ÖBB: Christian Kerns Sanierungskurs greift

Der ÖBB-Boss hat bei der Sanierung bessere Karten als seine Vorgänger. Die Pläne greifen. Aber der rasend schnell steigende Schuldenberg könnte das System Bahn zum Entgleisen bringen.

Montag: Gespräch mit Kärntens Landeshauptmann Gerhard Dörfler. Dienstag: Aufsichtsrat der ÖBB-Holding. Mittwoch: Spatenstich für den Semmering-Basistunnel gemeinsam mit Verkehrsministerin Doris Bures und den Landeshauptmännern Erwin Pröll und Franz Voves. Donnerstag: Bilanzpressekonferenz. Anschließend Präsentation für das Topmanagement. Dazwischen Vorstandsmeetings, Besprechungen, Jours fixes.

Der Terminkalender von Christian Kern ist in dieser Woche noch dichter gefüllt als sonst. Manche Gespräche sind heikel, es geht um viel. Denn ÖBB-Chef Kern hat die nahezu unmögliche Aufgabe übernommen, aus dem staatlichen Verkehrsbetrieb wieder ein stattliches Unternehmen zu machen. Oder zumindest ein ganz normales Unternehmen. Das ist aktuell die Devise in seinem Team.

Seit knapp zwei Jahren ist der gebürtige Wiener im Amt, und er hat seither eine Fülle von kleineren und größeren Maßnahmen gesetzt: Manager und Aufsichtsräte in Töchtern wurden ausgetauscht, Malversationen - etwa Schmiergeld-Fälle im Güterverkehr - vor Gericht gebracht. Mit Do & Co wurde ein neuer Caterer für die Speisewagen installiert.

Der 46-jährige Kern hält die ÖBB, die heuer 175 Jahre Eisenbahn in Österreich feiern, in Bewegung: In Ostösterreich wird ab August die Fahrtrichtung der Züge auf Rechtsverkehr geändert, noch heuer wird man in 25 Minuten von Wien nach St. Pölten düsen. Die Produktivität der Mitarbeiter (gemessen an den Marktumsätzen) stieg seit 2010 um 21 Prozent, das Pensionsantrittsalter ging leicht nach oben. Geschäftsberichte werden aus Kostengründen nur mehr in geringer Zahl gedruckt. Geschichten über Passagiere, die aus übervollen Zügen geworfen wurden, sind seltener geworden. Und es wird daran gearbeitet, dass man für Internet-Tickets bald keinen Papierausdruck mehr braucht.

Langsam beginnt die Sanierung zu greifen: Das Konzernergebnis wurde 2011 um 300 Millionen auf minus 28 Millionen verbessert. Oder noch aussagekräftiger: Das Ergebnis ohne Abschreibungen und Zinsen, das wirklich aus dem Geschäft der Bahn kommt, stieg um 180 Millionen.

Das Einzige, was man dem Generaldirektor vielleicht vorwerfen kann: dass er dem irrwitzigen Milliardeninvestitionsprogramm der Regierung, von dem Teile sogar bei den ÖBB angezweifelt werden, offiziell nichts entgegensetzt. Und Kern hat auch ein wenig Fortüne: Die staatliche Schuldenkrise führt dazu, dass die Politik der Bahn nicht mehr so ungeniert und ungeachtet aller Kosten hineinregiert.

Gekommen, um zu bleiben

Das größte Kunststück, das Kern gelungen ist: Es wird nicht an seinem Sessel gesägt. In der Vergangenheit waren ÖBB-Bosse oft schon bei ihrem Antritt mit einem Ablaufdatum versehen. Rüdiger vorm Walde schoss sich ins Out, als er bei seiner ersten Pressekonferenz den Franz-Josefs-Bahnhof mit dem Ernst-August-Bahnhof verwechselte und sich dann von der Gewerkschaft über den Tisch ziehen ließ. Martin Huber wurde von Anfang an von Betriebsrat und SPÖ bekämpft, sein Nachfolger Peter Klugar war ohnehin immer nur eine Übergangslösung. Kern hingegen kam, um zu bleiben. Auch wenn die Sanierung der ÖBB ein Kraftakt mit laufender Entgleisungsgefahr ist.

Dass er sich dabei so gut hält, führt zu Lob von allen Seiten: Selbst von Grünen, FPÖ und ÖVP wird dem ehemaligen SPÖ-Mitarbeiter Kern Anerkennung gezollt. "Der Manager ist gut“, sagte BZÖ-Obmann Josef Bucher vergangenen Sonntag in der Sendung "Im Zentrum“. Kern schlage sich wacker, urteilt Klaus Woltron. Der Unternehmer war selbst einmal als ÖBB-Chef im Gespräch. Er hat damals abgesagt, weil seine Frau mit sofortiger Scheidung gedroht habe. Es sei "eine Frage der Magennerven und der fehlenden Rücksicht auf die begrenzte eigene Lebenssubstanz, in diesem unmöglichen Umfeld mit Anstand über die Runden zu kommen“.

