helmenstein.

Die Baufirmen spüren, dass die Unternehmen bei Neuinvestitionen noch zurückhaltend sind. „Die Betriebe haben in der Krise zunächst ihre Lager abgebaut, diese wurden jetzt wieder aufgefüllt. Aber es ist noch nicht so weit, dass eine zusätzliche Lagerhalle errichtet wird“, skizziert Volkswirt Bruckbauer den Konjunkturzyklus.

Der gute Lauf der österreichischen Industrie wird auch 2011 weitergehen, allerdings mit gedrosseltem Tempo. Der Aufschwung wird sich fortsetzen, seine Dynamik aber nachlassen – darin sind sich die Experten einig. Der Aufholeffekt nach der Krise ist verbraucht, in den meisten Schwellenländern wird sich das Wachstum verlangsamen, der Staat als Auftraggeber fällt angesichts von Sparpaketen weitgehend aus, Unternehmen sind bei Erweiterungsinvestitionen weiterhin vorsichtig.

Dennoch: „Die globale Wirtschaft wächst weiter“, ist Christian Helmenstein überzeugt. Bei einer weltweiten Analyse im Sommer hatte der IV-Experte insgesamt 58 Länder mit einer Wachstumsrate von mehr als vier Prozent identifiziert, zuletzt waren es bereits mehr als 70. Helmenstein erwartet daher für 2011 ein Plus bei der österreichischen Industrieproduktion von vier Prozent, Bank-Austria-Mann Bruckbauer rechnet sogar mit fünf Prozent.

Manager wie Voest-Chef Wolfgang Eder sind mit weniger Euphorie ohnehin glücklicher. „Mir ist ein moderates, dafür aber kontinuierliches Wachstum lieber als erratische Aufschwünge, die die Gefahr der Überhitzung in sich bergen. Auch bei uns wachsen die Bäume nicht in den Himmel.“

– Arne Johannsen

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