Ökonom Niko Paech: „Wir sind Trophäensammler mit Konsum-Burn-out“

Ökonom Niko Paech: „Wir sind Trophäensammler mit Konsum-Burn-out“

Der Ökonom Niko Paech im Interview mit FORMAT-Redakteurin Martina Bachler über das Phänomen, dass uns mehr Konsum nicht noch glücklicher macht, und warum der Glaube an das Wirtschaftswachstum überholt ist.

FORMAT: Herr Paech, Ihr Buch heißt "Befreiung vom Überfluss". Was macht den Überfluss so belastend?
Paech: Es ist klar, dass nur noch eine Strategie der reinen Reduktion unserer Ansprüche Lösungen für die sozialen, ökologischen und ökonomischen Probleme unserer Zeit offenbart. Reduktion ist aber nicht mit Verzicht gleichzusetzen. Wir leben in einer reizüberfluteten Konsumsphäre, und mittlerweile ist der Punkt erreicht, an dem weiterer Konsum gar nicht mehr dazu beiträgt, dass das subjektive Wohlbefinden steigt. Wir müssen sogar von Konsum-Burn-out reden. Das durch Reduktion zu ändern, können wir als befreiend empfinden.

FORMAT: Warum wird Konsum als belastend empfunden, obwohl er Lust bringen soll?
Paech: Allein die Zeit, die man für die Vorbereitung eines Kaufs verwendet, ist unwiederbringlich weg. Und dummerweise bleiben uns gar nicht so viele Stunden am Tag für reinen Konsum übrig. Auch sind wir nachgewiesenermaßen nur sehr begrenzt fähig, mehrere Dinge auf einmal zu tun. Das heißt, dass wir für viele Dinge, die wir kaufen, gar nie die Zeit finden, sie zu genießen. Wir sind oft nur Trophäensammler.


Wir konsumieren, um das Unglück zu vermeiden, das droht, wenn wir nicht dazugehören.

FORMAT: Aber nur wenige ändern das…
Paech: Ja, denn wir konsumieren nicht nur, weil uns das glücklich macht. Es geht um emotionale Reize, aber auch darum, unsere Identität in der modernen Konsumgesellschaft zu bestimmen. Von Produkten hängt auch unsere Reputation ab. Wir konsumieren, um das Unglück zu vermeiden, das droht, wenn wir nicht dazugehören. Wenn wir nicht das neue Smartphone oder Auto haben wie alle anderen. Man fühlt sich dann ausgeschlossen. Bei Kindern ist es besonders schlimm.

FORMAT: Es erscheinen zurzeit viele Bücher, die Konsumverzicht thematisieren. Ist das schon ein Zeichen des Kulturwandels?
Paech: Die Gesellschaft hat nicht nur ökologische und, durch die hohe Verschuldung, finanzielle Grenzen erreicht, sondern auch psychische. Das lässt sich etwa an den gestiegenen Umsätzen von Psychopharmaka ablesen. Das Leben vereinfachen zu wollen, indem man Pausen zwischen Käufen einlegt, ist eine Art Selbstschutz. Der Einzelne tut sich damit aber schwer, er braucht ein Netzwerk und Pioniere, die vorzeigen, dass dies genussvoll gehen kann.

FORMAT: Angenommen, wirklich viele Menschen verzichten darauf, ständig einzukaufen: Bricht dann die Wirtschaft zusammen?
Paech: Es geht nicht darum, gar nicht mehr zu konsumieren, sondern weniger - und die Dinge dafür gemeinsam und länger zu nutzen. Das hat Effekte, ja, die Wirtschaft wird schrumpfen, die Produktion sinken. Die Auswirkungen davon sozial ausgewogen zu gestalten, wird eine Herausforderung. Dieser wird man sich aber so oder so stellen müssen, denn das schuldenfinanzierte Wachstumsdenken geht auf Dauer nicht gut. Wir müssen das auch den Unternehmen klarmachen.

FORMAT: Was bedeutet das für Unternehmen?
Paech: Unternehmen werden ohnehin Federn lassen müssen, weil die Ressourcen nicht reichen werden und die Instabilität zu groß ist, um das bisherige System zu erhalten. Es geht darum, weniger Produkte anzubieten, dafür aber an Menschen Wissen und Fähigkeiten heranzutragen, wie sie diese Produkte länger nutzen, updaten und upgraden können. Hier können neue Geschäftsfelder entstehen.

FORMAT: Wenn weniger produziert wird, gibt es auch weniger Arbeit.
Paech: Ja, aber der Kreis kann sich schließen: Es wird dann von allen weniger gearbeitet, weniger produziert, verdient und konsumiert, dafür aber mehr selbst gemacht, geteilt und repariert. Wir werden solche Rezepte in Zukunft sowieso brauchen, da ist es gut, sie in einigen Nischen auszuprobieren und Erfahrungen zu sammeln.

FORMAT: Und der Rest der Welt macht mit?
Paech: Gerade weil wir in einer globalisierten Welt leben, brauchen wir einen Lebensstil , der für alle gelten kann. Wir wissen, dass die Klimaziele, auf die man sich geeinigt hat, nur erreichbar sind, wenn alle weniger CO2 verbrauchen. Die neuen sogenannten "grünen" Technologien haben noch nicht dazu geführt, dass wir weniger Ressourcen verbrauchen. Also brauchen wir andere Lösungen.

Zur Person: Niko Paech

Niko Paech, 53, forscht zu Umweltökonomie und nachhaltigem Wirtschaften an der Universität Oldenburg. Er propagiert eine Postwachstumsökonomie als Wirtschaftssystem, das nicht auf Wachstum angewiesen ist. Sein Buch "Befreiung vom Überfluss" erschien im oekom verlag.

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