Warum Kern im Vorteil ist

Kern wirkt nach außen wenig verändert - als habe er starke Magennerven. Wie noch zu Verbund-Zeiten ist er smart, dann und wann ein bisschen dandyhaft, immer locker, trotzdem konzentriert und karrierebewusst. Höchstens die Augenringe des früheren Publizistikstudenten und Journalisten sind ein bisschen größer als noch vor zwei Jahren. Dass er sich ganz akribisch persönlich um die Kommunikation nach außen kümmert, ist eines seiner Erfolgsgeheimnisse.

Rückenwind erhält Marketingprofi Kern durch die hohen Benzinpreise, die für mehr Kunden auf den Bahnstrecken sorgen. Hilfreich ist auch, dass ihn Verkehrsministerin Doris Bures halbwegs in Ruhe machen lässt.

Sie jammert nicht einmal über die ÖBB, wenn angekündigt wird, Stückgut auf der Straße statt auf der Schiene zu transportieren. Der frühere Bahn-Gewerkschaftsboss Wilhelm Haberzettl, der Sparvorhaben recht schnell als "Kriegserklärung“ auffasste, hat mittlerweile die Branche gewechselt. Vielleicht auch, weil der Rückhalt der Eisenbahner in der Politik schwand? Nachfolger Roman Hebenstreit gibt sich konzilianter, zudem hat er weniger Macht in der SPÖ. Die ÖVP folgt nun nach Jahren des ÖBB-Bashings eher der Spindelegger-Parole: "nicht streiten“. Nur vereinzelt mucken Mandatare der Volkspartei auf. Ferry Maier ist so einer - doch der tritt Ende Mai zurück.

Nach wie vor besetzt die ÖVP keine Aufsichtsratsmandate bei der Bahn. Daran wird sich auch nichts ändern, wenn der oberösterreichische Ex-Banker Ludwig Scharinger in das Kontrollgremium einzieht. Denn er soll nicht von der Volkspartei "erfunden“ worden sein, sondern vom "roten“ Aufsichtsratsboss Horst Pöchhacker.

Sogar der Wettbewerb auf der Westbahn nützt Christian Kern, selbst wenn die ÖBB zwischen Wien und Salzburg nun weniger umsetzen. "Aber durch die Liberalisierung ist bei den ÖBB plötzlich einiges gegangen, was vorher unmöglich schien“, sagt der FPÖ-Verkehrssprecher Gerhard Deimek. Mit der "Sparschiene“ etwa wurde um Passagiere geworben - 800.000 Personen haben bei diesem Angebot bereits zugegriffen.

Der Konkurrent ist weniger angetan. "Die Strategie der ÖBB ist es, mithilfe von Steuergeld den Wettbewerb einfach auszuhungern. Gegen diese Vorgehensweise haben wir Beschwerde bei der Bundeswettbewerbsbehörde eingelegt“, sagt Westbahn-Sprecher Manfred Mader. Insgesamt fechten ÖBB und Westbahn mittlerweile elf Rechtsstreitigkeiten aus. Für Kern ist aber vor allem die Westautobahn der Verlierer in diesem Match (siehe Interview ) .

Trotz vieler kleiner Schritte: Noch ist nicht einmal die Halbzeit bei der Sanierung erreicht. Besonders beim Güterverkehr muss die Schlagzahl erhöht werden. "Das ist die größte Herausforderung“, sagt Gewerkschafter Hebenstreit. In den ersten drei Monaten gab es konjunkturbedingt wieder Rückgänge, seit dem Auslaufen der sektoralen Lkw-Fahrverbote ist die Schiene deutlich im Hintertreffen.

Da nützt es auch nichts, wenn die ÖBB mit diesem Problem nicht allein sind. Auch in Deutschland und in der Schweiz muss der Bahngüterverkehr restrukturiert werden, auch dort kämpft man gegen die roten Zahlen.

Eigentlich hat Kern angekündigt, die Zahl der Töchter im Güterverkehr - rund 100 - halbieren zu wollen. Bislang sind es erst 18 weniger. "Alles, was wir tun, findet unter den Augen der Öffentlichkeit und mit der kritischen Begleitung durch den Rechnungshof statt“, sagt Kern. "Verkaufen wir nur einen Euro unter einem fiktiven Verkehrswert, sind wir womöglich mit einer Anzeige wegen Untreue oder Sorgfaltspflichtsverletzung konfrontiert.“ Dadurch sei der Verkauf deutlich komplexer als in einem normalen Unternehmen, wo Beteiligungen, die nicht zur Strategie passen, leichter abgestoßen werden.

