Obama-Berater: „Die USA, Deutschland und Österreich werden die Krise gut überstehen“

Der Ex-Chefökonom des IWF, Kenneth Rogoff, beurteilt staatliche Hilfspakete skeptisch, sieht aber keine Alternativen dazu – und große Risiken in Osteuropa.

Format: Sie sind ein überzeugter Anhänger des freien Marktes und setzen sich derzeit doch genau für das Gegenteil ein: stärkeren staatlichen Einfluss und massive Erhöhung der Staatsausgaben. Ist die Angst vor einem Zusammenbruch der Wirtschaft so groß, dass Sie Ihre frühere Überzeugung über Bord werfen?
Rogoff: Wir befinden uns in einer Situation, die vor allem in den USA weit über eine normale Rezession hinausgeht. Da bedarf es zumindest temporär rigoroser Maßnahmen. Die Regierungen, auch die in Europa, haben ohnehin viel zu lange gedacht, es wird nicht so schlimm, und haben mit ihren Rettungspaketen zu lange zugewartet.
Format: Glauben Sie, die Milliarden, die jetzt in die Wirtschaftssysteme gepumpt werden, nützen diesen nachhaltig?
Rogoff: Das kann im Grunde genommen niemand beurteilen, da noch nie mit so viel Geld versucht worden ist, die Wirtschaft zu stimulieren. Aber ich bin skeptisch. Die Chancen, dass sie etwas bringen, sind, fürchte ich, geringer als 50 Prozent. Allerdings bleibt uns angesichts des ökonomischen Schlamassels nichts anderes übrig, als alles zu versuchen.

USA werden Europa viel ähnlicher sein als heute
Format: Die Amerikaner gelten als äußerst flexibel. Manche Experten trauen den USA deshalb zu, sich rascher von der Wirtschaftskrise zu erholen als Euro-pa. Teilen Sie diese Meinung?
Rogoff: Nein. Denn die Flexibilität, die die Amerikaner auszeichnete, wurde erst durch das lockere Finanzsystem möglich. Jetzt, wo wir mit gebrochenen Knochen dastehen, wird sich vieles ändern. Am Ende dieser Krise wird der Staat sich viel stärker in die Wirtschaft einmischen, und die USA werden Europa viel ähnlicher sein als heute.
Format: Was muss sich international ändern, damit es bei den Banken wieder zu einer Wende zum Besseren kommt?
Rogoff: Der Sektor muss neu reguliert werden, und es muss Blut fließen. Das heißt, es muss bei den Banken auch Konkurse geben, und auch die Gläubiger müssen Geld verlieren. Die Rettung der Citibank etwa war ein Fehler.

Zinsen werden sich in drei Jahren verdreifachen
Format: Nach Ansicht von Präsident Obama werden die fiskalischen Maßnahmen letztlich über eine Trillion Dollar verschlingen. Was sind die Folgen?
Rogoff: Die Zinsen werden sich in drei Jahren verdreifachen, die Inflation wird steigen, und es wird unter den US-Bundesstaaten zu einer Pleitewelle kommen. Einzelne Ausfälle hat es auch schon in der Vergangenheit gegeben.
Format: Auch weltweit steigt die Staatsverschuldung explosionsartig an. Ist in einzelnen westlichen Ländern mit der Zahlungsunfähigkeit zu rechnen?
Rogoff: Italien und Griechenland droht in zwei, drei Jahren die Pleite. Andere Länder wie Deutschland, Österreich und die USA werden das gut überstehen. Die Nettoverschuldung der USA wird unseren Berechnungen zufolge in drei Jahren von derzeit 46 Prozent auf 80 Prozent steigen. Nach dem Zweiten Weltkrieg lag die Verschuldung aber bei 130 Prozent.

Gefahren in Osteuropa nicht zu unterschätzen
Format: Osteuropa ist bisher von der Krise nicht so stark getroffen worden wie der Westen. Werden diese Staaten mit einem vergleichsweise milden Abschwung davonkommen?
Rogoff: Die Gefahren in Osteuropa sind nicht zu unterschätzen. Dort machen sich die Auswirkungen der Krise zwar erst verzögert bemerkbar, aber dort lauern in Europa derzeit die größten -Risiken. Ungarn, die baltischen Staaten oder die Ukraine, die schon jetzt schlecht dastehen, könnten in drei Jahren vor dem Kollaps stehen.
Format: Was macht Osteuropa so besonders problematisch?
Rogoff: Das Wachstum in diesen Ländern wurde zum Großteil auf Pump finanziert. Erschwerend kommt hinzu, dass 70 Prozent des aufgenommenen Kapitals in Fremdwährung finanziert wurden. Die Länder reagieren deshalb extrem sensibel auf die Kreditklemme.

Scheint keinen Plan zu geben
Format: Österreichische Banken zäh-len zu den größten Kapitalgebern
in dieser Region. Wie beurteilen Sie die Situation dieser Institute?

Rogoff: Als dramatisch. Die Lage der österreichischen Banken stellt eines der größten Probleme in Europa dar. Aber es scheint keinen Plan zu geben, wie man die Kreditrisiken in den Griff bekommt.
Format: Was wäre die Lösung?
Rogoff: Es müsste zu einer Teilung der Lasten innerhalb Europas kommen. Die Sanierung dieser Banken lässt sich aber managen, auch wenn die Situation wesentlich komplexer ist als etwa bei der Deutschen Bank oder der UBS.

Anneliese Proissl

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