ÖOC-Präsident Karl Stoss: "Das ÖOC hatte eine Schuhschachtel-Buchhaltung"

Der Präsident wurde von der Dimension der Probleme im Olympia-Verein überrascht. Die Lotterien sind über die Sportförderung größter Geldgeber des ÖOC.

FORMAT: Herr Stoss, wie weit sind Sie mit Ihren Aufräumarbeiten im ÖOC?
Stoss: Ich war jetzt bei den Olympischen Spielen, ich bin kein Wunderwuzzi. Ende März werden Ergebnisse vorliegen.
FORMAT: Es war zuletzt nicht nur von olympischen Erfolgen und Misserfolgen die Rede, sondern auch davon, dass es schwarze Kassen im ÖOC gegeben haben soll und der Verein niemals ordnungsgemäß bilanziert hat.
Stoss: Ich muss das alles erst verifizieren. Wenn etwas unrechtmäßig war, dann wird das auf- und angezeigt.
FORMAT: Wie viele Personen, schätzen Sie, werden angezeigt werden?
Stoss: Vielleicht niemand. Aber nur dann, wenn nichts Unrechtmäßiges geschehen ist.
FORMAT: Wie ist die Bandbreite: von niemand bis zehn, von niemand bis fünf?
Stoss: Keine Ahnung. Man kann jetzt spekulieren, dass einiges schiefgelaufen ist. Da ist mir nicht ganz wohl dabei. Aber das ist meine Aufgabe.

Doppelte Buchhaltung statt Schuhschachtel
FORMAT: Stimmt es, dass Teile der Buchhaltung verschwunden sind?
Stoss: Es sind verschiedene Belege weg. Das betrifft alles, was vor dem Jahr 2006 war. Jetzt kann man nur mühsam anhand von Bankkonten eine Buchhaltung rekonstruieren.
FORMAT: Waren die Daten nicht elektronisch gespeichert?
Stoss: Das war eine Schuhschachtel-Buchhaltung. Deshalb habe ich auch veranlasst, dass ab Jänner die Buchhaltung neu organisiert wird. Weg von einer reinen Einnahmen-Ausgaben-Buchhaltung, hin zu einer doppelten Buchführung, wie sie viele Vereine heute schon haben.
FORMAT: Aber ist es nicht grotesk, dass ein Verein wie das ÖOC eine Schuhschachtel-Buchhaltung hat?
Stoss: Es gibt wahrscheinlich Tausende Vereine, die das so machen. Für einen Verein wie das ÖOC mit einem Gesamtbudget von 2,5 bis 3 Millionen Euro im Jahr ist das sicher unzureichend.
FORMAT: Weiß man, wie viel Geld fehlt?
Stoss: Es fehlt nichts. Die wesentliche Frage ist: Wofür wurde das Geld verwendet? Das arbeiten wir gerade auf.
FORMAT: Es müssen wahrscheinlich einige fürchten, dass etwas ans Tageslicht kommt.
Stoss: Ich wurde Ende 2009 bestellt, ich habe mit diesen Altlasten nichts zu tun. Ich habe aber großes Interesse, dass diese Altlasten nicht mein Problem werden. Daher habe ich in Abstimmung mit dem ÖOC-Vorstand eine Kommission eingesetzt. Da werden wahrscheinlich auch Personen genannt, die Fehler begangen haben. Ich formuliere aber ganz bewusst „wahrscheinlich“, weil ich es einfach nicht von vornherein sagen kann.
FORMAT: Legen Sie für alle Personen im ÖOC die Hand ins Feuer?
Stoss: Außer für meine Frau lege ich für niemanden die Hand ins Feuer.

