Österreicher als Herr über eine Million Leute:
Shell-Tankstellen-Boss Josef Waltl im Porträt

Josef Waltl hat es bei Shell bis an die Spitze gebracht – einst Chef in Österreich, war er zuletzt für weltweit 45.000 Tankstellen zuständig.

Im Jahr 1989 war der Tiroler Josef Waltl der erste Ausländer an der Spitze eines ungarischen Betriebes. Dem Jungmanager war gerade die Leitung der Shell-Tochter Interag übertragen worden, als in Budapest infolge der hohen Benzinpreise die Taxifahrer großflächig zu streiken begannen. Nichts ging mehr, und Waltls Zapfsäulen drohte in der Totalblockade der Saft auszugehen. „Ich musste mit der Streikführung verhandeln“, erzählt der 59-Jährige. Kurz darauf durften 20 seiner gelb-roten Tanklaster – unter großem Medienecho – Richtung Raffinerie passieren. „Vielleicht haben wir damit sogar dazu beigetragen, den Streik zu entschärfen.“ Vieles an der Planwirtschaft kam Waltl verstörend vor. So kannte man in den Bilanzen keine Abschreibung. „Die haben eben alles benutzt, bis es auseinandergefallen ist“, erinnert sich Waltl lächelnd. Aber er lernte in dieser Zeit viel über das Denken in anderen Kulturen – was er später noch gut brauchen sollte.

Größtes globales Retailnetz
Denn Josef Waltl machte bei Shell eine Weltkarriere. Nach unterschiedlichen Stationen, unter anderem als Chef in Österreich und später in Deutschland, wurde er vor drei Jahren – hierzulande mehr oder weniger unbemerkt – der Boss des globalen Tankstellen-Geschäfts. Und dieses beeindruckt allein durch die schiere Größe: 45.000 Tankstellen bilden das größte Vertriebsnetz der Welt. Keine andere Marke, weder McDonald’s noch Walmart, hat so viele Retail-Standorte wie der Konzern mit der gelben Muschel. An den Tankstellen, für die Waltl verantwortlich ist, arbeiten nahezu eine Million Menschen, die täglich Sprit an über zehn Millionen Kunden verkaufen.

Hon Circle-Mitglied nimmt die Bahn
So ein Job erfordert Opfer: „Die letzten Jahre war ich selten länger als drei Wochen am Stück in Europa“, schildert der Mann aus St. Johann in Tirol, dessen Familie in Wien lebt. Nicht umsonst ist der Topmanager Mitglied im „Hon Circle“ der Lufthansa, einem exklusiven Club von Vielfliegern mit mindestens 500.000 Meilen, die per Limousine zum Flugzeug gebracht werden. Waltl ist trotzdem am Boden geblieben und nimmt oft „lieber den Zug zum Flughafen“. Das Spannende an seinem Job sei, „dass einem viele Türen offenstehen“, sagt der Tiroler: „Wenn ich einen Termin in der chinesischen Provinz habe, treffe ich dort den Minister oder zumindest den Bürgermeister.“

"Will etwas zurückgeben" 
Am 1. August feiert Waltl seinen 60er – und den Beginn seiner Pension. Ruhiger will er es dann angehen lassen und wegen seines neuen Mottos „get fit“ häufiger den Schneeberg besteigen als in den vergangenen Jahren. Und: Er möchte in Non-Profit-Organisationen tätig werden. „In den ganzen Jahren hatte ich immer so viel zu tun, dass gesellschaftliches Engagement auf der Strecke geblieben ist. Jetzt will ich etwas zurückgeben, denn ich hatte viel Glück im Leben.“ Vorstellen könnte sich Waltl, seine internationale Vergangenheit zu nutzen, etwa indem er Sprachkurse für Ausländer organisiert, die sich hier integrieren wollen. Aber er ist offen für vieles: „Vielleicht meldet sich ja der eine oder andere Ihrer Leser mit einer Idee.“

Von Arndt Müller

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