Österreichische Unternehmen in den CEE-Ländern: Trotz Krise herrscht Zuversicht

Wie sieht es in Zentral- und Osteuropa neun Monate nach dem Ausbruch der Finanzkrise wirklich aus? FORMAT macht sich mit der Hilfe von Unternehmenschefs auf die Spurensuche.

Es war ein Gedanke, der Martin Essl vom Bauhandelsunternehmen bauMax durchfuhr und nicht mehr losließ. Damals, vor 20 Jahren, als er kurz nach dem Fall der Mauer durch Osteuropa reiste. „Die brauchen uns“, schoss es Essl durch den Kopf. „Denn die Häuser waren in einem katastrophalen Zustand, vieles desolat.“ So begann bauMax 1990 trotz Rechtsunsicherheit, in Ungarn und der ­damaligen Tschechoslowakei Filialen zu eröffnen. Mittlerweile ist die niederösterreichische Kette in acht zentral- und südosteuropäischen Ländern Marktführer. Die Essls waren nicht die einzigen österreichischen Ost-Pioniere. Viele rotweißrote Firmen erkannten die Marktchancen, machten sich auf Eroberungs-tour vor der Haustür, expandierten zuerst in die Nachbarländer und dann noch weiter Richtung Osten. Sie schufen Arbeitsplätze, steigerten ihre Umsätze und Ergebnisse rasant. Und sie trugen dazu bei, ­Österreich zum zweitgrößten Investor in der Region zu machen.

Mit den Bossen in den Osten
Es war eine Erfolgsstory – zumindest bis zum September des Vorjahres. Dann hinterließ die Finanzkrise deutliche Spuren in der Region, manche Analysten sahen ganz Osteuropa inklusive Österreich dem Untergang geweiht. Doch wie ist die Lage wirklich? Und wer könnte das besser wissen als die Betroffenen selbst? Aus diesem Grund hat sich FORMAT in einer Serie aufgemacht, die verschiedenen osteuropäischen Länder in Lokalaugenschein zu nehmen – in prominenter Begleitung: Mit Boris Nemsic ging es etwa durch Moskau , mit Raiffeisen-International-Chef Herbert ­Stepic nach Albanien, mit S&T-Vorstand Christian Rosner in die Ukraine. Der ­Sukkus der Bosse: „Wir lassen uns nicht entmutigen.“ Trotz allem.

Einbruch mit Folgen
Seit rund neun Mo­naten, so Josef Pöschl und Vasily Astrov vom Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw), leiden Osteuropas Industrieproduktion und Außenhandel unter dem Nachfrageeinbruch. Die Verschlechterung der Wirtschaftslage bringt steigende Arbeitslosigkeit mit sich. Auch was die Wirtschaftsprognosen angeht, sieht es in Osteuropa – ähnlich wie im Rest der Welt – wenig rosig aus: Polen und Bulgarien halten sich heuer mit einem Minus von rund 1,5 Prozent noch am besten, am schlimmsten wütet die Krise in den baltischen Staaten. Hier wird die Wirtschaft rund 15 Prozent weniger produzieren. Estland, Lettland und Litauen sollen auch im kommenden Jahr noch schrumpfen, während in den anderen Oststaaten meist wieder leichtes Wachstum angesagt sein sollte.

Lettland in Not
Derzeit macht Lettland den Experten ziemliches Kopfzerbrechen. Die Regierung kämpft gegen eine Abwertung der Landeswährung Lat zum Euro und versucht die Auslandsschulden in den Griff zu bekommen. Mitglieder der polnischen Notenbank warnten bereits vor der Gefahr, dass die gesamte Region in Mitleidenschaft gezogen wird und forderten deshalb mehr internationale Unterstützung für den kleinen EU-Staat. Das größere Sorgenkind der Region ist aber weiterhin die Ukraine: Nach wie vor ist unklar, wie es politisch und damit auch wirtschaftlich weitergeht. Um minus zehn Prozent soll die Wirtschaft heuer schrumpfen, im kommenden Jahr wird ein weiterer Rückgang von rund vier Prozent erwartet. Dennoch wundert sich vor Ort S&T-Chef Rosner: „Erstaunlicherweise ist das Land ein Musterschüler unter den S&T-Ländern im Osten.“

