Österreich: Die Spitzen-Verdiener

Die millionenschweren Gagen und Boni der Topmanager haben beinahe das Vorkrisenniveau erreicht. Die Gehaltsschere zwischen Normalverdienern und Spitzenkassierern wird wieder größer.

Als hätte es nie eine Krise gegeben: Satte 6,4 Millionen Euro Bonus erhielt Sigi Wolf im Jahr 2010. Zusammen mit seinem Fixum und „sonstiger Vergütung“ erreichte der bis November amtierende Europachef des kanadischen Autozulieferers Magna International rekordverdächtige 10,8 Millionen Euro Gage. Der 50-Jährige kassierte sogar mehr als der bestverdienende DAX-Manager Deutschlands, VW-Chef Martin Winterkorn mit 9,33 Millionen Euro. So sind die Spielregeln im Stronach-Konzern: Im Krisenjahr 2009 verzichteten die Magna-Manager allesamt auf ihre Boni. Im Vorjahr konnte Wolf sein Gehalt wieder um 179 Prozent steigern.

'Ich muss nirgends mehr für Geld arbeiten'

"Was ich will, sind Gestaltungsmöglichkeiten“, erklärte Wolf über Geld als Antriebsfeder in einem FORMAT-Interview, als er vor ein paar Monaten ins Firmen­imperium des russischen Oligarchen Oleg Deripaska einstieg und sich für mehr als acht Millionen Euro ein Zinshaus in der Wiener City leistete.

Die Vergütungspraxis österreichischer Großunternehmen ist nicht mit jener von Magna vergleichbar. Dennoch wird die Diskussion nicht verstummen: Sind Leute wie Sigi Wolf ein Beispiel für Gehaltsexzesse eines ungerechten Systems oder Symbolfiguren für eine dumpfe Neidgesellschaft? Denn auch in Österreich sind die während der Wirtschaftskrise 2009 kräftig eingebrochenen Managergagen im vergangenen Jahr wieder spürbar angewachsen. Die Gehälter der Durchschnittsverdiener hingegen wurden nur moderat erhöht, die Reallöhne sanken sogar.

„Die Managergagen haben nach der Delle 2009 beinahe wieder das Vorkrisenniveau erreicht, und die Bonuszahlungen stiegen aufgrund der erfreulichen Geschäftsentwicklung der Unternehmen“, resümiert Roland Graf, Generalsekretär des Wirtschaftsforums der Führungskräfte (WdF). Doch gleichzeitig warnen Arbeitsmarktexperten: „Die Verteilungs-Schieflage sollte nicht ärger werden. Solch hohe Gagen demotivieren junge Menschen“, sagt Karl Piswanger, Geschäftsführer der Personalberatung Pendl und Piswanger, die für FORMAT in einer exklusiven Studie die Durchschnittsgehälter 2010 für viele Berufe erhoben hat.

Von den großen Ankündigungen der Politik, Managerboni zu beschränken und an langfristige Zielgrößen wie Beschäftigung und Forschungsausgaben zu koppeln, blieb jedenfalls recht wenig. „Ich muss ganz klar feststellen, dass meine Aufrufe zur Mäßigung nicht gehört wurden“, meinte EU-Kommissar Michel Barnier Anfang April.

Streitfall Bankerboni  

Vor allem Spitzenbanker standen während der Finanzkrise im Kreuzfeuer der Kritik. Gehaltsmäßig haben sie keinen Grund zu klagen. Andreas Treichl, Chef der heimischen Erste Group und bestbezahlter Banker des Landes, verdiente – nach einem bonusfreien Jahr – 2010 wieder mehr als eine Million Euro an variablen Bezügen. Insgesamt kam er auf fast 2,8 Millionen Euro und damit eigentlich auf mehr als vor dem Crash, als 2007 seine 4,1-­Millionen-Gage eine einmalige Sonderzahlung von zwei Millionen enthielt. Auch bei einigen Industriemanagern wie Palfinger-Chef Herbert Ortner schlug sich die anziehende Konjunktur positiv aufs Gehaltskonto nieder. Und die Tendenz ist heuer wegen der vielfach sehr gut laufenden Geschäfte weiter steigend: „2010 dürften die Bonuszahlungen im Durchschnitt für Vorstände um 20 Prozent steigen“, meint Maria Smid vom Personalberater Kienbaum.

Ackermann casht 6,5 Mio.Euro

Zwar wirken die Gehälter der österreichischen Topmanager im Vergleich zu Deutschland bescheiden: Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann etwa wurde mit 6,45 Millionen Euro entlohnt. Doch das Nachbarland reagierte schärfer auf die Kritik an der Bezahlung der Topverdiener. Schon Mitte 2009 trat ein Gesetz zur Angemessenheit der Vorstandsvergütung in Kraft, wonach sich Boni am langfristigen Erfolg orientieren müssen und die Vergütung der DAX-Vorstände einzeln ausgewiesen werden muss. Der Stahlkonzern Thyssen­Krupp und der Elektroriese Siemens stellten vergangenes Jahr erstmals auch die Vergütung der Topmanager auf der Hauptversammlung den Aktionären zur Abstimmung.