"Sehr verwundert, dass Ausrüster Geld erhalten"
FORMAT: Wie viel haben Sie bei diesen Spielen jetzt schon mitgestalten können?
Stoss: Gar nichts. Ich war bei den Vorstandssitzungen dabei, als die Athleten nominiert wurden. Das ist das Wichtigste. Ich konnte aber weder Ausrüstung noch sonst was bestimmen. Was ich getan habe, ist, im Österreich-Haus ein bisschen mitzugestalten und Sponsoren dafür zu finden.
FORMAT: Warum bekommt jemand, der das ÖOC-Team ausrüstet, auch noch Geld? In anderen Ländern ist es doch eher so, dass die Ausrüster dafür zahlen, weil sie eine Werbepräsenz erhalten …
Stoss: Ich war auch sehr verwundert, dass das bei uns so ist. Warum, kann ich leider nicht beantworten. Natürlich werden wir das zur Diskussion stellen.
FORMAT: Das heißt, es wird Ausschreibungen geben, und wer das beste Angebot legt, darf die Jacken stellen?
Stoss: So ist es.
FORMAT: Wie viel Geld fließt an die Ausrüster?
Stoss: Es dürfte für alle Sportler und Funktionäre sicher 700.000 bis 800.000 Euro ausmachen. Ich habe die endgültige Abrechnung noch nicht.
FORMAT: Es wurde kritisiert, dass Ihr Cousin das Österreich-Haus geleitet hat.
Stoss: Das stört mich so wenig, wie wenn ein Fahrrad in Peking umfällt. Ich habe gewusst, dass die Kritik kommen würde. Doch der Punkt ist: Er macht das alles gratis, und er ist kanadischer Staatsbürger und kann daher Dinge vor Ort besser organisieren. Wissen Sie, wie schwierig es ist, in Kanada Bewilligungen zu bekommen?

"War mir über Problem-Dimensionen nicht im Klaren"
FORMAT: Wird das ÖOC Geld zurückfordern, wenn man auf Ungereimtheiten stößt?
Stoss: Ja. Es war ja auch so, dass man festgestellt hat, dass Überweisungen geflossen sind, die nicht rechtmäßig waren. Die sind bereits zurückgeflossen.
FORMAT: Können Sie ein Beispiel dafür nennen?
Stoss: Tankstellen- und Telefonabrechnungen des Herrn Jungwirth. Man hat festgestellt, nicht alle waren zweckmäßig für das ÖOC gebunden. Was nicht für das ÖOC gebunden war, hat er zurückgezahlt.
FORMAT: Haben Sie, als Sie den Job annahmen, mit solchen Problemen gerechnet?
Stoss: Wenn ein gesamter Vorstand zurücktritt, hat das schon einen Grund. So ahnungslos bin ich nicht. Ich habe mir schon gedacht, dass das eine oder andere da schiefliegt. Aber über die wirklichen Dimensionen war ich mir nicht im Klaren.
FORMAT: Wie viele Funktionäre sollen zu Olympischen Spielen fahren?
Stoss: Es sollen möglichst viele hinfahren, aber sie sollen es selbst bezahlen. Auch möglichst viele ÖOC-Vorstände sollen fahren, aber auf eigene Kosten. Ich werde tunlichst darauf achten, dass jeder seine Rechnung selbst bezahlt.
FORMAT: Wer hat Ihre Reise nach Vancouver bezahlt?
Stoss: Die Lotterien.
FORMAT: Aber unterm Strich macht es Spaß, ÖOC-Präsident zu sein, oder?
Stoss: Nein. Spaß macht es nicht. Wir leben nicht in einer Spaßgesellschaft. Es macht große Freude. Das ist ein großer Unterschied. Es ist eine sehr ehrenvolle Aufgabe. Man steht wirklich am Olymp, an der Spitze der olympischen Bewegung. An Olympischen Spielen nehmen nur die Besten der Besten teil. Für mein persönliches Glück brauch ich eine solche Präsidentschaft nicht. Denn es ist alles sehr zeitaufwendig, und es ist meine Freizeit. Aber es freut mich, wenn ich durch meine Tätigkeit gestaltende Beiträge für den österreichischen Sport und das ÖOC leisten darf.

Interview: M. Koch, G. Schnabel

Industrie 4.0 und das flexiblere Arbeiten: Die Vorzüge der Automatisierung kommen mit verbesserter Kommunikation zwischen Maschinen noch besser zum Einsatz.
 

Business

Wegbereiter einer neuen Industrie

Boom oder Crash? Unternehmen brechen durch die Kämpfe in der Ukraine und im Nahen Osten Exportmärkte weg. In Österreich macht sich die Sorge vor einer neuen Krise breit.
 

Business

Comeback der Krise?

Innovationskraft: Forschung und Entwicklung sind die Grundlage des Erfolgs der heimischen Industriebetriebe.
 

Business

Innovation - der wichtigste Rohstoff