Optimistische Unternehmen
Überhaupt verbreiten viele Bosse und Unternehmen mehr Optimismus als Ökonomen: Peter Oswald, Chef des Papierkonzerns Mondi, glaubt, Polen, Tschechien, die Slowakei und zum Teil Russland würden als Gewinner aus der Wirtschaftskrise kommen. Für Mondi sei Osteuropa weiterhin „Motor für zukünftiges Wachstum“, sagt er. Die Drogeriemarkt-Kette dm, die von Österreich aus das Osteuropa-Geschäft steuert, hat vor kurzem eine weitere Filiale in Rumänien eröffnet. „Wir konnten unsere Expansion hier weiter beschleunigen, trotz der schwierigen Wirtschaftslage und einer nicht ganz einfachen Situation ein überdurchschnittliches Wachstum rea­lisieren, die Marktanteile konnten stark ausgebaut werden“, sagt Martin Engelmann, Vorsitzender der dm-Geschäftsführung Österreich. Die oberösterreichische Asamer-Gruppe steckt 105 Millionen Euro in ein Zementwerk in Bosnien. Mayr-Melnhof hat vor wenigen Wochen das größte Holzwerk Russlands eröffnet, Stroh Rum versucht ebenfalls, in Russland Fuß zu fassen, das Möbelhaus Kika eröffnete unlängst den ersten Shop in Moskau.

"Lage ist ernst"
Für Kurt Bayer, Direktor der Osteuropa-Bank EBRD, ist „die Situation aber nach wie vor sehr ernst“. Im Zuge des rasanten Aufholprozesses der letzten 20 Jahre ist auch die Verschuldung der Staaten und der Haushalte stark gestiegen. Fremdwährungskredite machen in Estland und Lettland über 80 Prozent der Gesamtkredite aus, in Ländern wie Ungarn, Rumänien und der Ukraine liegen sie deutlich über 50 Prozent. Durch Währungsabwertungen entsteht zusätzlicher Druck. Der Kreditversicherer Coface hat unlängst die Einstufung für die meisten osteuropäischen Länder verschlechtert. Nur die Bewertungen für Kroatien und die Slowakei bleiben unverändert. Mit Mitteln aus dem Internationalen Währungsfonds und der Osteuropa-Bank EBRD (allein die Osteuropa-Bank hat heuer ihr Investitionsvolumen auf sieben Milliarden Euro aufgestockt) ist es bislang gelungen, schwelende Brände im Osten rechtzeitig zu löschen. „Ich gehe davon aus, dass die bisher zur Verfügung gestellten Mittel ausreichend sind“, sagt Finanz-Staatssekretär Reinhold Lopatka. Er war in den vergangenen Wochen oft in Osteuropa-Fragen unterwegs, unter anderem bei der EBRD in London. „Entwarnung kann man noch nicht geben“, sagt Lopatka. Denn wie sich die Krise auf die Realwirtschaft auswirkt, ist noch unklar. Daten des wiiw zeigen, dass sich der Zufluss der Direktinvestitionen in Osteuropa 2008 nur noch in Slowenien, Rumänien, Albanien und Russland erhöhte (siehe Tabelle ) .

Vorteil für Österreich
Österreich hat lange von der Dynamik im Osten profitiert: 150.000 Arbeitsplätze sind hierzulande dank der Ostöffnung entstanden. Mehr als ein Fünftel des Handels, den Österreich mit anderen Ländern treibt, sind Geschäfte mit Osteuropa (siehe Tabelle ) . „Österreich ist zweifelsfrei einer der größten Gewinner der Entwicklung der letzten 20 Jahre in Mittel- und Osteuropa. Wir müssen alles daransetzen, in führender Position in Osteuropa zu bleiben“, sagt Lopatka. Denn nur so würden wir vom Aufschwung Ost besonders stark profitieren. Bis es wirklich aufwärts geht, wird es noch ein steiniger Weg sein, vor allem für die Banken. „Wenn wir aufhören, Kredite zu vergeben, bekommen wir ein Problem. Entweder wir gedeihen mit diesen Ländern weiter, oder wir gehen gemeinsam unter“, meint Andreas Treichl, Chef der Erste Group. Man kann es auch anders sagen: Osteuropa braucht uns. Und wir es.

Von Miriam Koch

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