In Österreich hingegen sind derartige Regeln nur Bestandteil des Corporate-Governance-Kodex. Und dieser ist gesetzlich nicht bindend. Etwa setzen sich langfristige Kennzahlen als Grad für die Auszahlung der Boni nur langsam durch. Aktienoptionen, die als zu kurzfristiger Anreiz für den Vorstand kritisiert wurden, nehmen zwar ab. So hat der Ziegelkonzern Wienerberger sein Aktienoptionsprogramm geändert und stattdessen ein langfristiges Anreizsystem eingeführt. Dennoch sind Unternehmen bei qualitativen Zielgrößen wie Kundenzufriedenheit und Forschungsquote zurückhaltend. Viel eher orientieren sich Bonuszahlungen an Cash-Kenngrößen und Ebit-Margen. Maria Smid: „Es ist spürbar, dass viele Unternehmen ihr Anreizsystem für den Vorstand umstellen wollen. Weil es nicht gesetzlich verankert ist, dauert es aber länger.“

Mangelnde Gehalts-Transarenz bei heimischen Unternehmen

Viele heimische Konzerne weisen nach wie vor die Bezüge ihrer Vorstände nicht einzeln aus – ein Mangel an Transparenz. Und die Entscheidung über die Höhe trifft meist ein verschwiegener Unterausschuss des Aufsichtsrats. Lediglich eine EU-Richtlinie setzte ­Österreich im Herbst um, wonach nur 60 Prozent der Bonuszahlungen von Bankern sofort ausbezahlt werden dürfen, der Rest erst nach fünf Jahren. Kleinaktio­närsvertreter Wilhelm Rasinger: „Auch in Österreich sollten die Vorstandsvergütungen in der Hauptversammlung besprochen werden. Und bei den Bonuszahlungen sollte die Mittel- und Langfristigkeit im Vordergrund stehen. Das Hit-and-Run-Prinzip – ich kriege das Geld, und dann ist mir alles egal – ist nicht sinnvoll.“

Trotzdem: Von einer Obergrenze für Managergehälter und einer Limitierung der steuerlichen Absetzbarkeit, so wie die Arbeiterkammer dies fordert, hält kaum ein Experte etwas. Kienbaum-Expertin Maria Smid sagt zum Beispiel: „Das Gehalt spiegelt die Anerkennung einer Leistung, egal auf welchem Niveau. Auch hohe Summen sind motivierend.“ Und Kollege Karl Piswanger meint: „In Risikobranchen, wo viel Kreativität und Einsatz für neue Produkte erforderlich ist, sind hohe Vergütungen sicher gerechtfertigt.“

Gehaltsschere geht auf  

Das Problem ist nicht die absolute Höhe dessen, was die Spitzenmanager kassieren, sondern die auseinanderklaffende Schere im Vergleich zu weniger privilegierten Einkommensbeziehern. Für 2010 und 2011 wird die Kluft zu Durchschnittsverdienern wieder weiter auseinandergehen. Im vergangenen Jahr stiegen die Gehälter insgesamt im Schnitt um 2,8 Prozent. Topmanager, sprich die erste Führungsebene, konnten sich aber laut WdF über ein Plus von 4,7 Prozent auf dem Gehaltszettel freuen. Pendl & Piswanger rechnen gar mit 7,4 Prozent.

Heuer sollen die Durchschnittsgehälter ebenfalls um zwei bis drei Prozent steigen. Wobei vor allem stark nachgefragte Berufszweige wie Vertriebsexperten und Techniker bei Gehaltserhöhungen gut aussteigen. Dennoch gilt generell: Die unteren Ebenen werden so wie 2010 prozentuell wesentlich weniger bekommen als die erste und zweite Führungs­ebene. „Wenn hier nicht gegengesteuert wird, geht die Einkommensschere zugunsten der Reichen weiter auf“, warnt AK-Präsident Herbert Tumpel. „Vor allem Wenigverdiener können sich nur das Allerwenigste leisten. Und sinkt die Kaufkraft der Menschen, ist das gefährlich für Beschäftigung und Wachstum.“

Ein sinnvoller Ausweg wäre der Vorschlag, den zuletzt der ÖVP-Vordenker und ehemalige Industrieboss Claus Raidl machte: nämlich alle Mitarbeiter mit einem gewissen Prozentsatz gesetzlich verpflichtend am Unternehmensgewinn zu beteiligen. Damit würde nicht nur die Führungsschicht profitieren, wenn es gut läuft, sondern die Gesamtheit der Beschäftigten – und die Kluft würde nicht laufend breiter.

– J. Gucanin, B. Nothegger

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