Auch dass die ÖBB nicht nur nach betriebswirtschaftlichen Kriterien gemessen werden, macht die Restrukturierung schwierig. Bei Holz- und Papiertransporten verdient die Bahn derzeit im besten Fall eine schwarze Null. "Aber das ist eine Branche mit 300.000 Arbeitsplätzen, die wichtig für Österreichs Wirtschaft ist“, erklärt Kern. Er hofft nun, dass die Rendite durch staatliche Unterstützung noch steigt. Verhandlungen dazu soll es im Mai geben.

Im Konzern tauchen immer wieder neue Altlasten oder unliebsame Überraschungen auf. Ein Streit über die korrekte Abrechnung von Urlaubsentgelten mit der Eisenbahner-Versicherung kostet die Bahn nun 13 Millionen Euro.

2.800 Mitarbeiter wurden seit Kerns Antritt bei den ÖBB abgebaut. Dass der Konzern unter 40.000 Beschäftigte kommt, soll spätestens nächstes Jahr erreicht werden - das bedeutet erneut 800 Arbeitsplätze weniger. Zudem muss die Mobilität erhöht werden. "Im ÖBB-Dienstrecht muss es die Möglichkeit geben, die Beschäftigten in ganz Österreich zu versetzen“, fordert ÖVP-Verkehrssprecher Martin Bartenstein. "Für mich ist die Nagelprobe, ob Kern es schafft, im operativen Geschäft wieder schwarze Zahlen zu erzielen.“ Für 2013 ist die schwarze Null angestrebt, mit viel Glück können sich kleine Gewinne schon heuer ausgehen.

Die größten Sorgen macht vielen Beobachtern der rasant wachsende Schuldenberg der Bahn - mittlerweile beläuft er sich auf 19 Milliarden Euro. "Ich rate Kern, dass er endlich öffentlich sagt, das Bauprogramm ist für die ÖBB nicht machbar“, sagt die grüne Verkehrssprecherin Gabriela Moser. Sie fürchtet ein brutales Sparprogramm auf Kosten der Mitarbeiter und der Kunden, das die ÖBB zur Rückzahlung auf sich werden nehmen müssen.

Der ÖVP-Abgeordnete Ferry Maier spricht gar von "Investitions-Harakiri“ und "purer Geldvernichtung“. Seine Klubkollegen seien zu "feig“ gewesen, um gegen das 32,8 Milliarden schwere Paket der Regierung für Infrastrukturprojekte der Bahn zu stimmen. Das Geld soll bis 2017 ausgegeben und bis 2066 abgestottert werden. "Daran verdient nur die Bau- und die Bankenlobby“, sagt Moser. Denn von den Annuitätenzahlungen der Bahn entfalle rund die Hälfte auf Zinsen.

Die Bahn im Tunnelwahn?

Allein für den Koralmtunnel müssen täglich 450.000 Euro Zinsen bezahlt werden“, sagt der Buchautor Hubertus Godeysen ("ÖBB - Schwarze Löcher, Rote Zahlen“). Um diesen Betrag zu erwirtschaften, müssten täglich alle Grazer nach Klagenfurt und alle Klagenfurter nach Graz fahren - mit Vollpreistickets. Godeysen spricht von der größten Idiotie im Bahnbau in ganz Europa. "Wenn die ÖBB ein normales Unternehmen wären, müssten Vorstand und Aufsichtsrat wegen Konkursverschleppung das Gefängnis fürchten“, so Godeysen. Und die Politiker würden die Zukunftsfähigkeit des Landes aufs Spiel setzen. Besser wäre es, in Bildung zu investieren als in Löcher.

Der ÖBB-Chef bleibt gelassen. Er argumentiert, dass das ohnehin Schulden des Staates seien, auch wenn sie jetzt bei den ÖBB geparkt werden. "Investitionen stärken langfristig unsere Wettbewerbsfähigkeit“, sagt er, sie beleben die Wirtschaft und lassen auch Werte entstehen. Doch ganz glaubt man Kern nicht, dass er persönlich so davon überzeugt ist. Wofür auch sein Nachsatz spricht: Für die ÖBB sei es kein Problem, weniger zu bauen. Das liege ganz beim Eigentümer.

Und sein Terminkalender? Der bleibt dicht. "Auf die Woche, in der es ruhiger wird, warte ich schon seit fast zwei Jahren“, sagt Kern mit einem Grinsen. "Man braucht wohl ein gewisses Maß an Besessenheit.“

- Miriam Koch

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