Ökonom Norbert Walter im Interview

Der Ex-Chefökonom der Deutschen Bank über die Folgen einer Griechen-Pleite, „kopflose“ Finanzakteure und die kommende Rezession der Weltwirtschaft.

FORMAT: Vor genau drei Jahren ist die Lehman-Bank zusammengebrochen und hat die schwerste Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten ausgelöst – was haben wir daraus gelernt?

Walter: Retten haben wir gelernt und dass Retten sehr teuer ist.

FORMAT: Es hieß ja immer, eine Pleite Griechenlands könne ein „Lehman II“ auslösen. Genau das scheint aber inzwischen einkalkuliert zu werden …

Walter: Das ist nicht vergleichbar. Ein Land ist keine Bank. Aber es gibt die Sorge, dass die Insolvenz Griechenlands für eine Reihe von Finanzinstituten existenzgefährdend sein könnte.

FORMAT: Sie selbst rechnen nicht mit dieser Gefahr?

Walter: Ich halte sie durchaus für möglich, trotzdem stört mich die derzeitige Debatte darüber.

FORMAT: Warum?

Walter: Es wäre mir verdammt sympathisch gewesen, wenn die sich für so klug haltenden Akteure an den Finanzmärkten sich mit den zugrunde liegenden Risiken schon früher und intensiver befasst hätten. Wäre das geschehen, müssten sie nicht Assets, in die sie damals ohne nachzudenken investiert haben, heute ebenso kopflos und fluchtartig abstoßen.

FORMAT: Welche Folgen hätte eine Pleite Griechenlands?

Walter: Es ist enttäuschend, dass es immer noch kein geordnetes Insolvenzverfahren für Staaten gibt. Das hätte wesentlich schneller gehen müssen! Noch mal: Es geht um ein Land, um Menschen. Eine Pleite beschneidet den Wohlstand vieler dramatisch, es kann zu Revolten, zu Renationalisierungen großer Unternehmen oder zu Streiks kommen. Die Wirtschaftskraft wäre enorm geschwächt. Das würde die Nachbarstaaten treffen – eine Kettenreaktion. Eins darf nicht unterschätzt werden: Es geht um eine Operation am lebenden Objekt. Außerdem: Sobald die Solidarität Europas mit einem Land nachlässt, beginnen die Märkte mit ihren Attacken auf die nächsten schwachen Staaten.

FORMAT: Weswegen einige dafür plädieren, die Eurozone in einen starken Nord- und einen schwachen Südteil zu separieren …

Walter: Solche Vorschläge verwirren mich. Welcher Staat gehört dann wohin? Was ist mit Frankreich? Was mit Irland? Welche Kriterien werden angelegt? Der Schuldenstand Spaniens ist nicht höher als der Deutschlands. Fliegt dann Spanien aus der Eurozone oder Deutschland? Treffen die Kapitalmärkte oder die Politik dann die Entscheidung? Solche Ideen werden doch nur von Menschen vertreten, die sich keine Gedanken über die Folgen machen.

FORMAT: Sie plädieren für eine EU-weite Schuldenbremse. Aber wenn jetzt alle sparen – woher soll dann das Wachstum kommen?

Walter: Wenn es die Option gäbe, noch einmal Konjunkturpakete einzusetzen, wäre ich sofort dafür. Die Schuldenstände fast aller Euroländer sprechen aber gegen solche Maßnahmen. Aber natürlich wird eine Schuldenbremse einen konjunkturdämpfenden Effekt haben.

FORMAT: Wie lange könnte der Ihrer Meinung nach anhalten?

Walter: Sicher länger als ein Jahr, aber maximal drei Jahre. Das müssen wir in Kauf nehmen. Die Alternative wäre die dramatische und langfristige Gefährdung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Sicherheit.

FORMAT: Sehen Sie die Weltwirtschaft in die Rezession rutschen?

Walter: Die Wahrscheinlichkeit, dass wir im nächsten Jahr zwei Quartale mit negativen Zuwachsraten haben, ist in der Tat groß. Das hängt aber auch von den Schwellen- und Entwicklungsländern ab.

FORMAT: Woher kommt die Stärke der Emerging Markets, wenn der verschuldete Westen als Abnehmer ausfällt?

Walter: Von ausreichenden Investitionsprojekten und einem hohen Inlandskonsum. Aber: Sich selbst können sie dadurch vielleicht vor einer Rezession bewahren, den Westen sicher nicht.

FORMAT: Derzeit ist viel von der „Schuldenkrise“ die Rede – müsste man stattdessen nicht von einer „Bankenkrise“ sprechen?

Walter: Das wäre eine Verkürzung. Eine Bankenkrise werden wir sicher wieder bekommen, aber die Staatsschuldenproblematik ist ein eigenständiges Problem.

FORMAT: Dennoch: Müssten nicht unsolide Banken endlich abgewickelt werden?

Walter: Eine Reihe von Instituten, die früher einmal groß waren, haben heute kein funktionierendes Geschäftsmodell mehr und sollten in die Insolvenz geschickt werden. Die überlebensfähigen aber sollten gerettet werden. Anstatt dabei immer an staatlichen Eigenkapitalersatz zu denken, sollte vermehrt um private Investoren geworben werden. Wir können froh sein, dass es Menschen wie Warren Buffett gibt (dieser ist mit fünf Mrd. Dollar bei der Bank of America eingestiegen, Anm.).

FORMAT: Großbritannien und die Schweiz fordern von ihren Banken eine wesentlich höhere Eigenkapitalquote als die für Basel III verbindliche …

Walter: Das halte ich für vollkommen richtig. Und vor allem sollten die Institute wesentlich schneller Eigenkapital aufbauen als bis zum Jahr 2019. Das sollte binnen weniger Jahre geschehen.

FORMAT: Für wie wahrscheinlich halten Sie eine baldige Einführung von Eurobonds?

Walter: Ich rechne damit, dass sie irgendwann kommen. Die Frage ist nicht wann, sondern eher wie. Wenn die Europäische Investitionsbank Fotovoltaikprojekte in Süditalien oder Griechenland finanziert, sind das im Grunde auch Eurobonds. Dafür bin ich. Wenn wir allerdings allgemeine Haushaltshilfe mobilisieren, stimme ich nur zu, wenn es dafür Schuldenbremsen mit automatischen Sanktionen gibt. Sonst denken viele zu Recht: „Wir helfen, und die strengen sich nicht an.“ Das funktioniert nicht.

FORMAT: Apropos helfen: Derzeit wird wieder vermehrt gefordert, die Vermögenden über entsprechende Steuern an den Krisenkosten zu beteiligen. Halten Sie das für sinnvoll?

Walter: Das lässt sich nicht pauschal sagen: In Griechenland etwa halte ich es für unerträglich, dass Leistungsträger sich aus der Steuerpflicht entfernen können. Auch bei den Amerikanern gibt es eine ganze Reihe Subventionen für Reiche, die gekappt werden könnten. Effektiver wäre dort aber die Einführung einer Benzinsteuer. Kommen wird das vor der Präsidentschaftswahl aber nicht.

FORMAT: Und in weiteren europäischen Staaten?

Walter: Viele Kontinentaleuropäer sind ja schon sehr hoch besteuert. Trotzdem hätte ich nichts gegen eine Vermögenssteuer, ich würde sie sofort einführen – wenn die Vermögen dann im Land blieben.

FORMAT: Lässt sich die Politik von den Finanzakteuren „am Nasenring durch die Manege ziehen“, wie der deutsche Bundespräsident kürzlich behauptet hat?

Walter: Solche Aussagen illustrieren doch nur den Hass auf die Finanzwirtschaft. Bei allem Verständnis – schließlich hat sie uns in diese Situation gebracht – halte ich es für vollkommen falsch, dass vernünftige Personen in der Öffentlichkeit solchen Emotionen nachgeben. Es sollte immer darum gehen, klug zu handeln – selbst wenn das Herz schmerzt.

Interview: Arndt Müller

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